Folk You!

 

Man nehme eine Halle in Solingen, Getaway mit Namen, packe 750 Leute hinein, stelle Schandmaul auf die Bühne und lasse sie die ersten Töne spielen – und man erhält das, womit die aktuelle Tour der Münchener betitelt ist: einen Hexenkessel!

Hatte man vor der Halle, einem ehemaligen Brauereigebäude, noch in Regen, Wind und Kälte ausgeharrt, so erlebte man beinahe in Lichtgeschwindigkeit einen Temperaturanstieg um mindestens 25 Grad, als die dicht an dicht stehenden Leute bereits bei den ersten Klängen auf und ab zu springen begannen und jedes Lied begeistert feierten (Ohrenschützer brauchte man nicht unbedingt auf Grund der Lautstärke der Musik, wohl aber wegen des stetig ansteigenden Begeisterungspegels des Publikums).

Sänger Thomas gab zu Beginn die Anekdote des ersten Auftritts von Schandmaul in Solingen zum Besten, als die Band auch vor ausverkauftem Haus gespielt hatte – allerdings vor 50 Leuten! Eins jedoch war wohl beiden Konzerten gemein: Der Weg vom fröhlichen Zechen nach dem Gig ins Bett war nicht weit!

Die Intensität und der Spaß, den die Musikanten daran hatten, vor einer fünfzehn Mal so großen Menge zu spielen, setzte sich beinahe körperlich spürbar durch die gesamte Halle fort und übertrug sich in ebensolcher Geschwindigkeit auf das Publikum, wie die Temperatur angestiegen war. Wäre nicht das schöne Bühnenlicht gewesen, hätte man wahrscheinlich kleine Energiefunken durch die gesamte Halle tanzen sehen …

Daß Schandmaul musikalisch perfekt sind und ihr Instrumentarium von Dudelsack über Geige bis hin zu Flöte, Gitarre, Schlagzeug und Baß beherrschen wie wenige andere, davon hatte ich mich im März bereits bei ihrem Konzert in Köln überzeugen können, als ich zum ersten Mal das Spektrum ihrer bisherigen Alben kennenlernen durfte, ein Eindruck, der sich auf den Open-Air-Festivals in Wuppertal und Mülheim noch verfestigte. Doch Perfektion nützt nichts, wenn der Funke nicht überspringt – doch daß das jemals passiert, darum müssen sich die sechs sympathischen Musiker sicherlich niemals Sorgen machen. Obwohl (oder gerade weil?) ich von meinem Standort aus nur mit diversen Kniebeugen einen halbwegs passablen Blick auf die Bühne erhaschen konnte (der Röntgenblick zum Durchleuchten der Lautsprecherbox direkt vor mir fehlte mir leider) und mir so der visuelle Eindruck ein wenig fehlte, konnte ich mich voll und ganz auf die musikalische Darbietung konzentrieren. Und wenn man die Freude einer Band an ihrem Auftritt vor allem hört und nicht nur sieht, dann ist man wohl auf dem richtigen Konzert gelandet!

Lieder wie „Walpurgisnacht“, „Narrenkönig“, „Teufelsweib“ oder „Vogelfrei“ wurden begeistert mitgesungen, und nicht nur vor der Bühne, sondern auch auf Treppe und Empore stand niemand mehr still. Und frau fragte sich einmal mehr neiderfüllt, wie Anna und Birgit es schaffen, zwei Stunden lang voller Energie und ohne ein Anzeichen von Ermüdung über die Bühne zu springen, ihre Instrumente perfekt zu spielen und dabei auch noch gut auszusehen!

Mitgebracht hatten die Münchener auch zwei Lieder der neuen CD, die im kommenden Jahr erscheinen wird, eins davon „Das Tuch“ betitelt. Sie wollen doch nicht ...? Eine kleine Schrecksekunde, als das Lied mit kraftvollem Gitarreneinsatz begann … aber nein, sie wollen nicht ins Rock-Genre wechseln, denn jegliche Befürchtungen in dieser Hinsicht zerstreuten sich in Windeseile, als ein Lied in typischer, unverwechselbarer Schandmaul-Manier erklang und schon die Neugier auf die neue CD weckte.

Für mich war der Abend absolut gelungen, als die Combo meine persönlichen Favoriten „Die letzte Tröte“, „Sturmnacht“ und „Der letzte Tanz“ spielte, und nach frenetischen Zugabeforderungen fand der Abend einen wunderschönen Ausklang mit dem Gänsehautlied „Willst du“, das Thomas einem verliebten Pärchen aus dem Publikum widmete.

Überhaupt das Publikum: Eine wunderbare Mischung unterschiedlichster Menschen, denen die Freude an der Musik und der Spaß an einer ausgelassenen, aber friedlichen Party gemeinsam war, und nicht oft habe ich es erlebt, daß man während eines Konzertes und danach so viele nette Menschen kennenlernt.

by Ancalagon