And Also The Trees

Mainz, KUZ, 22.11.2007

Bochum, Zeche, 23.11.2007

 

 

Manchmal gibt es sie, diese Zeitreisen, die zwar ein Hauch von Nostalgie, nicht aber Wehmut um Vergangenes umweht, sondern die vielmehr das Wunder einer Zeitlosigkeit offenbaren, die man nur ganz selten findet.

Beinahe 22 Jahre sind vergangen, seitdem die Engländer And Also The Trees zum ersten Mal in Deutschland auf der Bühne standen, seinerzeit in einem winzigen Club in Aachen vor einer Handvoll Leute, die die Band vor allem durch den britischen Kult-DJ John Peel und seine BBC-Sessions kannten.

Damals ein Quartett um die Brüder Simon und Justin Jones, wirkten die Musiker wie einer englischen Novelle des 18. oder 19. Jahrhunderts entsprungen – ein wenig düster, ein wenig melancholisch in weißen Hemden und dunklen Gehröcken und umgeben von einer Aura des Mystisch-Historischen; vor allem aber bereits mit einer musikalischen Eigenständigkeit, die geprägt wurde durch das einzigartige Gitarrenspiel von Justin Jones, der dem Instrument mandolinenhafte, sphärische Klänge zu entlocken wusste, und den inbrünstig-intensiven Sprechgesang seines Bruders Simon.

Ihre Heimat, ein winziges Dorf in Worcestershire in Mittelengland, und die jahrhundertealte Historie dieser Landschaft, ihrer Dörfer und herrschaftlichen Landsitze haben die Musik der Trees von Anfang an geprägt, eingefangen in Titeln wie „Shaletown“, „Count Jeffrey“, „Virus Meadow“ oder „The Horse Fair“, die nur allzu leicht Szenen wie aus den Geschichten der Brontë-Schwestern heraufbeschwören.

Vor allem in den späten 80ern und frühen 90ern erspielten sich And Also The Trees insbesondere in Gothic-Kreisen eine wachsende Anhängerschaft, doch war und blieb ihre Musik zu eigenständig und vielleicht auch zu eigenartig, um jemals für den großen kommerziellen Erfolg zu stehen.

Mit ihrem zehnten Album, „(Listen For) The Rag And Bone Man“ betitelt, kehrt die Band nun im Jahr 2007 nach musikalischen Experimenten in Richtung amerikanischer Road-Movie-Klänge der 50er-Jahre stärker zu ihren Wurzeln zurück, auch wenn die Musiker inzwischen längst nicht mehr in Worcestershire leben und von der dortigen Umgebung inspiriert werden, im Laufe der Jahre personelle Umbesetzungen erfolgten, die Band nun zum Quintett angewachsen ist und ein Keyboard das sparsame Instrumentarium aus Gitarre, Bass und Schlagzeug ergänzt.

Nur einige wenige Termine sollten den Fans Gelegenheit geben, das neue Album auch live kennenzulernen, darunter drei Konzerte in Deutschland.

Und als die Band am 22.11.2007 fast pünktlich um 21 Uhr die Bühne des KUZ in Mainz betrat, war schlagartig klar: Manche Dinge ändern sich nicht – und das ist gut so! Der Club war größer als seinerzeit jener in Aachen, es waren mehr Zuschauer anwesend, doch die Jones-Brüder auf der Bühne schienen noch fast dieselben zu sein wie damals. Und auch die Musik versprühte direkt mit den ersten Klängen die vertraute und nie ganz in Vergessenheit geratene Intensität, unabhängig davon, ob es sich um einen legendären Klassiker wie „A Room Lives In Lucy“ oder ein topaktuelles Stück wie „Mary Of The Woods“ handelte.

Wohl selten darf man erleben, dass Musiker so tief in ihre Darbietung eintauchen, dass alles andere um sie zur Bedeutungslosigkeit verblasst im Angesicht der Intensität der Musik. Und so durfte an diesem Abend das Publikum teilhaben an der Virtuosität einer Band, die es gar nicht nötig hat, sich selbst hinter großen visuellen Gesten, einem blendenden Lichtinferno und inhaltsleeren Ansagen zu verstecken oder handwerkliches Unvermögen hinter brachialer Lautstärke zu verbergen. Keine Bühnendekoration, wohldosierte Lichtakzente und die im positiven Sinne altmodisch anmutende Kleidung wie eh und je – der Zeitsprung war auch optisch perfekt.

Wie in all den Jahren seit der Bandgründung im Jahr 1979 war es vor allem Justins absolut einzigartiges Gitarrenspiel, das sich jeglichem Vergleich entzieht, das wieder und wieder eine Gänsehautatmosphäre verbreitete, und natürlich Simons hypnotisch-beschwörende Stimme, die mal meditativ und nachdenklich die zum teil surrealistisch wirkenden Texte reflektierte, dann wieder explosiv und emotionsgeladen und geradezu gequält die Worte herausschrie.

Dass Zeit dann aber auch auf einer Zeitreise leider relativ ist, bewies der Umstand, dass dieses Konzert trotz mehrerer Zugaben viel zu früh zu Ende ging.

Dennoch, die Band, die auf der Bühne vollkommen auf die Musik bezogen und introvertiert gewirkt hatte, zeigte sich nach dem Auftritt äußerst aufgeschlossen für das Gespräch mit dem Publikum – einem Publikum übrigens, das sehr bunt gemischt war und teilweise noch im Kleinkinderalter gewesen sein muss, als die Trees ihre ersten Auftritte in Deutschland absolvierten. Schön, dass Qualität auch mehrere Musikhörer-Generationen erreicht!

Ein ähnliches Bild dann am nächsten Abend in der gut gefüllten Bochumer Zeche – ein sowohl optisch wie altersmäßig sehr heterogenes Publikum, das jedoch in der Begeisterung für die Musik vollkommen geeint war.

Und wie schon am Vorabend waren die Zuschauer binnen kürzester Zeit gefangen von den Melodien – das absolute Highlight jenes Stück, mit dem die Zugabe eröffnet wurde, nämlich das legendäre „Slow Pulseboy“, dessen stakkatoartige Gitarre sich in seinem Verlauf mehr und mehr ins Infernalische steigert und den Text perfekt in Töne transformiert: „… outside the blast furnace erupts again and dark red rivers filled our veins with frenzy… so we chase the explosions … from horizon to horizon …“

Womöglich wird es nun – leider – wieder zwei Jahre dauern, bevor man sich auf diese großartige Zeitreise begeben kann; doch wieder wird das Warten sich lohnen und wieder wird man das Wunder bestaunen, dass es im Zeitalter des rasenden Wandels noch solche Zeitlosigkeit gibt.

 

Petra Lindner