„Ich hätte gern Karten für ‚Deutschland sucht den Superstar’.“ Irritiert blicken wir uns an, nachdem das Plakat, das das Kommen der Kastelruther Spatzen verkündet, schon nicht sonderlich verheißungsvoll auf uns gewirkt hatte. Die zahllosen schwarzgewandeten Gestalten jedoch, die dem Eingang der Arena Oberhausen zustreben, bestätigen uns, daß wir hier doch richtig sind beim „On A Dark Winter’s Night“-Festival. Und wahrscheinlich wirken diese Gestalten ebenso furchteinflößend auf die Käufer der Superstar-Karten wie uns deren Kaufwunsch befremdet.

„Gästeliste Presse? An der Kasse nebenan“, wird uns an Kasse 8 beschieden, und brav begeben wir uns zu Kasse 7, nur um zu Kasse 1 oder 2 verwiesen zu werden.

„Die Gästeliste wird erst um 15 Uhr geöffnet“, erfahren wir dort, und außerdem läge die dann an einer der Kassen, von denen man uns eben noch fortgeschickt hatte. Ach so ... also gut, wir stellen uns wieder neben dem Plakat der Kastelruther Spatzen an und harren der Dinge, die noch kommen mögen.

Deutlich nach 15 Uhr wird tatsächlich die Gästeliste geöffnet, Akkreditierung und Fotogenehmigung haben auch funktioniert, doch dann funktioniert erst einmal nicht mehr so viel. Man sollte annehmen, daß bei einer Halle, in der ständig Großveranstaltungen stattfinden, die Organisation reibungslos abläuft, doch die Wanderung zwischen verschiedenen Kassen ist nur ein kleiner Vorgeschmack darauf, daß diese Annahme an diesem Tag trog. Obwohl die Arena deutlich mehr Eingänge aufweist, werden nur zwei geöffnet, um die zahllosen Musikfans einzulassen. Die Folge: Gedränge und Geschubse, zentimeterweises Vorankommen, doch um kurz vor halb vier haben auch wir es geschafft und befinden uns zumindest schon einmal im Inneren der Halle. Beharrliches Nachfragen bei Ordnungskräften, die zum Teil den Eindruck machen, über den Ablauf nur unvollkommen informiert zu sein, ebnet uns schließlich den Weg in den Innenraum der Arena. Souverän meistern wir auch noch die letzte Hürde – „Mit silbernem Bändchen dürft ihr hier nicht rein. Fotogenehmigung? Ach so, ja, dann dürft ihr doch.“ – und schaffen es gerade noch zum Fotograben, als Saltatio Mortis das Festival eröffnen.

Die gutgelaunte Formation bringt mit ihrer Mischung aus Rock und Mittelalterklängen bereits Stimmung in die Halle und reißt insbesondere das Publikum im Innenraum mit lockeren Sprüchen, Pyroshow und tanzbaren Melodien sofort mit. Die Größe der Halle scheint die Band, die auf Mittelaltermärkten akustisch vor deutlich kleinerem Publikum spielt, nicht abzuschrecken, sondern im Gegenteil zu Höchstleistungen anzuspornen – schade nur, daß ihr Auftritt bereits nach 30 Minuten beendet ist, die Jungs hätte man gern noch länger auf der Bühne gesehen.

Musikalisch soll das Festival für jeden Geschmack etwas bieten, und so betritt nach Saltatio Mortis mit [:SITD:] eine Elektronik-Formation die Bühne. Nach dem reichhaltigen Instrumentarium der Mittelalter-Rocker wirken die Musiker mit ihren Gerätschaften ein wenig verloren auf der Bühne, und so muß der Einsatz der Lichttechnik einen Ausgleich schaffen für das bei diesem Genre oftmals sparsame Showelement. Was auf den Tanzflächen der einschlägigen Clubs ein Renner ist, muß in der Live-Darbietung nicht unbedingt überzeugen; zumindest mich persönlich versetzt dieser Auftritt nicht sonderlich in Ekstase, zumal der Sänger zwischenzeitlich scheinbar unmotiviert über die Bühne taumelt und den Eindruck erweckt, leicht orientierungslos zu sein. Aber Geschmäcker sind zum Glück verschieden, und auch [:SITD:] können sich des Applauses ihrer Fangemeinde sicher sein.

Der Aufbau für die nächste Band verheißt: Jetzt wird es gruftig. Vom Mikro-Ständer glotzt ein Totenschädel aus leeren Augenhöhlen in die Menge, und zu düsterem Licht betreten weißgeschminkte Gestalten mit schwarz umrandeten Augen die Bühne. Der Sänger trägt einen schwarzen Anzug und Zylinder (hat man Marilyn Manson nicht auch schon ähnlich gesehen?), und von dem mächtigen Stab in seiner Hand prangt ein weiterer gehörnter Totenschädel.

„Na, wenigstens hat das einen komischen Unterhaltungswert“, vernehme ich aus der ersten Reihe. Gothminister bedienen jedes Grufti-Klischee überreichlich, von den erwähnten Symbolen bis hin zu den halbnackten jungen Damen, die den Hauptpart der Show bestreiten dürfen. Musikalisch bietet die Formation eine ansprechend unaufdringliche Mischung aus Gothic und Electro, doch zwischendrin ertappe ich mich immer wieder dabei, daß mir Knorkator durch den Kopf spuken, die dereinst grollten: „Böse, ich bin so böse …“

Ein weiterer Garant für nackte Tatsachen sind die im Anschluß auftretenden Blutengel. Sänger Chris Pohl steht flankiert von zwei Sängerinnen an seinem von Kerzen beleuchteten Pult, während sich im Hintergrund wiederum leichtbekleidete Damen amüsieren. Das Ganze wirkt zwar deutlich ausgefeilter als die vorangegangene Darbietung, doch man fragt sich, ob nicht vielleicht ein leichtbekleideter Herr auch mal einen netten Akzent für die anwesende Damenwelt setzen würde …

Stilistisch bewegen sich Blutengel in ähnlichen Fahrwassern wie Gothminister, Melodien zwischen eingängig und schwermütig, die viele Grufti-Herzen höher schlagen lassen, doch merkt man der Band die Professionalität und Routine an, mit der sie sich eine große Fangemeinde erspielt hat und die manch anderem noch ein Stückweit abgeht.

Erstes Gedrängel im Fotograben kommt auf, als sich mit Oomph! ein stilistischer Wechsel vollzieht und die harten Klänge in der Arena regieren. Vom ersten Ton an tobt Sänger Dero wie ein Derwisch über die Bühne und zieht mit irrem Blick und wilden Gesten das Publikum in seinen Bann. Seine Mitstreiter Flux und Crap stehen ihm an Energie in nichts nach, und es scheint, als hätten die harten Gitarrenriffs und treibenden Rhythmen nach reichlichem gotischem Seelenschmerz eine befreiende Wirkung – der Zeitpunkt, diesen Akzent zu setzen, ist jedenfalls genau richtig gewählt, und die Menge feiert die Band, die lange völlig zu Unrecht im Schatten von Rammstein stand.

Elektronisch wird es dann wieder mit VNV Nation, die lediglich zu zweit auf der Bühne stehen, aber eine sehr ansprechende Videoshow im Gepäck haben, die für die nötige optische Untermalung sorgt. Das Gedränge vor der Bühne beweist, daß VNV Nation zu den Bands gehören, denen bereits Charts-Erfolge beschieden waren, und die elektronischen Beats verführen auch manch einen zum Mitwippen, der normalerweise in anderen Genres zu Hause ist.

Und dann ist es soweit – eins der großen Highlights des Abends steht an, das offenkundig viele Fans aus dem benachbarten Holland nach Oberhausen getrieben hat.

Überdimensionale weiße Torbögen und überlebensgroße Engelstatuen verheißen, daß eine Band die Bühne betreten wird, die viel Wert auf eine ausgefeilte und in sich stimmige Show legt, und Within Temptation beweisen vom ersten Moment an, daß sie völlig zu Recht derzeit zu den angesagtesten Formationen der alternativen Szene gehören. Vor einem Jahr noch nur in ihrer Heimat Holland bekannt, konnten sie in diesem Jahr auch in Deutschland große Erfolge feiern, und ihre Videos laufen noch immer auf den einschlägigen Musikkanälen rauf und runter. Absoluter Mittelpunkt der Band ist Sängerin Sharon den Adel, die vor Energie nur so strotzt und in langem, schulterfreiem Kleid unermüdlich über die Bühne tanzt. Mehr als beeindruckend auch ihre phantastische Stimme, die im leibhaftigen Vergleich locker jeder noch so ausgefeilten Studioproduktion standhalten kann und vielen eine Gänsehaut bescheren dürfte. Neben ihren großen Hits „Ice Queen“ und „Mother Earth“ präsentieren Within Temptation unter anderem auch die Cover-Version von Kate Bushs Klassiker „Running Up That Hill“, und Sharons Tanzchoreographie erinnert tatsächlich gelegentlich an diese Künstlerin. Within Temptation begeistern das Publikum, und das Publikum begeistert die Band, die den Eindruck erweckt, jeden einzelnen Augenblick dieses Auftritts zu genießen und in neue Energie umzusetzen. Warum allerdings ausgerechnet diese Formation, die sich in Deutschland Goldstatus erspielt hat und mit „Ice Queen“ in den Jahres-Singles-Charts immerhin auf Platz 81 gelandet ist, gerade mal 45 Minuten auf der Bühne stehen durfte, wird wohl für immer eins der großen Geheimnisse dieses Festivals bleiben … ich jedenfalls hätte Within Temptation sehr gern noch deutlich länger hören und sehen mögen.

Mit Saltatio Mortis hatte das Mittelalter das Festival eingeläutet, und mit In Extremo bringt das Mittelalter die Veranstaltung schließlich auch zum Abschluß. Am Tag zuvor hatte man noch befürchtet, der Auftritt könne womöglich ausfallen, nachdem das Konzert in Fürth wegen einer Erkrankung von Sänger Micha Rhein abgesagt worden war. Doch als In Extremo nach einer längeren Umbaupause die Bühne betreten, wirken sie so energiegeladen und motiviert wie immer, und auch Micha macht den Eindruck, sich wieder bestens erholt zu haben.

Knappe 1 ½ Stunden Mittelalterrock, reichlich Feuerzauber und natürlich Klassiker wie „Vollmond“, „Spielmannsfluch“ oder „Ai Vis Lo Lop“ sorgen nach einem langen Festival-Tag noch einmal für Partystimmung. A propos „Ai Vis Lo Lop“: Micha läßt es sich auch in Oberhausen nicht nehmen, einen Besucher auf die Bühne zu zitieren, um mit ihm dieses Lied anzustimmen. Text- und Stimmsicherheit fehlen zwar dem mehr oder minder freiwilligen Gast auf der Bühne gänzlich, doch hat diese Einlage bei denen, denen diese fragwürdige Ehre nicht zuteil wird, großen Unterhaltungswert.

Um kurz nach Mitternacht dann ist alles vorbei, und Tausende erschöpfter Musikfans verlassen die Arena – und viele von ihnen werden wie wir eine Dreiviertelstunde in ihren Autos gewartet haben, bis es ihnen möglich ist, das Parkhaus zu verlassen.

Ach ja, ein bißchen Rahmenprogramm in Gestalt eines kleinen Markts mit Verkaufsständen und Autogrammstunden der teilnehmenden Bands gab es auch, doch auch hier versagte die Organisation ein Stück weit. Zwar wurde mit Plakaten auf die Autogrammstunden hingewiesen, doch kaum jemand von den Ordnungskräften sah sich imstande, auf Nachfragen den Weg dorthin zu weisen. Sehr positiv hingegen die Tatsache, daß die ersten Reihen im Innenraum von der Security reichlich mit Wasser versorgt wurden und vereinzelte Randalierer, die dem Alkohol zu reichlich zugesprochen hatten, umgehend und entschlossen hinauskomplimentiert wurden. Ebenso erfreulich die relativ kurzen Umbaupausen zwischen den einzelnen Acts, durch die unnötiges Warten auf die nächste Band vermieden wurde.

So war dieses Festival letztendlich ein friedliches und unterhaltsames Ereignis, das unterschiedliche Geschmäcker bediente und den moderaten Eintrittspreis von ca. 35 Euro mehr als wert war.

 

Ancalagon