Bilder von der AGRA Halle Pfingstmontag

Donnerstag, 27.5.2004   Freitag, 28.5.2004   Samstag, 29.5.04   Sonntag, 30. 5.2004   Montag, 31.5.2004  Dienstag. 1.6.2004

 

Los geht es bereits am Donnerstag gegen 14.30 Uhr in Bonn – und unser Auto sieht aus, als wäre das WGT nicht 4 Tage, sondern 4 Wochen lang. Aber der Reisende von Welt sorgt ja vor, und so sind wir bestens ausgestattet mit Camping-Tisch, Camping-Stühlen, reichlich Lebensmitteln, Wasserkocher, Kaffeemaschine und den übrigen lebensnotwendigen Dingen, zu denen auch noch zwei Laptops, Kameras und CD-Rohlinge gehören. Einige Stunden später soll sich herausstellen, daß die meisten unserer Vorkehrungen völlig übertrieben waren – aber seien wir ehrlich: Ich persönlich hatte im Vorfeld einige Zweifel, ob ein viertägiges Festival und das Leben in einer Wohngemeinschaft mein Nervenkostüm nicht hoffnungslos überstrapazieren würden. Beides sind Dinge, auf deren Erfahrung ich bislang verzichtet hatte, und so wollte ich zumindest gut vorbereitet auf alle Eventualitäten sein.

Beim Halt in Herleshausen anläßlich der mehr als notwendigen Freßpause bei der allseits bekannten Burgerkette erstehen wir noch eine Kiste des Lebenselixiers Schwarzbier – auf diversen anderen Exkursionen gen Osten bereits geprüft und für mehr als gut befunden.

Wir passieren Erfurt und Weimar, was in mir sehnsuchtsvolle Erinnerungen an Ausflüge zur Runneburg in Weißensee und Vorfreude auf den im August wieder anstehenden Besuch dorthin weckt.

Gegen 20.15 Uhr kommen wir in Leipzig auf dem Fabrikgelände einer ehemaligen Spinnerei an – hier lebt Puck von den Dudelzwergen mit vier Mitbewohnern und hat uns freundlicherweise für die Dauer des WGT ein Domizil angeboten. Meine anfänglichen Befürchtungen werden durch die herzliche Aufnahme umgehend zerstreut, und nur wenige Stunden später klingt der sächsische Dialekt ebenso vertraut wie Berlinerisch, das vor einigen Wochen noch die vorherrschende Sprachkulisse war (und ich überlege, ob ich bei so viel Sympathie für den Osten nicht doch allmählich darüber nachdenken sollte, meinen Wohnsitz in die neuen Bundesländer zu verlegen). Binnen kürzester Zeit fühlen wir uns vollkommen heimisch auf den 500 Quadratmetern der umgebauten Fabrikhalle, von Puck und seinen Kollegen mit viel Liebe zum Detail, Eigenarbeit und Kreativität und zu Fotoexzessen animierend eingerichtet; und in den folgenden Tagen fällt auf der riesigen Fläche kaum auf, daß an die 15 weitere WGT-Besucher hier ihr Quartier aufgeschlagen haben.

Für uns beginnt das WGT noch an diesem Abend mit einem Besuch in der Tango-Fabrik, die sich ebenfalls auf dem Fabrikgelände befindet – hier findet eine Grufti-Party statt, auf der ich mich um mindestens 15 Jahre in alte Zwischenfall-Zeiten zurückversetzt fühle, auch wenn sich Musik und Bekleidungsstil seitdem doch etwas gewandelt haben. Ich befürchte, daß ich mich mit meinen guten alten Pikes von anno dunnemals als hoffnungslos antiquiert geoutet hätte, hätte ich sie nach Leipzig mitgenommen – der letzte Schrei in der schwarzen Szene scheinen derzeit Plateau-Sohlen und möglichst wenig Bekleidung zu sein.

 

Freitag, 28.5.2004                                                                        nach oben

 

Nach wenig Schlaf, ausgiebigem Frühstück und Dusche geht es am Vormittag zunächst zum Agra-Gelände, um Presseausweise und Fotopässe abzuholen. Alles so schwarz hier, ist mein erster Gedanke angesichts der Menschenmenge vor der Agra-Halle, und schon jetzt entsteht ein Eindruck, der sich während der folgenden Tage verfestigen wird: Wir existieren in einem ganz eigenen WGT-Universum, das weitgehend losgelöst ist vom Rest der Welt.

Etwas skeptisch beäuge ich das Bändchen, das von nun an ums Handgelenk getragen wird und uns als Presse ausweist. Das soll vier Tage halten? Es hält, auch wenn es am Dienstag morgen reichlich schmuddelig aussehen wird …

Danach ein erster Abstecher ins heidnische Dorf, das bereits beim ersten Eindruck sehr verheißungsvoll wirkt. Viele Kunstgewerbestände, verschiedene Handwerker, die ihre Arbeit vorführen, Stände, die fürs leibliche Wohl sorgen, und das Ganze auf einem ansprechenden Gelände mit Wiesen und altem Baumbestand. Ich habe schon jetzt das Gefühl, daß ich mich hier sehr wohl fühlen werde …

Vom heidnischen Dorf ziehen wir weiter zur Moritzbastei in der Innenstadt Leipzigs. Das gewölbeartige, verwinkelte Innere der Bastei ist beeindruckend und wie geschaffen für historische Musik, und bei unserer Ankunft spielen hier Vivus Temporis auf. Als etwas enttäuschend jedoch empfinde ich den Mittelaltermarkt auf der Bastei, wirkt die Kulisse draußen trotz Sonnenschein ein wenig trostlos und gänzlich unmittelalterlich auf Grund von zu viel Beton drumherum; der benachbarte Park hätte sich meiner Meinung nach eher angeboten.

Am Nachmittag brechen wir auf zum Werk II, und hilfsbereite Menschen weisen hier, wie überall in Leipzig, den Weg. Wir sind wegen Cultus Ferox gekommen; während noch für die Band Eisbrecher umgebaut wird, begegnen wir kurz Briantanus und warten dann draußen auf den Konzertbeginn. Zum ersten Mal gibt es leichte Irritationen, erhalten wir doch zunächst die Auskunft, daß während des ganzen Konzerts fotografiert werden darf, nur um bei Konzertbeginn zu erfahren, daß es lediglich für ein bis zwei Lieder gestattet sein solle. Da stimmt wohl irgendwas nicht so ganz bei der Absprache der Security. Aber Beharrlichkeit siegt, und letztendlich ist es uns dann abwechselnd doch vergönnt, das Konzert nahezu vollständig fotografisch zu begleiten – unter vermeintlich widrigen Umständen durch viel Nebel und streckenweise schlechtes Licht. Die abendliche Sichtung des Bildmaterials aber ergibt dann doch eine zufriedenstellende Ausbeute.

Cultus Ferox legen pünktlich los, und binnen kürzester Zeit haben die Berliner mit dem furiosen Schlagwerk- und Dudelsack-Sound das Publikum voll im Griff. Zwar hat Steffano einige Probleme mit seinem Mikro, doch das hält ihn und seine Mannen nicht davon ab, in vertrauter Manier alles zu geben, und auf der großen, tiefen Bühne haben Cultus Ferox endlich einmal genug Platz, um sich auszutoben. Neben Tänzerin Paulina ist auch Claudia nach ihrer Knieverletzung wieder mit von der Partie, und die beiden haben sich noch um eine weitere Tänzerin verstärkt, die mit einer Feuerspuck-Einlage aufwartet.

Die Krönung des Konzerts ist die offenbar nicht im Programm vorgesehene Zugabe – obwohl der Strom bereits abgedreht ist und mit dem Abbau der Instrumente begonnen wird, lassen es sich die Berliner nicht nehmen, die Forderungen des Publikums zu honorieren, und spielen kurzerhand unplugged noch ein Stück, sehr zur Freude der Zuschauer.

Unser Auftrag im Werk II ist damit erfüllt, und wir kehren zurück ins heidnische Dorf. Ich habe das Vergnügen, die Musiker von Faun endlich einmal persönlich kennenlernen zu dürfen, die uns herzlich begrüßen und allesamt hinreißend liebenswürdig sind und mich sehr neugierig machen auf den abendlichen Auftritt.

Zunächst jedoch können wir einen Kurzauftritt der neo-keltischen Band Omnia aus Holland bewundern, der leider viel zu kurz, aber schon sehr eindrucksvoll ist und Lust auf mehr macht. Keltisch inspirierte Gesichtsbemalung und Bekleidung, eine Bühnendekoration aus aufgespießten Köpfen als Hommage an keltische Kriegertraditionen, dazu hypnotisches Schlagwerk und die virtuose Harfenistin Jenny – ich weiß, daß ich davon mehr sehen und hören will!

Omnia liefern auch die rhythmische Untermalung für die Akrobatik-Performance der beiden Damen von Las Fuegas, die mit Feuerspuckkünsten, Scherbenwälzen und weiteren schmerzhaft wirkenden Einlagen das Publikum unterhalten.

Mit Einbruch der Dunkelheit betreten Faun die Bühne zum Abendkonzert, und was auf CD schon vielversprechend klang, ist in der Live-Darbietung noch besser. Viele Bands verwenden mittlerweile historische Instrumente, und einige kombinieren sie dazu mit Rockelementen – doch mich beeindruckt der Weg, den Faun eingeschlagen haben. Die Münchner Band verzichtet auf Gitarrenriffs oder Bässe und ergänzt statt dessen das historische Instrumentarium mit elektronischen Klängen. Gerade dieser elektronische Part von DJ und Synthesizer-Experte Niel Mitra macht für mich den besonderen Reiz der faunschen Musik aus, ebenso wie die filigranen Stimmen von Lisa und Fiona. Die freundlichen, natürlichen Musiker um Oliver Sa Tyr bringen mit ihrer Reise durch die beiden Alben „Licht“ und „Zaubersprüche“ das Publikum nicht nur zum Tanzen, sondern auch zum Träumen, und man merkt ihnen an, wie sehr sie in ihrer Musik aufgehen. Nach diesem Auftritt freue ich mich umso mehr auf die Darbietungen Fauns in den kommenden Tagen!

Nach einem Becher Faßbrause geht es zurück zur Spinnerei, da es zwar tagsüber angenehm temperiert und gegen Nachmittag auch sonnig war, abends aber doch sehr frisch wird.

Mittlerweile kommen uns einige Straßen in Leipzig auch sehr vertraut vor – insbesondere die B 2 ist nach einem Tag schon eine gute alte Bekannte geworden.

Und der mitgebrachte Kasten Schwarzbier erleidet erste Verluste, während wir Fotos auf die Laptops schaufeln, bevor wir uns erschöpft, aber zufrieden zur Ruhe begeben.

 

Samstag, 29.5.04                                                                           nach oben

 

Der erste Weg führt heute zur Moritzbastei, wo wir die Bruderschaft von Potentia Animi besuchen zwecks Interviews. Herrlich abgedreht präsentieren sich Bruder Schaft, Bruder Titus und Bruder Nachtfraß im Gespräch – über manch eine Bemerkung der unheiligen Mönche zu den Modetorheiten an uns vorbeiflanierender Damen und Herren decken wir an dieser Stelle aber lieber aus Gründen der Höflichkeit den Mantel des Schweigens. Leider können wir den abendlichen Auftritt der Bruderschaft nicht wahrnehmen, aber das wird an anderer Stelle hoffentlich bald nachgeholt.

Auch der zweite Eindruck der Location Moritzbastei ist nicht wirklich überzeugend, was das Umfeld des Mittelaltermarkts unter freiem Himmel anbelangt, und rechte Mittelalterstimmung will auch heute nicht aufkommen in einer Kulisse aus Beton.

Kollege Bombadil scheint auf dem WGT Gott und die Welt zu kennen, und so ergibt sich immer wieder die Gelegenheit zu einem netten Gespräch, was zwischenzeitlich fast vergessen läßt, daß wir eigentlich zum Arbeiten hier sind.

Weiter geht es zur Agra-Halle, die Gruft-Messe inspizieren – Information Overload, so viel Schwarz auf einen Haufen habe ich ewig nicht gesehen. Die angebotenen Waren von ausgefallener Bekleidung, Band-Merchandise, CDs und allem, was das Musik-Fan-Herz noch so begehrt, finden, wie es scheint, reißenden Absatz. Auch wir tätigen einige Einkäufe, bevor wir uns ein wenig mit den netten Leuten von Mondschatten und kom4 verweilen.

Dann – endlich – wieder Ankunft im heidnischen Dorf, wo wir gerade rechtzeitig kommen, um Omnia mit einem längeren Set zu erleben. Erneut ist das holländische Trio sehr beeindruckend, und ich bin froh, daß ich die CDs bereits am Vorabend käuflich erworben habe. Flöten, Harfe und das Slideridoo, ein an ein Didgeridoo angelehntes Instrument, erzeugen eine entspannte, streckenweise auch mystische Atmosphäre und beweisen, daß das musikalische Spektrum der Band weit gefächert ist. Mittlerweile bin ich geneigt zu glauben, daß Omnia es wirklich verstehen, die keltischen Götter zu beschwören.

Schön zu erleben, wie vorbehaltlos sich mit dem Publikum auch die befreundeten Musikerkollegen von Faun ebenso wie Michael Popp von Estampie an der Darbietung der Holländer erfreuen.

Dann spielen wieder Faun auf, deren Auftritt die Leute mehr und mehr zum Tanzen animiert, und ich ertappe mich dabei, daß ich zwischenzeitlich beinahe das Fotografieren vergesse, um den wunderschönen Klängen lauschen zu können. Insbesondere die liebenswert-natürliche Ausstrahlung von Fiona und Lisa, die stets ein Lächeln auf den Lippen hat, machen den besonderen Reiz dieser Band aus, und ich habe den Eindruck, daß die Faune nicht einfach nur musizieren, sondern ihre Musik förmlich leben. Je öfter ich diese Mischung aus Historie und Niels Elektronikeinsatz erlebe, desto faszinierender wird sie. Ich merke, ich bin extrem suchtgefährdet, wenn es um Musik außerhalb der ausgetretenen Pfade der Top Ten der Mittelalterklassiker geht.

Dann gibt es mächtig was für die Augen, denn die Berliner Feuerkünstler von Seelenfunken warten mit einer schlichtweg grandiosen Performance auf, wie ich sie zuvor noch nicht gesehen habe. Feuerspucken ist in der Mittelalter-Szene vielleicht nicht unbedingt ein Novum – akrobatische Jonglage mit brennenden Ketten sieht man schon seltener; und wenn drei Leute gemeinschaftlich eine meterhohe Feuerfontäne produzieren und das heidnische Dorf taghell im Flammenschein erstrahlt, ist das ein Gänsehauterlebnis ganz besonderer Art.

Und dann, das Highlight des Abends – Estampie. Für uns zweifellos die größte Überraschung an diesem Tag, die bereits mit dem Aufbau des umfangreichen Instrumentariums beginnt – von Drehleiern, Nyckelharpas, schottischem Dudelsack, Harfen, Lauten, Schlagwerk bis hin zu Instrumenten, deren Funktion wir nicht einmal erahnen können, ist hier alles vertreten. Hier sind Profis mit einer jahrzehntelangen Erfahrung und profundem Wissen am Werk, die in aller Ruhe vor den gespannten Zuschauern ihren Soundcheck absolvieren, bis alle Instrumente zur Zufriedenheit gestimmt sind. Und schon jetzt ist klar, daß Estampie irgendeine „Show“ gar nicht nötig haben – die Musik und die unvergleichliche Stimme von Sängerin Syra verbreiten bereits mit den ersten Klängen eine Intensität, die den Hörer ganz auf die Musik fokussiert und jegliches Showelement hoffnungslos deplaziert wirken lassen würde. Sich einmal ganz auf Musik einlassen, in sie eintauchen, sie auf sich wirken lassen – das geschieht an diesem Abend bei Estampie. Und das Publikum läßt sich ein auf die Musik, bejubelt die musikalisch vielschichtigen Interpretationen mittelalterlichen Liedgutes; und wer das „Palästina-Lied“ an diesem Abend von Estampie gehört hat, der weiß, daß man diesen Mega-Hit der Mittelalter-Klassiker von nun an allein ihnen überlassen sollte.

Michael Popp plaudert zwischendrin immer wieder locker mit den Zuschauern, und allen Musikern ist anzumerken, daß der Auftritt vor einem überwältigend großen Publikum ihnen großen Spaß bereitet. Selten hat man eine so ausgefeilte Darbietung auf höchstem musikalischem Niveau erlebt, die die Wellen der Euphorie bis in die letzten Reihen der Zuschauer trägt. Diese Leute verstehen nicht nur ihr Handwerk, sie verleihen der Musik einen ganz besonderen Zauber und spielen musikalisch schlichtweg in einer ganz eigenen Liga. Absolut überwältigend die Trommelperformance, mitreißend und gleichzeitig in Trance versetzend.

Und mit ihrer ehrlichen Freude angesichts der stürmischen Zugabeforderungen des Publikums gewinnen die Musiker von Estampie noch weitere Sympathie-Punkte.

Musik ist auch ein Stück Magie, das beweisen nach Omnia und Faun auch Estampie, und wer bereit ist, sich verzaubern zu lassen, der erhält an diesem Abend ein großartiges Geschenk für Sinne und Gefühle.

Rechtschaffen beeindruckt verlassen wir das heidnische Dorf, um den faszinierenden Auftritt Estampies noch ein wenig in Ruhe Revue passieren zu lassen.

Nachtrag: Wir haben an diesem Tag den Verlust von Bombadils blau-schwarzen Badeschlappen aus der Bretagne zu beklagen, die in den Tiefen der Spinnerei auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

 

Sonntag, 30. 5.2004                                                                         nach oben

 

Eigentlich soll es heute ein ruhiger Tag werden. Nach ausgiebigem Frühstück und geselligem Smalltalk am Frühstückstisch mit WG-Bewohnern und -Besuchern brechen wir gegen Mittag in Richtung Moritzbastei auf, um von dort aus ein bißchen die Stadt zu erkunden. Was wir denn auch tun, und ich stelle fest, daß ich Leipzig noch einmal außerhalb der Anderswelt des WGT besuchen muß. Dann werde ich auch sicherlich nicht von freundlich interessierten Touristen befragt werden, was es mit den vielen schwarzgewandeten Gestalten in der Stadt auf sich hat …

Die imposante Architektur von Nicolaikirche oder Rathaus verlocken dazu, den Touri raushängen zu lassen, und nach Sightseeing und Fotografieren steht uns der Sinn nach einem indischen Mittagessen – vorzüglich, aber doch zu reichlich. Ich beschließe, noch ein wenig weiter durch die Stadt zu streifen, während Bombadil sich schon wieder zur Moritzbastei aufmacht – wo er auf Markus Van Langen trifft und mich per Handy zurückberuft, um den sympathischen Musiker gleichfalls persönlich kennenlernen zu können. Markus erweist sich als vollendeter Gentleman, der Damen mit Handkuß begrüßt, und wir lassen es uns nicht nehmen, den Auftritt von Markus und seinen Lockvögeln im Keller der Moritzbastei mitzuerleben. Mir gefällt sehr gut, was die drei Musiker in ihrer akustischen Variante mit Percussion, Flöten, Dudelsack und Markus’ rauhem Gesang darbieten, darunter auch „Ai vis lo lop“; erspart bleibt uns erfreulicherweise der bei diesem Stück gern aus dem Publikum vorgebrachte Satz „Aber das ist doch eigentlich von In Extremo“ …

 Leider ist der Auftritt  für unseren Geschmack zu kurz, doch nach dem persönlichen Kennenlernen und spontaner gegenseitiger Sympathie werden wir sicher die nächste Gelegenheit nutzen, Markus und seine Band an anderer Stelle live zu erleben.

Und dann sind wir wieder im heidnischen Dorf, das mittlerweile fast zur zweiten Heimat geworden ist, wo wir uns zunächst bei der freundlichen Handwerkerin Kerstin Haller über die Kunst des Brettchenwebens informieren.

Weiter geht es im Anschluß zu Omnia, deren keltischer Neofolk von Tag zu Tag besser wird, und ich weiß, daß ich die nächste Gelegenheit nutzen werde, Omnia noch einmal live zu sehen. Frontmann Sic moderiert launig und unterhaltsam auf Englisch und Deutsch, lästert über römische Legionäre und gibt Anekdoten über irischen Inzest zum Besten. Die bekennenden Paganisten versehen ihre Darbietung stets mit einem Augenzwinkern; doch wenn Omnia dreistimmig und mit martialisch-hypnotischem Schlagwerkeinsatz dem keltischen Gott Taranis huldigen, liegt eine prickelnde Spannung in der Luft, und man wird Teil eines Rituals, das man nicht erklären, sondern nur fühlen kann.

Omnia zelebrieren keltische Traditionen aus vorchristlicher Zeit, und das heidnische Dorf verdient seinen Namen, wenn sie die Götter heraufbeschwören.

Nach einigen Kleidungseinkäufen und Nahrungsaufnahme dann endlich wieder die Faune, die hiermit feierlich den Sympathiepreis des WGT 2004 verliehen bekommen. Noch nie habe ich eine Band erlebt, die sich so ehrlich und herzlich über die Begeisterung des Publikums freut wie die fünf Münchner, die einmal mehr die zahlreich anwesenden Zuschauer in Ekstase versetzen. Und auch mich zieht die Kombination aus Niels kraftvoller Elektronik, den historischen Instrumenten, Rüdiger Mauls vielfältiger Percussion und den geradezu sphärischen Stimmen von Lisa und Fiona immer mehr in ihren Bann, und schon jetzt freue ich mich auf das morgige Konzert der Faune in der Agra-Halle. Vor dem Auftritt gibt es zuvor noch ein bißchen Smalltalk mit Oliver und Lisa, die außerhalb der Bühne einen ebenso liebenswerten und freundlichen Eindruck machen wie auf der Bühne. Fazit: Wieder ein rundum gelungener Abend, und für künftige WGT-Erlebnisse, so sie folgen werden, ist das heidnische Dorf (und auch dann hoffentlich wieder mit Faun und Omnia) absolutes abendliches Pflichtprogramm.

 

Montag, 31.5.2004                                                                           nach oben

 

Auf zum letzten Gefecht – sprich: dem großen Abschlußfestival in der Agra-Halle. Der Wettergott, der uns drei Tage lang angenehm warmes und sonniges Wetter beschert hatte, fängt an zu schwächeln, und am Nachmittag beginnt es zu regnen – fast so, als wolle er den Besuchern den Abschied vom WGT ein wenig leichter machen.

Für mich beginnt der Großkampftag allerdings erst mit dem Konzert von Faun gegen 17:30 Uhr, zuvor gibt es noch einiges zu erledigen und zu arrangieren. Gespannt betrete ich dann für den Faun-Auftritt den Fotograben (netterweise haben wir von der Band die Genehmigung, das ganze Konzert über fotografieren zu dürfen) – werden die Münchner auf der großen Bühne ebenso faszinierend sein wie im heidnischen Dorf? Sie werden, auch wenn ich vor lauter Fotografieren die Musik nicht ganz so genießen kann wie ich es mir gewünscht hätte. Aber das gute Licht muß man schließlich ausnutzen, nicht wahr?

Es folgen Ardor vom Venushügels Cornix Maledictum und stimmen auf weitere Mittelalterklänge ein, und mich freut es besonders, daß das Trio sowohl die „Rabenballade“ als auch „Der Hexer“ mit im Gepäck hat – beides Stücke, die mir immer wieder ausgesprochen gut gefallen.

Nach Cornix Maledictum beschließen wir, erst einmal für das leibliche Wohl zu sorgen und noch einmal beim Mondschatten- und Miroque-Stand vorbeizuschauen, bevor wir uns zu Schandmaul wieder in Richtung Fotograben begeben. Während wir noch auf den Einlaß warten, stellen wir erstaunt fest, daß es auch in Fotografen-Kreisen bei einigen mit der Kollegialität nicht mehr allzu weit her ist – allerdings amüsiert das arrogant-weinerliche Lamento zweier Herren die umstehenden anderen zahlreichen Fotografen (die sich durch die Tiraden durchaus angesprochen fühlen dürfen) eher als daß es erbost.

Zwischenzeitlich sorgen Security und Sanitäter dafür, daß die ersten Reihen im Publikum mit reichlich Wasser versorgt werden, und dafür nimmt man Verzögerungen im Programmablauf gern in Kauf.

Der Auftritt von Schandmaul wird mit einer Performance der aus dem heidnischen Dorf bereits bekannten Seelenfunken eröffnet, und die Feuershow begeistert das mittlerweile zahlreich versammelte Publikum in der Agra-Halle ebenso wie die Menschen zwei Tage zuvor im kleineren Rahmen des heidnischen Dorfs. Für den letzten Part der Show werden wir an die Seite des Fotograbens beordert – eine durchaus sinnvolle Vorsichtsmaßnahme, um angesichts der Flammenfontänen nicht möglicherweise seiner Haare verlustig zu gehen.

Dann kommen Schandmaul, und nachdem ich im vergangenen Jahr einige wunderbare Konzerte der Münchner Band gesehen habe, muß ich gestehen, daß ich von diesem Auftritt enttäuscht bin. Vielleicht liegt es an der Akustik in der Halle, vielleicht auch an dem Platz, an dem wir stehen, nachdem wir unsere Fotos gemacht haben – aber in meinen Ohren klingt es so, als würden Schandmaul immer rockiger werden, ein Eindruck, den schon die aktuelle CD und das Auftauchen von Schandmaul in verschiedenen Metal-Magazinen hinterließ. Gitarren und Baß stehen sehr stark im Vordergrund, und von den Geigen, Dudelsäcken und Flöten von Birgit und Anna ist an diesem Abend nicht allzu viel zu hören, und selbst ein Klassiker wie „Walpurgisnacht“ klingt an diesem Abend deutlich anders als bei früheren Konzerten. Schade, denn gerade die ausgewogene Mischung der Instrumente hat für mich immer den Charme der Schandmaul-Musik ausgemacht.

Zum großen Finale spielen die Könige der Spielleute auf – Corvus Corax betreten, bedingt durch vorangegangene Verzögerungen, mit beinahe einstündiger Verspätung die Bühne. Promoterin Stephanie Neumann sorgt kurzfristig dafür, daß wir auch den Corvus Corax-Auftritt komplett fotografisch begleiten dürfen – und am nächsten Tag werde ich mich fragen, wieso mir mein gesamter Arm so seltsam weh tut. Amok-Fotografieren ist angesagt, denn die buntgewandeten Rabenvögel fackeln mal wieder ein wahres Feuerwerk ihrer Spielmannskunst ab, das im Bild festgehalten werden will. Soviel Energie um Mitternacht elektrisiert noch einmal die Zuschauer, von denen viele schon seit zwölf Stunden in der Halle ausharren und den Auftritt der Band bejubeln, während wir auch noch die letzten Speichersticks füllen und die Akkus unserer Kameras leer schießen. Corvus Corax tuten, trommeln und toben trotz der fortgeschrittenen Stunde, was das Zeug hält, und mit ihnen hat das WGT wirklich ein überaus gelungenes Abschlußspektakel.

 

Dienstag, 1.6.2004                                                                          nach oben

 

Nachlese: Am späten Vormittag verlassen wir Leipzig und kehren allmählich in die Wirklichkeit zurück, auch wenn uns das WGT noch eine Weile auf der Autobahn in Gestalt von mit Bandaufklebern zugepflasterten Gefährten begleitet. Ein Kompliment an ein Publikum, das trotz der großen Anzahl von um die 19.000 Menschen absolut friedlich war, und an die Organisation, die einmal mehr ein Event auf die Beine gestellt hat, dessen Ausmaß an Arbeit und Vorbereitung man sich als Außenstehender kaum vorstellen kann. Ein großes Dankeschön gilt all den lieben Menschen, die wir kennengelernt oder wieder getroffen haben, vor allem an die Leipziger, die es uns mit ihrer Herzlichkeit und Offenheit so leicht gemacht haben, uns in ihrer Stadt heimisch zu fühlen. Besonderer Dank natürlich an Puck und seine Mitbewohner für das nette Dach über dem Kopf und die noch netteren Unterhaltungen am Frühstückstisch – und nicht zu vergessen natürlich auch an Bands wie Faun, Potentia Animi, Markus Van Langen und seine Lockvögel, Omnia, Estampie, Cultus Ferox, Cornix Maledictum und Corvus Corax, die mein erstes WGT zu einer besonderen Erfahrung gemacht haben. Gern wäre ich auch noch ein wenig auf den Spuren meiner musikalischen Vergangenheit in Sachen Elektronik und Industrial gewandelt – doch alles zu seiner Zeit; vielleicht beim nächsten Mal …

 

Ancalagon