Manchmal frage ich mich, wie viele tausend Kilometer mein Wagen in den vergangenen Jahren schon in Sachen Konzerten zurückgelegt hat. Das Cultus Ferox-Konzert in Frankenthal fügte meinem Kilometerzähler jedenfalls weitere 500 Kilometer hinzu, und wie nach den anderen drei Konzerten der Berliner Sudel-Truppe nicht anders zu erwarten, war auch dieser Ausflug jeden Kilometer und jeden Tropfen Benzin wert.

Los ging es schon am frühen Nachmittag, und ausnahmsweise fand der Besuch in einem beliebten amerikanischen Schnellrestaurant schon vor dem Konzert statt (normalerweise schleppen wir uns völlig entkräftet nach einem Konzert in eine der zahlreichen Filialen, und der Satz „Das tut jetzt aber gut“ ist längst zum geflügelten Wort geworden).

Derart gestärkt brachen wir denn also gen Süden auf, besiegten heroisch einmal mehr die Geister-Klos (jene ominösen Dinger an Autobahnparkplätzen, vor denen man beschwörende Handbewegungen vollführen muß, um die Spülung in Gang zu setzen), widerstanden den Verlockungen eines Nahewinzers, der uns auf selbigem Parkplatz zu einer Weinprobe verführen wollte, vermieden gerade noch eine Überflutung des Wageninneren mit Handreinigungslotion, und kamen – ja, natürlich, mal wieder – viel zu früh in Frankenthal an.

Nachdem wir unverschämterweise einen Parkplatz des Hausfrauenbundes für uns beansprucht hatten (nein, unser Wagen war später nicht mit Spitzendeckchen oder Blumengebinden dekoriert), überzeugten wir uns in einer näheren Hinterhofstudie davon, daß wir tatsächlich den Krone Music Club gefunden hatten, und kurz darauf beförderte Brandan uns mit den Worten „Mensch, kommt doch einfach rein“ kurzerhand durch den Bühneneingang ins Innere und dankenswerterweise damit auch ins Warme.

Auf der Bühne gab Steffano, der mit dunkler Hornbrille einen höchst intellektuellen Eindruck erweckte, Anweisungen, während der Rest der Band noch beim Essen im benachbarten Café weilte; und da wir ja noch gesättigt waren, sprachen wir erst einmal dem Flüssigbrot in Form von äußerst schmackhaftem Schwarzbier zu, bevor es daran ging, das in Altenkirchen begonnene Interview zu beenden – an diesem Abend mit Brandan und Steffano.

Und gegen viertel vor zehn ging es dann endlich los, und wenn einem auch Show und Songs mittlerweile so vertraut sind, daß man sie auswendig zu kennen glaubt, waren wir gleich mit den ersten Tönen einmal mehr dem hochgradig infektiösen CF-Virus erlegen. Und mit uns erlagen auch die übrigen Konzertbesucher binnen kürzester Zeit diesem Virus – ob „Tamfanae“ oder „Götterdämmerung“, „Andro“ oder „Bernsteinhexe“, jedes Lied wurde begeistert gefeiert, und mittlerweile gibt es auch Fans, die jeden Text mitsingen können; nicht immer schön vielleicht, dafür aber immer laut.

Von Ermüdung auch beim sechzehnten und letzten Konzert der Club-Tour keine Spur, im Gegenteil: Noch einmal brach die geballte Intensität und Dynamik der Berliner übers Volk herein, die derzeit wohl ihresgleichen sucht. Ob Schlagwerker, Dudelsackspieler oder Tänzerinnen, jeder gab noch einmal alles, um den Auftritt im Land, wo die Zitronen blühen (ja, die wachsen tatsächlich in der Pfalz!) zum krönenden Abschluß der Tour zu machen. Weder sich noch dem Publikum gönnten die Musikanten kaum eine Atempause; Brandan und Steffano spielten sich gekonnt die verbalen Bälle zu; Howard entlockte dem Kontrabaß hypnotische Klänge; Briantanus präsentierte einmal mehr sein langes, hartes Rohr und verwandelte sich noch einmal in einen rotierenden Derwisch; Steffano bewies, daß sein Hüftschwung absolut konkurrenzlos ist; Strahli, Donar und Asmon trommelten sich und die Fans förmlich in Ekstase; und Claudia und Pauline setzten neben so viel Männlichkeit mit ihren gekonnten Tanzeinlagen die nötigen weiblichen Akzente. Immer mal wieder hatte es im Gästebuch der Band Kritik an ihrer Darbietung gegeben, genauso wie am Kunstblut, das auf der Sudel-Tour reichlich floß, doch wir können nur sagen: Es paßte perfekt zu dieser Band und ihrer Musik, ganz im Stile des Bandnamens „Wilde Lebensart“ eben. Nichts für Puristen und Authentizitätsfanatiker (und schon gar nichts für Nackte-Haut-Phobiker), aber eine ganze Menge für Menschen, die Spaß, mitreißende Musik und visuellen Genuß haben wollen.  2004 fing völlig unerwartet mit einem richtigen Kracher an, als es uns aus purer Neugier nach Dortmund trieb – und wir sind schon mächtig gespannt darauf, was das Jahr noch so bringen wird … aber bald wird ja die Marktsaison eröffnet, und zuvor sind Cultus Ferox noch mit Umbra Et Imago auf Tour; lange Abstinenz wird es also nicht geben.

 

Ancalagon