Bilder von der AGRA Halle Pfingstmontag

  Freitag, 13.05.2005  Samstag, 14.5.2005   Sonntag, 15. 5.2005   Montag, 16.5.2005 

 

Freitag, 13.05.2005

Ich bin ein nachtaktiver Mensch … aber das heißt nicht, dass ich gern um vier Uhr morgens aufstehe (hatte ich das nicht an anderer Stelle schon einmal erwähnt?).  Zwei Stunden Schlaf, dann begrüßt mich fröhliche Weltmusik auf WDR 5, und wäre ich rechtzeitig an der Tür, könnte ich auch der Zeitungszustellerin zum ersten Mal die Hand schütteln.

So aber taumele ich schlaftrunken ins Bad, versorge anschließend vier Katzen mit Futter, die angesichts dieser frühen Gabe eher pikiert als erfreut wirken, und betrachte stirnrunzelnd den Berg, der sich im Flur türmt – alles Dinge, die für vier Tage WGT unabdingbar sind.

„Laut Routenplaner bin ich um 5.19 Uhr bei dir“, hatte Kollege Bombadil mir am Tag zuvor noch verkündet – und tatsächlich, mit nur einminütiger Verspätung steht er vor der Tür. Rasch den ganzen Krempel verladen (von Schlafsack über Luftmatratze bis hin zum großen Fressalienkorb, Kameras und Laptop), der Versuchung widerstanden, unser Dorf durch ein kleines Hupkonzert aus dem Schlaf zu schrecken – und auf geht es gen Osten.

Heroisch widerstehen wir den Müdigkeitsattacken, die in gleichmäßigen Wellen über uns hinwegrauschen, doch wirklichen Sinn für den wunderschönen Sonnenaufgang über dem Westerwald mögen wir noch nicht aufbringen.

Belebend wirkt erst der Kaffee, den wir samt Frühstück bei dem mittlerweile hinlänglich bekannten Restaurant an der Abfahrt Herleshausen einnehmen, und so gestärkt nehmen wir auch den Rest des Weges gen Leipzig in Angriff.

Um kurz nach elf ist es geschafft, wir treffen bei Sandy von den Dudelzwergen ein, die uns netterweise ihre alte, leergeräumte Wohnung zur Verfügung stellt.

Einmal mehr muss ich einer großen Versuchung verstehen – diesmal der zweier süßer, sechs Wochen alter Katzenkinder, die uns bei Sandy empfangen (nicht, dass ich derzeit nicht genug eigene Katzenprobleme hätte mit den beiden neuen Damen, auf die der Charme meines bildhübschen Tigerkaters leider gar nicht wirkt – na ja, vielleicht stehen sie nicht auf keltische Donnergötter namens Taranis). Zum Glück sind die Babys nicht zum Mitnehmen vorgesehen, stattdessen dürfen wir beide Bekanntschaft mit winzig kleinen spitzen Katzenzähnchen machen …

Hocherfreut nehmen wir unser Domizil in Empfang – welch ein Luxus, in einer mit Menschen überfüllten Stadt zu zweit in einer ganzen Wohnung residieren zu können. Und daher gleich an dieser Stelle noch einmal ein großer Dank an Sandy, die dies ermöglicht hat.

Auto ausladen, dann erst mal Richtung Agra-Gelände – und noch mehr Luxus pur, denn selbiges befindet sich gerade mal 10 Minuten Fußmarsch von unserem temporären Heim entfernt. Pressekarten organisiert, dann eine kleine Runde über die Messe in der Agra-Halle, und danach ab ins heidnische Dorf, das uns vom vergangenen Jahr in so guter Erinnerung geblieben war. Diese war nicht durch den Ablauf eines ganzen Jahres verklärt worden; wieder herrscht die gleiche entspannte und schöne Atmosphäre wie im letzten Jahr. Omnia spielen, u und die neo-keltischen Klänge von Flöten, Harfe und Slideridoo versetzen uns direkt in in positive Stimmung – ebenso die überaus herzliche Begrüßung seitens der Omnias nach ihrem Auftritt.

Zurück geht es in die Wohnung, wo wir, ganz gute deutsche Spießbürger, erst einmal Kaffee und Kuchen an unserem mit Picknickdecke liebevoll gedeckten Campingtisch einnehmen. Eigentlich fehlt nur noch eine hübsche, dekorative Blumenvase – daran sollten wir beim nächsten Mal wirklich denken! Telefonate mit unseren daheim gebliebenen Lieben klären uns darüber auf, dass sowohl im Westerwald als auch in der Vordereifel schlechtes Wetter herrscht, während wir uns noch an einigen Sonnenstrahlen erfreuen dürfen („Aber das schlechte Wetter soll zu euch rüberziehen“, vernehme ich – wie recht mein Freund doch behalten sollte!).

Aber da man natürlich nicht nur zum Kaffeetrinken über 500 km bis Leipzig fährt, brechen wir zur Moritzbastei auf.

Zuvor aber müssen wir noch einen Mangel beheben – Bombadil hat seine Handtücher vergessen; zum Glück hat der Kaufhof aber echte Schnäppchen im Angebot, sodass der morgendlichen Dusche nichts mehr im Wege steht.

Auf der Moritzbastei spielen die letzten Ostgoten Cradem Aventure zum Tanze auf, und die wilden Mannen (nicht zu vergessen die Dame in der Runde) haben es uns mit ihrer brachialen Mischung aus Dudelsäcken und Schlagwerk direkt angetan. Etwas mehr Publikum hätte man ihnen aber schon gewünscht, allerdings ist überhaupt wenig los auf  dem Markt und im Inneren der Bastei. Und wie schon im vergangenen Jahr bemängele ich, dass die Kulisse irgendwie keine wirklich mittelalterliche Atmosphäre aufkommen lassen mag – auch wenn ein Transparent (sinnigerweise an einem Metallgeländer platziert) „Willkommen im Mittelalter“ verheißt.

Also gut, dann doch lieber wieder zurück ins heidnische Dorf. Und da wir erschöpft und fußlahm und ohnehin nicht mehr die Jüngsten sind, fahren wir dekanterweise mit dem Auto dorthin. Der Hunger treibt uns an den erstbesten Essenstand, dessen Beschreibungen der feilgebotenen Speisen durchaus verheißungsvoll klingen. Dem langjährigen Aldi-Käufer kommt die Konsistenz dessen, was da für 3,50 € in die Pappschalen gefüllt wird, doch sehr bekannt vor … die 750-g-Packung gibt es für 1,79 € bei den Tiefkühl-Fertiggerichten …

Was soll’s, wir sind zumindest satt und streben zur Bühne, um den letzten Auftritt Omnias für diesen Tag anzusehen.

Die Holländer (na ja, eigentlich Holländer, Engländer, Neuseeländer, Iren) haben sich mit Joe an der Akustikgitarre verstärkt, und bei den Stücken „Taranis“ und „Morrigan“ kommt auch noch Gastmusiker Ben an den Trommeln und Didgeridoo mit auf die Bühne. Was für eine Intensität und Atmosphäre, die sich unmittelbar auf das Publikum überträgt und die sich im Laufe der folgenden Tage noch steigern soll!

Und wem bei dem aus vielen Kehlen gebrüllten Schlachtruf „Kill, maim, fight!“ nicht eine Gänsehaut über den Rücken läuft, der hat wohl schon zu viel des Mets oder Gerstensaftes genossen.

Es ist erst halb zehn, als wir das heidnische Dorf verlassen, aber wir sind nach dem wenigen Schlaf und der langen Fahrt todmüde – nicht müde genug allerdings, um nicht noch in einer Seitenstraße Halt zu machen. Hier hat ein geschäftstüchtiger Anwohner im Vorgarten den Grill angeworfen und kredenzt Grillwürste – zumindest an diesem Tag dürften die Geschäfte gut gelaufen sein.

In unserem Domizil dann noch schnell die Rechner angeschmissen und die ersten Fotos abgeladen, dazu zwei Flaschen vom guten Köstritzer geschlabbert, und ab geht’s ins Bett bzw. in den Schlafsack.

 

Samstag, 14.05.2005                                                                          nach oben

Diesmal will ich in Kultur machen – diesen Vorsatz hatte ich vor dem Aufbruch nach Leipzig gefasst. Ziel der Begierde: das Buch- und Schriftmuseum zu Leipzig, das ich ja schon immer einmal besichtigen wollte. Und schlau, wie man ja ist, informiert man sich vorher im Internet über die Öffnungszeiten (samstags von 9 – 16 Uhr). Um kurz vor zehn sind wir dort, und erste Zweifel kommen auf, da es im Inneren des imposanten Gebäudes verdächtig dunkel scheint. Ein junger Mann wartet bereits, ein älteres Ehepaar gesellt sich kurz darauf zu uns, und so sind wir schon fünf – die ratlos sind. Hartnäckiges Rütteln an den mächtigen Türen hilft gar nichts, also beschließe ich, es telefonisch zu versuchen. „Sie sind verbunden mit einem automatischen Anrufsystem … wenn Sie … sprechen wollen, drücken Sie die Eins …“ (wahlweise fortzusetzen bis „… drücken Sie die Sieben …“). Ich drücke die Sieben, um mit einem Mitarbeiter des Museums verbunden zu werden – und lande wieder am Anfang der Ansage. Prima, das hat ja gut geklappt und mich nur fünf Minuten mit dem Handy gekostet.

Bombadil ist derjenige, der eine verschämt in die Wand eingelassene Klingel entdeckt und betätigt. Als wir nicht mehr damit rechnen, noch Gehör zu finden, öffnet sich die Tür. Doch der freundliche Mensch erklärt uns, dass heute geschlossen wäre – wegen Pfingsten. Hä? Pfingsten fängt doch erst mit dem Pfingstsonntag an?? Und heute ist erst Samstag. Aber gut, vielleicht definiert man in diesem Museum die Feiertage etwas anders; ein kleiner Hinweis über solch eigenwillige Regelungen auf den entsprechenden Internet-Seiten wäre aber doch ganz nett gewesen.

So landen wir denn unerwartet früh, nämlich schon um halb elf, an der Moritzbastei, wo natürlich noch schlaftrunkene Leere herrscht. Ich bin in Shopping-Laune und gönne mir im Kaufhof 6 Paar Sportsocken (für insgesamt 5 Euro – wenn das mal nicht ein Schnäppchen ist!) in der irrigen Hoffnung, somit für die nächsten Tage schmerzende Füße vermeiden zu können.

Um elf sind wir wieder auf der Bastei, wo jetzt eigentlich Cradem Aventure spielen sollen, von denen aber weit und breit nichts zu sehen ist. Richtig aufregend ist das hier alles nicht, da fahren wir doch lieber wieder zurück ins heidnische Dorf. Wenig erfreut sind wir angesichts der ersten Regentropfen auf der Windschutzscheibe und ahnen noch nicht, was uns an diesem Tag noch erwarten würde.

Als wir ankommen, spielt eine mittelalterliche Formation, von denen wir anfangs vermuten, dass sich ihre Instrumente wohl durch die feuchte Witterung verstimmt hätten (spätere Hörproben aber lassen vermuten, dass es nicht die Instrumente als solche sind, die für die schrägen Töne verantwortlich zeichnen).

Die mittlerweile lieb gewonnenen vertrauten Gesichter von Omnia hellen unsere durch die ersten Missgriffe des Tages etwas verdunkelte Stimmung rasch auf, und mit ihrem Merchandising-Mann Martin machen wir ausgiebigen, interessanten Smalltalk (jaja, Holländer und Deutsche sind sich sehr ähnlich, insbesondere, wenn es um Politik, Europäische Union und ähnliche höchst unmusikalische Themen geht).

Trotz des stärker werdenden Regens herrscht beim Auftritt Omnias beste Stimmung vor der Bühne – um das Wetter nicht noch mehr herauszufordern, verzichten sie darauf, mit „Taranis“ den Donnergott zu beschwören, doch ich bin sicher, dass das an diesem Tag auch nicht mehr allzu viel geändert hätte. Statt dessen haben sie die Rabenballade ins Repertoire aufgenommen – und ihre englisch gesungene Version ist mit Abstand die beste Interpretation des Liedes.

Wie hatte ich mich gefreut, als ich in den Programmankündigungen zum WGT gelesen hatte, dass auch And Also The Trees spielen würden – meine absolute Lieblingsband in den 80er-Jahren. Deren Auftritt wollte ich mir natürlich auf keinen Fall entgehen lassen, und so geht es nach Omnia in Richtung Parkbühne … und es regnet.

Da das Programm mit allen Auftrittszeiten nicht ganz den üblichen Lesegewohnheiten entsprechend gestaltet ist und ich in der falschen Spalte gelandet war, sind wir viel zu früh da; und die Band, die zu dieser Zeit auf der Bühne steht, stimmt mich nicht wirklich froh. Frauengejodel, das auf Death-Metal-Gebrummel trifft, und obendrauf auch noch sägende Gitarren – nicht wirklich meine persönliche Vorstellung von musikalischer Unterhaltung. Ergeben harren wir aus … und es regnet.

Beharrlich starre ich gen Himmel – Herrgott noch mal, wenigstens ein bisschen weniger Nässe von oben, und ich wäre ja schon zufrieden.

Mein Draht zu den Wettergöttern ist allerdings wohl durchgeschmort; And Also The Trees betreten die Bühne, doch wir machen schon gar keine Anstalten mehr, den Fotograben auch nur zu betreten, denn wahrscheinlich hätte ein einziges Bild direkt die komplette Kameraausrüstung ruiniert.

Bombadil gibt noch eher auf als ich und verzieht sich ins Auto; als jedoch scharenweise Regenschirme aufploppen wie Schachtelteufel und ich feststellen muss, dass aufgespannte Schirme und meine Körpergröße absolut nicht kompatibel sind, trenne auch ich mich von dem Vorsatz, meine Ikonen der 80er an diesem Tag bis zum Ende anzuschauen (oder in dem Fall eher anzuhören). Aber immerhin weiß ich jetzt, dass die Engländer musikalisch immer noch so intensiv und faszinierend sind wie vor 20 Jahren – und sich optisch weitaus besser gehalten haben als manch andere Vertreter aus jener Epoche (aber dazu später mehr).

Süßes ist bekanntermaßen gut gegen Frust, also entern wir den Supermarkt um die Ecke, erstehen Kuchen und hocken uns, nachdem die nassen Klamotten auf die Heizung gewandert sind, gemütlich an den Campingtisch. Eigentlich ganz besinnlich … das Rauschen des Regens, der Duft von frischem Kaffee … und wir im Warmen. Die Vorstellung, ich müsse jetzt in einem der windschiefen Zelte auf dem Campingplatz hausen, die wir gestern noch belächelt hatten, lässt mich diese Atmosphäre umso mehr genießen.

Und was macht man ansonsten zu Hause bei solchem Wetter? Decke über den Kopf und eine Runde schlafen. O.k., wir sind in Leipzig, wir sind auf dem WGT … aber es regnet, wir sind gerade wieder trocken, wir sind nicht mehr die Jüngsten, und wir sind müde. Ein wenig verschämt krabbeln wir in unsere Schlafsäcke („Wenigstens mal ein halbes Stündchen die Augen zumachen“) und erwachen tatsächlich eine halbe Stunde später. Bombadil bringt es mit dem beliebten Standardspruch auf den Punkt: „Das hat gut getan!“

Was tun? Noch einmal bis auf die Knochen nass werden? Nein, danach steht uns absolut und gar nicht der Sinn. Also nix mehr heidnisches Dorf, schweren Herzens verzichten wir auf Faun und Estampie und machen uns auf zu einer Reise in die Neuzeit in der Agra-Halle, wo an diesem Abend Elektro und Industrial angesagt ist.

Hatte ich nicht im letztjährigen WGT-Bericht erwähnt, dass ich gern auch einmal wieder in diesen Gefilden geschwelgt hätte, die mich durch die gesamten 90er-Jahre begleitet hatten? Nun, in diesem Jahr habe ich die Gelegenheit – und siehe da, es gefällt mir. Meine bessere Hälfte hält die Fahne der elektronischen Musik seit Jahr und Tag beharrlich aufrecht, und ich begreife an diesem Abend, warum das so ist.

This Morn’ Omina, die bereits spielen, als wir die gut gefüllte Halle betreten, klingen schon einmal recht vielversprechend. Und die Norweger Zeromancer, die im Anschluss auftreten, sind ein echter Abräumer, und Stücke wie „Dr. Online“ oder „Clone your lover“, die mich vor einigen Jahren begeisterten, haben noch immer Hit-Potenzial. Unermüdlich tobt der Sänger zu elektronischen Beats und Gitarrenriffs über die Bühne – nicht eben leicht zu fotografieren, aber man stellt sich ja gern einmal neuen Herausforderungen.

Nicht wirklich aufregend dann die nächste Combo Spetsnaz – halt so ein typisches EBM-Geklopfe-Duo, dessen Sänger in den klassischen Posen böse tut.

Highlight des Abends ist ein weiteres Duo, die Mexikaner Hocico, die mir aus meinem häuslichen Umfeld bestens vertraut sind (im letzten Jahr verbreitete ich große Freude, als ich T-Shirts und Poster der Band mitbrachte). Die Agra-Halle ist mittlerweile rappelvoll, und das nicht nur wegen des Wetters. Erstaunt betrachten wir die Menschentraube, die sich mit uns am Einlass zum Fotograben versammelt hat. Sind das etwa alles Fotografen, die wegen Hocico gekommen sind? 30 bis 40 bis an die Zähne mit Kameras bewaffnete Leute knubbeln sich dort und müssen in zwei Gruppen in den Graben gelassen werden – und zum ersten Mal stellen wir auch auf diesem WGT fest, dass manchmal die Arroganz proportional zur Größe des Objektivs ist.

1 ½ Lieder lang dürfen wir versuchen, die mexikanischen Derwische im Bild festzuhalten – kein leichtes Unterfangen, im Gegensatz dazu hatten sich Zeromancer geradezu in Zeitlupe bewegt.

Nach diesem Kraftakt beschließe ich, mir das Konzert aus den hinteren Reihen bis zum Schluss anzusehen – ein noch weniger leichtes Unterfangen als Fotos zu machen, denn in der Menschenmasse ist ein Vorankommen kaum noch möglich. Mühsam ringe ich leichte Panikattacken nieder und habe nach ungefähr einer Viertelstunde einen Platz erreicht, an dem man sowohl atmen kann als auch nicht ständig Gefahr läuft, anderer Leute Ellbogen in den Rippen zu haben.

Und ich stelle fest, dass mir nach längerer Abstinenz harte Elektronik und verzerrter Gesang noch immer überraschend gut gefallen. Aber man kann ja auch nicht immer nur Dudelsäcke hören, nicht wahr?

Den Abschluss des Abends sollen Visage bestreiten. Wer in den 80ern aufgewachsen ist, wird sich mit sentimentaler Wehmut an Klassiker wie „Fade to grey“ oder „Mind of a toy“ erinnern. Und wer sich diese Erinnerungen nicht ruinieren lassen möchte, sollte von einem Konzertbesuch heutzutage Abstand nehmen. Denn der alternde Mann, der da auf die Bühne kommt und dessen aufgedunsene Gesichtszüge auch durch das Make-up nicht zu kaschieren sind, wirkt allenfalls pathetisch. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, warum in aller Welt so viele der Altstars meinen, sie müssten heute noch einmal ein Comeback versuchen, um schnell noch ein paar Euro zu machen. Relativ ernüchtert verlassen wir vorzeitig die Agra-Halle, denn das wollen wir uns dann doch nicht bis zum Ende ansehen.

Der Weg nach Hause, diesmal zu Fuß, fällt ziemlich schwer; die Füße sind lahm, aber die Klamotten wenigstens trocken, und ich wünsche mir, dass bis zum nächsten Jahr jemand das Klonen von Beinen perfektioniert, damit man sie bei Bedarf einfach austauschen kann.

 

Sonntag, 15. 5.2005                                                                         nach oben

 

Entschlossen haben wir keinen Wecker gestellt, sind aber trotzdem um kurz nach zehn wach. Und was sehen wir? Ja, tatsächlich, einen Anflug blauen Himmels und erste Sonnenstrahlen, die sich über dem Leipziger Himmel durch die Wolken kämpfen. Da schmeckt der Kaffee doch noch mal so gut!

Nach unserem gemächlichen Frühstück fahren wir erneut zur Moritzbastei, in der Hoffnung, Cradem Aventure erleben zu können – die Planung, die uns vorliegt, stimmt mit der Realität nicht überein, also ist es mal wieder nichts mit den Ostgoten für uns.

Wir schwatzen kurz mit Markus Van Langen, nehmen eine kleine Hörprobe in seine neueste CD, die uns schon neugierig macht auf den Auftritt morgen in der Agra-Halle, dann geht’s zurück ins heidnische Dorf, um den Auftritt von Omnia mitzunehmen. Schien eben noch die Sonne? Jetzt jedenfalls regnet es wieder … aber es hört auf, als Omnia spielen. Und Omnia räumen wieder richtig ab, mittlerweile können die Zuschauer sogar schon die Texte mitgrölen. Und man sichtet erste Fans, die sich von den Bandmitgliedern zeigen lassen, wie man sich die kunstvollen blauen Ornamente ins Gesicht malt, die zum Markenzeichen Omnias geworden sind.

Wir freuen uns wie die Schneekönige, endlich die lieben Leute von Faun begrüßen zu können, und der erste Auftritt der Münchner hat es direkt in sich. Viele neue Stücke sind im Programm, die Lust auf die neue CD machen, die im Juli erscheinen wird, aber schon exklusiv auf dem WGT zu kaufen ist.

Sehr sympathisch, mit unglaublicher Spielfreude und noch besser als im letzten Jahr zeigen sich die Faune, die wie Omnia offensichtlich noch mehr als einen Zahn zugelegt haben. Auch den Freunden von Omnia gefällt’s, Sic animiert das Publikum zum Mittanzen, während vom Merchandising-Stand aus eifrig Fotos geschossen werden.

Faun – Omnia – Omnia – Faun, so sieht das heutige Programm aus, um 16 Uhr lungern wir wieder vor der Bühne, um dem neokeltischen Folk zu lauschen; und mit uns immer mehr Leute, in deren Herzen sich die Holländer längst gespielt haben. Es muss wirklich eine Form von Magie sein, die sie zelebrieren, und die Momente, in denen zwei Trommler auf der Bühne agieren, sind an Intensität kaum noch zu überbieten.

Wie im vergangenen Jahr treffen wir uns zum Gespräch mit Michael Popp von Qntal/Estampie –und wie gut, dass wir im Brunnen hocken, als ein kräftiger Hagelschauer niedergeht. Eine nette neue Bekanntschaft ist der Amerikaner, der für den US-Vertrieb von Qntal sorgt, und auch er ist sichtlich angetan vom nächsten Auftritt Omnias, dem er gemeinsam mit den Qntal-Leuten bewohnt.

Schlitternderweise pflügen wir uns durch die Schlammwüste, die mal der Weg über den Zeltplatz war, um in der Agra-Halle Diary of Dreams zu fotografieren. Auch wieder nicht mittelalterlich, und auch wieder sehr gut – das musikalische Spektrum zu erweitern erweist sich auf diesem WGT als ausgezeichnete Idee.

Und wieder geht es zurück ins heidnische Dorf, um dem Abendauftritt von Faun beizuwohnen. Bei mir setzt zügig akute Fotografier-Unlust ein – nicht nur, weil das Licht hundsmiserabel ist, sondern vor allem, weil es einfach einmal schön ist, dieser Musik nur zu lauschen und die spielfreudigen Musiker zu erleben. Höchst beeindruckend ist die Jonglierkunst von Kelvin Kalvus, der mit Glaskugeln zur Musik Fauns wahre Wunder vollbringt – Magie trifft auf Magie, so möchte man fast sagen. Faun werden euphorisch gefeiert und erst nach 3 Zugaben von der Bühne gelassen – schade eigentlich, dass alles ein Ende haben muss.

Uns ist es inzwischen einfach zu kalt, wir fahren nach Hause und dezimieren weiter den Köstritzer-Kasten. Ob wir es schaffen werden, ihn noch zu leeren?

 

Montag, 16.5.2005                                                                          nach oben

 

Der letzte WGT-Tag zeigt sich von seiner schönsten Seite – Sonnenschein und blauer Himmel, wie man es sich für das gesamte Wochenende gewünscht hätte.

Da wir am nächsten Morgen früh gen Heimat aufbrechen wollen, packen wir schon ein paar Sachen zusammen, bevor wir uns zum Abschiedsbesuch ins heidnische Dorf aufmachen. Omnia absolvieren dort ihren letzten Auftritt – eine fast schon besinnliche Angelegenheit, da sie rein akustisch und nur einige ihrer ruhigen Stücke zum Besten geben. Sic verkündet, dass es nach vier Tagen Festival riecht – und so Leid es mir tut, ich muss ihm beipflichten. Irgendwer oder irgendwas riecht nicht wirklich frisch. Ich lebe mittlerweile auf dem Land, und da finden schon manchmal seltsame Gerüche den Weg ins Haus; aber ich muss feststellen, dass Kuhdung tatsächlich nicht ganz so schlimm riecht wie Vier-Tage-nicht-gewaschen.

Gemächlich schlendern wir zur Agra hinüber; ausnahmsweise haben wir Zeit satt und genug, bevor das Abschluss-Festival losgeht. Der Einlass verzögert sich um eine Viertelstunde, und allmählich stimmt es ärgerlich, wenn Taschen nur halbherzig inspiziert werden. Hauptsache, keine Fremdgetränke – dass tief unten unter Kameras und anderen Utensilien vielleicht Handgranaten, zerlegte Pumpguns oder Butterfly-Messer lauern könnten, interessiert niemanden.

Unsere schriftlichen Genehmigungen, während der gesamten Auftritte von Markus Van Langen, Faun, Omnia und Tanzwut fotografieren zu dürfen, sind rasch von der Security abgesegnet, und pünktlich um 14 Uhr machen wir uns auf den Weg in den Fotograben.

Markus Van Langen und des Teufels Lockvögel haben die Ehre, das Festival zu eröffnen, und man kann nur sagen: Mann, das rockt!

Was uns da um die Ohren geblasen wird, ist Mittelalterrock allererster Güte und braucht Vergleiche mit den großen Namen des Genres nicht zu scheuen. Die Truppe präsentiert solche Klassiker wie „Ai vis lo lop“, aber sie sind alles andere als ein müder Abklatsch von In Extremo & Co. Im Gegenteil, was wir hören, klingt frisch und innovativ, und nach der viel zu kurzen halben Stunde sind wir uns einig, dass wir eine Band mit Zukunft gesehen haben. Und wer immer sich auch noch in Sachen Mittelalterrock versuchen wird, er wird sich verdammt anstrengen müssen, um das noch zu toppen.

Es folgen Omnia, und dass deren Beliebtheit im Laufe der letzten Tage noch mächtig zugenommen hat, beweist die Tatsache, dass selbst der Soundcheck bejubelt wird. Auch auf der großen Bühne machen Sic, Jenny, Luca, Joe und Ben eine gute Figur, der Lichtmensch gibt alles, um die Truppe in Szene zu setzen, und geradezu frenetischer Jubel bricht aus, als Omnia zum Abschluss „Morrigan“ zum Besten geben – wohl die Hymne schlechthin für viele Besucher, die die Band auf dem WGT lieb gewonnen haben. Sichtlich erfreut verabschieden sich die Holländer – und wenn sie im nächsten Jahr wieder hier spielen sollten, dann sicherlich zu späterer Stunde.

Kollege Bombadil bricht gen Parkbühne auf, um Nebelhexe zu sehen, während ich wegen eines Auftrags in der Agra ausharre. Ich bin nicht wirklich froh, aber Job ist Job, und ich beschließe, den aufkeimenden Unwillen mit einem Cappuccino zu ertränken. Keine gute Idee – das Getränk ist sehr schmackhaft, macht seinem Namen als Heißgetränk aber alle Ehre, und ich verbrenne mir gehörig die Zunge.

Bei meiner ziellosen Odyssee durch die Halle treffe ich schließlich auf Rüdiger von Faun – wenigstens ein bisschen netter Smalltalk ist mir also beschieden, den ich allerdings abkürzen muss, weil Bombadil inzwischen draußen wartet, um mich zur Parkbühne mitzunehmen, wo Qntal auftreten werden.

Ich beschließe unwiderruflich, dass ich diesen Auftrittsort gar nicht mag – alles fürchterlich eng, die Eingänge eine Katastrophe, und selbst der Fotograben verdient diesen Namen kaum. Qntal aber entschädigen für diese Unbill, die einzigartige Mischung aus Elektronik und Mittelalter nimmt sofort gefangen, und Syras Stimme lässt einem einen Schauer nach dem anderen über den Rücken rieseln. Völlig entrückt wirkt die sympathische Sängerin bisweilen, hochkonzentriert Michael Popp, der zwischen E-Gitarre, Trommeln und Laute wechselt. Auch dieses Konzert ist viel zu schnell vorbei – schneller jedenfalls als wir brauchen, um die Parkbühne wieder zu verlassen. Zumindest kommt es mir so vor, und ich befinde, dass mein Bedarf an Körperkontakt mit wildfremden Menschen für dieses Jahr mehr als gedeckt ist.

Zurück in der Agra finden wir die Musik nicht wirklich gefällig – da stärkt man sich doch lieber erst einmal an einem Essenstand und dreht noch eine Runde über die Messe. Immerhin muss ich ja mal wieder Mitbringsel erstehen – und diesmal frage ich auch tatsächlich am richtigen Labelstand nach der CD und dem T-Shirt, die mein Holder sich wünscht.

Endlich ist es dann soweit, Faun stehen auf dem Programm. Nachdem sie im vergangenen Jahr noch am Nachmittag am Start waren, spielen sie diesmal als drittletzte Band – in der WGT-Wertung unbedingt ein Aufstieg.

Die Security-Mannschaft hat gewechselt – und wir sind höchst unfroh über das Individuum, das uns beäugt, als wären wir eine ausgesprochen widerwärtige Spezies von einem anderen Stern, mit der jegliche Kommunikation ausgeschlossen ist (aber ist auch er einfacher humanoider Kommunikation nicht fähig??). Zum Glück taucht dann aber doch einer der netten Menschen auf, der sich noch vom Mittag an uns erinnerte, und so steht dem Fotografieren während des ganzen Faun-Auftritts nichts mehr im Wege.

Die Faune beweisen bereits mit den ersten Klängen, dass sie völlig zu Recht als drittletzte Band spielen, nachdem sie im vergangenen Jahr noch im Nachmittagsprogramm aufgetreten waren. Im Fotograben herrscht Gemecker, weil das Licht plus reichlich Nebel eine gewisse Herausforderung darstellen, und manch einer gibt vorzeitig entnervt auf. Aber auch wenn das das Fotografieren unter erschwerten Bedingungen stattfindet – der Magie der faunschen Musik ist die Beleuchtung vollkommen angemessen. Man merkt dem Quintett an, wie viel Freude es an diesem Auftritt hat, vor allem an der Tatsache, dass auch und gerade die Stücke der neuen CD beim Publikum bestens ankommen. Und wir freuen uns für sie, dass sie gemeinsam mit Omnia ganz offenkundig zu den Gewinnern des diesjährigen WGT gehören.

Die tanzwütigen Berliner lassen es nach Faun noch einmal richtig krachen, und das Tempo, mit dem sie durch alte und neue Hits rauschen, ist einfach atemberaubend. Als störend empfinde ich lediglich den mit Blumen gespickten Hut einer Dame im Fotograben – entweder geht man aufs WGT, um schön zu sein oder um Fotos zu machen. Blumenhüte jedenfalls haben meiner Ansicht nach nichts im Fotograben zu suchen – abgesehen davon, dass sie auch den Zuschauern die Sicht auf die Bühne erschweren. Höhepunkt des Auftritts ganz ohne Frage der Moment, als sich alle Musiker aufstellen und mit ihren Leucht-Trumscheits das Tanzwut-Logo bilden (und wir gestehen es – wir freuen uns ein bisschen, dass wir einen kleinen Einblick gewinnen konnten, als diese Instrumente entstanden sind). Zum Abschluss des Abends dann noch die Band, deren Name irgendetwas mit U-Bahn und Frauen zu tun hat – mit einem neuen Bekannten aus Fotografenkreisen bin ich mir einig, dass man sie nur lieben oder hassen kann. Und gänzlich gegen die Meinung der breiten Masse kann ich nur sagen: Ich liebe sie nicht … aber die Geschmäcker sind zum Glück verschieden, ich aber bin froh, dass wir uns nach vier Liedern verabschieden, denn die Nacht wird aufgrund des geplanten frühen Aufbruchs nicht ganz so lang.

Rasch packen wir noch all das zusammen, was wir über die halbe Wohnung verstreut und am Morgen noch nicht eingesammelt haben und befinden, dass auch dieses WGT sich trotz zeitweise widriger Wetterbedingungen mehr als gelohnt hat. Gleichzeitig aber freuen wir uns schon mächtig auf das jeweilige Zuhause – home sweet home!

Ach übrigens, den Köstritzer-Kasten haben wir tatsächlich noch geschafft …

 

Ancalagon

 

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