Nein, es ist ja nicht so, daß immer alles glattgehen müßte, wenn man sich zu einem Konzert-Event auf den Weg macht. Warum allerdings ausgerechnet an diesem Sonntag der Teufel in den Leitungsrohren der Wohnung meiner Mitstreiterin stecken mußte, wird wohl auf immer eins der ungeklärten Rätsel der Geschichte bleiben. Hektische Anrufe, etwas weniger hektische Hin- und Herfahrerei, und das alles zu einer Uhrzeit, zu der ich normalerweise an einem Sonntag Vormittag gern noch einmal ein Stück Kopfkissen von meinem Kater erkämpfe und ein wenig schlummere … egal, da mußten wir nun durch, und ein gänzlich unhektischer Notdienst sorgte dafür, daß sich die Wogen in den Rohren glätteten, während ein Cappuccino gleiches bei den Wogen in unseren Gemütern bewirkte.

Und dabei wäre jegliche Hektik sowieso völlig fehl am Platz gewesen, denn trotz dieser unplanmäßigen Störung unseres Tagesablaufs waren wir viel zu früh am Duisburger „Pulp“. Für die Wahl dieses Veranstaltungsortes gebührt den Machern des Miroque-Festivals schon ein erstes großes Kompliment, denn die burgähnliche Anlage, die man inmitten eines Duisburger Industriegebietes kaum vermuten würde, bot mit den gewölbeartigen und liebevoll ausgestatteten Räumen ein perfektes Ambiente für ein Mittelalterfestival.

Wie gesagt, wir waren zu früh, aber es stand ja auch noch ein Interview mit Cornix Maledictum auf dem Programm, und so hatten wir immerhin Zeit und Muße, uns das „Pulp“ ein wenig näher zu betrachten (die Stände des kleinen Mittelaltermarkts haben wir später leider nicht mehr genauer inspizieren können). Bis auf Cornix Maledictum waren die Bands schon eingetroffen, und ein (scheinbar immer) gutgelaunter Strahli von Cultus Ferox begrüßte uns als Mittelalter-Punk mit Besenbürste auf dem Kopf – später konnte man ihn mehrfach mit Gitarre und fröhlich vor sich hinträllernd sichten, während Donar bekannte, noch nicht richtig aus den Augen gucken zu können.

Kurz vor dem offiziellen Einlaß hatten wir dann auch unser Interview beendet und Cornix Maledictum ihren Soundcheck absolviert, und das „Pulp“ füllte sich allmählich – zum Teil mit Gewandeten, die den Räumlichkeiten noch das richtige Flair verliehen.

Mit Cornix Maledictum, Cultus Ferox und Schelmish wartete eine interessante Bandzusammenstellung auf die Zuschauer, und einigen Gesprächsfetzen war zu entnehmen, daß sich auch In Extremo-Fans eingefunden hatten, sollten doch Das Letzte Einhorn Micha Rhein und Flex der Biegsame Schelmish bei ihrem Auftritt verstärken.

Um es vorneweg zu schicken: Jede der drei anwesenden Bands hätte an diesem Abend auf Grund ihrer musikalischen Qualitäten Headliner sein können, doch da ein gleichzeitiges Auftreten dafür gesorgt hätte, daß die Bühne wegen Überfüllung geschlossen worden wäre, kam Cornix Maledictum die Aufgabe zu, das Festival zu eröffnen. Und diese Aufgabe lösten Ardor vom Venushügel und seine Mitstreiter Steffen der Lautenschläger und Die Zunge bravourös. Sehr gelungen vor allem die Cornix-Version des russischen Volkslieds „Katjuscha“, aus dem das Trio auf dem aktuellen Album kurzerhand ein „Ska-Tjuscha“ mit mitreißenden Ska-Rhythmen gemacht hatte. Und wessen Seele mehr den düsteren Gefilden zuneigt, hatte sicher seine Freude an „Der Hexer“. Schade nur, daß die „Rabenballade“ außen vor blieb, die mir doch gerade in der Version von Cornix Maledictum besonders gut gefällt.

Übrigens wurde Ardor die Ehre zuteil, der einzige Musiker des Abends zu sein, dem ein BH auf die Bühne flog … wie viele er wohl schon gehortet haben mag?

Cornix Maledictum hatten mithin für einen gelungenen  Auftakt gesorgt;  als etwas weniger gelungen empfand ich demgegenüber den Alleinunterhalter, der wohl die Umbaupause verkürzen sollte, dessen Sprüchlein aber wohl nur die wenigsten interessierten – und zum Glück verzichtete er in der zweiten Umbaupause auf einen weiteren Einsatz.

Wir Fotografen lamentierten noch über den überreichlichen Nebeleinsatz und ertränkten den Frust über selbigen in einem Bier, hinter uns philosophierten zwei waschechte Duisburger darüber, daß man endlich mal Butter bei die Fische tun müsse, und ich bemühte mich, mich nicht allzu sehr in der Haarpracht meiner Nachbarin zu verheddern, als es wieder dunkel wurde.

Und was wogte über die Bühne? Richtig, Nebel – den es wohl im Dutzend billiger gegeben hatte, so großzügig, wie er an diesem Abend eingesetzt wurde. Die treibenden Klänge eines mittlerweile vertrauten Intros schallten aus den Boxen, die Schlagwerker gaben den Rhythmus vor – und dann legten Cultus Ferox los, und wieder einmal hatte ich beträchtliche Mühe, den Drang mitzutanzen und den Wunsch, gleichzeitig auch noch scharfe Fotos zu produzieren, irgendwie in Einklang zu bringen. Dortmund, Altenkirchen, und in Duisburg noch einmal eine Steigerung – allmählich muß man sich vor dem letzten Konzert der Tour fürchten, wenn die Berliner mit jedem Auftritt immer noch einen Zahn zulegen.

Gelegentliche Blicke ins Publikum bewiesen, daß manch einer, der die Truppe zuvor nicht gekannt hatte, mächtig überrascht war von der perfekten Harmonie aus musikalischen und visuellen Eindrücken … jaja, ähnlich dürften wir neulich auch noch geguckt haben! Aber Kinnlade schnell wieder zuklappen und mitfeiern, lautete die Devise.

Brandan, Steffano und ihre Kollegen hatten jedenfalls sichtlich Spaß auf der Bühne (und ebenso hatten die beiden Duisburger Herrschaften hinter uns Spässken an den Tänzerinnen), und je mehr das Publikum mitging, umso rasanter wurde ihre Show. Nennen wir es einfach mal Amok spielen, so wie es Derwisch Briantanus tat, bei dem ich mich einmal mehr fragte, wie man sich so schnell um die eigene Achse drehen und gleichzeitig auch noch Dudelsack spielen kann. Mir würde dabei wohl nur speiübel werden – abgesehen davon, daß ich aus einem solchen Instrument wahrscheinlich auch still stehend nicht einen einzigen Ton herausbringen würde.

Den Abschluß eines rundherum gelungenen Festival-Abends bildeten schließlich Schelmish, die für diesen Auftritt ihr Programm ein wenig umgestellt hatten, und so fand überraschend die mittlerweile legendäre Rap-Nummer von „Ich was ein chint so wolgetan“ von den Zugaben Eingang in das Hauptprogramm und verwandelte das „Pulp“ kurzfristig in eine Hiphop-Disco. Fehlen durfte natürlich auch nicht Luzis Stripnummer, um die Herrenkleidung am Hofe von König Luigi zu demonstrieren, die wie gewohnt für reichlich Heiterkeit sorgte, und wie schon in Gummersbach gab DesDemonia eine Feuerspuckeinlage zum Besten, hoher Hallendecke sei Dank.

Wie die Bands vor ihnen gaben auch Schelmish alles, um dieses Festival zu einem gelungenen Event zu machen (vielleicht obwohl oder gerade weil ihnen nach Dextros freimütigem Bekenntnis der Allerwerteste mit Grundeis gegangen war vor diesem Auftritt?) – und auch ihnen gab die Bühnentechnik reichlich Nebel, der die Combo teilweise nur noch erahnen ließ.

Nach etwa einer Stunde betraten schließlich Micha Rhein und Flex barfuß, aber immerhin in Anzughosen, die Bühne, um die Truppe tatkräftig mit Gesang und Instrumenten zu unterstützen. Und so kam man dann auch einmal in den Genuß, „Veris Dulcis“ in der Version zu hören, wie sie sich auf „Tempus Mutatur“ findet, nämlich gesungen von Micha. Gemeinsam gab es einen kleinen Streifzug durch Schelmish- und In Extremo-Lieder, und es war ein echtes Highlight, endlich einmal wieder „Vor vollen Schüsseln“ aus Michas rauher Kehle zu hören. Daß auch der In Extremo-Sänger nicht immer textsicher ist, sorgte auf der Bühne und im Saal für einige Heiterkeit, und offensichtlich hatten die beiden Gäste sehr viel Spaß daran, an diesem Abend mit von der Partie zu sein, der mit der schelmischen Version von „Ring of fire“ schließlich seinen Abschluß fand.

Überhaupt scheinen sich alle Bands bestens verstanden zu haben – so fanden sich Micha und Flex später noch zum Small Talk mit den Cultus Ferox-Mitgliedern Pauline und Steffano auf der Bühne ein, und schon vor Beginn des Festivals sah man immer wieder verschiedene Musiker in angeregte Gespräche vertieft.

Abschließend ein großes Lob an die Veranstalter: Es war eine tolle Inszenierung eines Mittelalterspektakels an einem perfekten Ort, und hoffentlich war dies nicht das letzte Miroque-Festival!

 

Ancalagon