In Extremo, Bochum, Christuskirche, 12.12.2009

„Wir können auch anders!“

 Und zwar mehr und anderes als Mittelalterrock – wie die sieben Vaganten von In Extremo auf der „Tranquilo“-Tour derzeit eindrucksvoll beweisen. Besonders leise ist das, was sie da zum Besten geben, zwar auch nicht, wie der Tourneename leicht irreführend vielleicht vermuten lässt; besonders und anders aber schon.

Bereits das Bühnenbild in der Christuskirche zu Bochum verhieß, dass es gänzlich anders zugehen würde. Omas gemütliches Wohnzimmer mit altmodischem Sofa, ebensolchen Tischlämpchen, Leuchtern und Blumenstrauß – da war man geneigt, gleich selbst Platz zu nehmen und es sich bequem zu machen.

Bequem machten es sich dann aber doch die Herrschaften um Frontmann Micha Rhein. Und diese Herren bewiesen, dass ihnen nicht nur die Zeitreise ins Mittelalter leicht fällt, sondern dass sie ebenso mühelos den Weg in die 30er- und 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts zu finden wissen. Mit Knickerbockern, Mütze, Weste und Krawattentuch hätte Flex der Biegsame jedem noblen Gartenfest bei englischem Landadel zur Zierde gereicht. Ebenso elegant Yellow Pfeiffer in gediegenem grauem Anzugensemble, und Micha Rhein schien gerade einem schicken Bentley jener Epoche entstiegen zu sein. Noch ein bisschen Mafia-Outfit an Bass, Gitarre und Schlagzeug, und damit es nicht gar zu vornehm wurde, hawaii-eskes Blümchenmuster am Doktor.

Wer noch leichte Zweifel an der Identität der Herren gehegt haben mochte, dem wurde mit den „Merseburger Zaubersprüchen“ schnell bewiesen, dass es tatsächlich In Extremo waren, die sich an diesem Abend eingefunden hatten, das Volk zu unterhalten.

Und wer hätte es gedacht – die Songs funktionieren auch akustisch, und das sogar sehr gut! Roadmovie-Atmosphäre mischte sich mit swingenden Rhythmen; ich gebe zu, dass ich persönlich mich mit diversen Stücken der „Sängerkrieg“ noch immer schwer tue, sie mir aber in diesem neuen, nur scheinbar altmodischen und doch zeitgemäßen Gewand außerordentlich gut gefielen.

Dudelsack, Harfe, Drehleier fügten sich ebenso selbstverständlich in das Ambiente wie Akustikgitarre, Bass und Schlagzeug, und ja, es machte Spaß, die feinen Zwischentöne auch live heraushören zu können.

Dass In Extremo im 15. Jahr ihrer Bandgeschichte noch immer und gerade live unglaublich viel Spaß haben, war an diesem Abend seh- und hörbar. Dass es nicht immer elektrische Gitarren sein müssen, um mächtig Gas zu geben, ebenso. Und dass Micha noch immer so schlagfertig ist wie eh und je, bewies er in Bochum einmal mehr. Souverän wies er einen Herrn aus dem Publikum in die Schranken, der offensichtlich nicht verstanden hatte, dass es nicht zu  seinen Aufgaben gehörte, den gesamten Bierbestand am Veranstaltungsort allein zu konsumieren. Man mag nicht darüber spekulieren, wie dessen Lebensbeichte am folgenden Tag ausgefallen sein mag …

Die musikalische Reise führte nicht nur optisch durch die Zeit, sondern auch durch die verschiedenen Alben der Band – „Spielmann“, „Lebensbeichte“, „Singapur“, „Ave Maria“ waren einige der Stücke bis zur wohlverdienten Raucherpause für Herrn Rhein, dem es zwischenzeitlich offensichtlich schwer fiel, auf seinem gemütlichen Sofa sitzen zu bleiben.

Weiter ging’s nach der Pause mit einem Sänger, der sowohl der Mütze als auch der Schuhe verlustig gegangen war, und dem „Vollmond“, und obwohl dieses Lied schon etliche Jahre auf dem Buckel hat, ist es doch immer noch der Kracher schlechthin und steht wohl wie kaum ein anderes für das, was In Extremo ausmacht.

Mit insgesamt 23 Stücken, darunter als Zugabe „Mein rasend Herz“ nur mit Micha und Basti Van Lange auf der Bühne und „It’s a long way to the top“, einer AC/DC-Coverversion, dürften In Extemo ihr Publikum vollkommen zufrieden gestellt haben. Und zum Schluss hielt es dann doch niemanden mehr auf den Sitzen, nachdem die Fans den größten Teil des Konzerts noch brav die Bestuhlung in Anspruch genommen hatten.

Wer sein persönliches „Tranquilo“-Konzert noch vor sich hat, dem sei viel Spaß gewünscht, und einen Glückwunsch an die Band, die auf diese gelungene Weise endlich umgesetzt hat, was sie vor Jahren einmal in einem Interview angekündigt hatte. Und wer weiß, ob nicht gerade eine neue Stilrichtung geboren wurde ...

 

Petra Lindner