Rheinkultur 2008

 

Sommer, Sonne, Rheinkultur. Das erste Wochenende im Juli ist reserviert für ein Umsonst-und-draußen-Festival der Oberklasse. Die Rheinkultur jährte sich 2008 zum 26. Mal und zog mit Bands wie Schandmaul, Tomte und Sportfreunde Stiller (Blaue Bühne) oder Schelmish, Blackmail und Anti-Flag (Rote Bühne) dieses Jahr 140.000 Besucher an. Zum großen Jubiläum letztes Jahr mit dem Überraschungsheadliner Die Fantastischen Vier und Bands wie Sick of it All oder Donots waren satte 200.000 Leute gekommen. Die Rheinkultur hat eine lange Tradition – jedes Jahr gibt es dasselbe Prozedere mit überfüllten Bahnen, Jugendlichen außer Rand und Band, und auch wettermäßig war bisher von Schlammschlacht bis Hitzeschock alles schon dabei.

 

Dieses Jahr begann die Rheinkultur für mich in Köln. Mit meinem Rad versuchte ich nach Bonn zu fahren. Das klingt einfacher, als es war, zwar war auf dem Bahnsteig nicht viel los, als jedoch der Zug einfuhr, rief uns die Zugführerin zu, dass wir nicht einsteigen könnten. Kein Wunder. Der Zug war voll mit betrunkenen Teenagern, hatte eine enorme Bierfahne und so schätzungsweise 2,3 Promille intus. Da war es gerade halb zwölf mittags. Ich musste den nächsten Zug abwarten, der etwas leerer war. Ich stand mit zwei anderen Radlern mitten im Gang, mitten in einer Gruppe Punks, die laut Musik hörten und ganz offensichtlich Spaß hatten. Sie unterhielten das gesamte Abteil, weil einer von ihnen nuschelnd verkündete „Ich versuch einmal im Stähen zu nähen…“. Ich hielt das zuerst für einen Scherz, aber er fummelte tatsächlich an seinem rotzigen Sweatshirt rum und versuchte einen Oxymoron-Aufnäher anzubringen, sehr zur Erheiterung der Mitreisenden. Will man seinen Freunden glauben, so machte er schon über eine Stunde an dem Aufnäher rum, hatte es in der Zeit aber lediglich geschafft, zwei Ecken notdürftig zu befestigen. Schließlich schwatzte er den Umsitzenden drei Sicherheitsnadeln ab und war mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden, auch wenn es unglaublich ist, wie lang sich ein Punk in ungewaschenen Klamotten damit beschäftigen kann, Falten unter einem Aufnäher glattzustreichen. Dementsprechend wurde er auch von seinen Freunden aufgezogen. Ich hab mit mir gerungen, ihm das Ding eben festzunähen, aber ich glaube, es hat ihn insgeheim unglaublich befriedigt, sich mit so was Abgefahrenem wie Nähen zu beschäftigen. Alter, NÄHEN!!!

 

Nachdem ich ordentlich Mittag gegessen hatte, um auf dem Festival nicht gleich wieder Hunger zu bekommen, radelte ich in die Rheinaue. Es war eine gute Entscheidung, das Fahrrad zu nehmen. Offensichtlich haben es die Stadtwerke Bonn immer noch nicht geschafft, ein Transportsystem auf die Beine zu stellen, das die Menschenmassen adäquat in die Rheinauen bringt. Ich wollte mir den alljährlichen Feldversuch, wie viel Leute sich durch Sicherheitsleute in die Bahnen stopfen lassen, nicht antun. Vor dem Haupteingang versuchten Polizisten in voller Montur, Prügeleien zu schlichten. Ich reihte mich ein und ließ die Prozedur über mich ergehen wie jedes Jahr: Taschenkontrolle und Abklopfen nach versteckten Getränken. Da man keine Getränke und Speisen auf das Gelände nehmen darf, versuchen die meisten beim Anstehen am Eingang noch Bier oder Härteres in sich reinzukippen. Noch bevor sie das eigentliche Festivalgelände betreten, sind sie dann total strack und können nichts mehr, außer vielleicht pöbeln und schwanken.

 

Als ich endlich auf dem Gelände war, war es zwanzig vor drei, vor der blauen Bühne war noch nicht so viel los und mir war warm. Bei Bombes holte ich mir eine Kamera ab und stürzte mich ins Getümmel. Auf der Roten Bühne spielten gerade Eternal Tango und haben ganz ordentlich gerockt, auch wenn das Publikum gerade bis zum ersten Brecher reichte.

Ich schlenderte über die Wiesen, überall lagen Leute auf Decken, schwatzten oder ließen sich die Sonne auf die Plautze scheinen. Einige der Jüngeren tranken sich halb besinnungslos, das erste Mal Festival, das erste Mal rocken und großtun. Saufen und Kiffen noch vor dem Stimmbruch, in Bonn beginnt das Leben früh.

 

Auf dem Weg zum Tanzberg sah ich allerhand Leute, die sich die Zeit vertrieben – ob mit Jonglieren, Balancieren auf einem Seil, Bungee Jumping oder Diabolos. Die Krone setzte dem Ganzen allerdings eine in pink gekleidete junge Frau auf, die sich in einem pinkfarbenen Kinderwagen(!) lümmelte und es sich gut gehen ließ. Aus dieser Richtung drangen dichte Gras-Duft-Schwaden in meine Nase … ach Rheinkultur!

 

Auf dem Tanzberg war die Stimmung riesig, laute elektronische Musik knallte aus den Boxen und der DJ verstand es, das Publikum anzuheizen. Ich ging weiter zur Hip-Hop-Stage, neben der einige Graffiti-Künstler Sperrholzwände besprühten. Hier war der Altersdurchschnitt gefühlte 10 Jahre unter dem auf dem restlichen Gelände, aber ich wollte Hip-Hop mal wieder eine Chance geben. Das hab ich in meinem Leben schon öfter getan, aber es hat mich nie überzeugen können. Auch dieses Mal war es so: Die Hip-Hop-Bühne war die einzige Bühne auf der Rheinkultur, auf der nicht mal annähernd so was wie Musik lief. Aber, und das regte mich wirklich auf, es kommt noch viel schlimmer: Auf der Bühne standen so zwei Hip-Hop-Honks, dem Programm nach Blumio & Habesha, machten einen auf „ISCH bin deine MUTTA, du Hurensohn!“ und hatten einen Refrain, in dem sie Textzeilen von Rio ReisersWann“ verwursteten, plus ein wenig Drumrum. Blasphemisches Pack, Hip-Hop ist für mich gestorben.

 

Ich kehrte zurück zur Roten Bühne, da dort gleich Schelmish aufspielen sollten. Es hatte sich schon ein recht ordentliches Publikum zusammengerottet. Ich postierte mich hinter dem ersten Brecher, vor mir zwei Grazien, die ebenfalls fotografierten, und betrachtete das Publikum. Es war sehr gemischt, von Grufties über Mittelalterleutchen bis hin zu den ganz normalen Normalos war alles dabei. Neben mir standen zwei Altpunks, mit weniger als vier Zähnen im Oberkiefer, dafür spaßiger Laune, und machten Stimmung. Etwas weiter weg lümmelte jemand mit dem galoren T-Shirt-Spruch „Scheißen ist Arbeit“ (Junge, in der Apotheke kann dir geholfen werden) und alle warteten den Soundcheck ab.

Irgendwann hatte ich die Band schon mal auf dem WGT gesehen, konnte mich aber nicht so recht erinnern, wie es nun war (jaja, ich werd auch nicht jünger). An den Trommler Picus von Corvin erinnerte ich mich jedoch. Früher, als ich noch auf Mittelaltermärkte ging, spielte der bei Vivus Temporis und die sind immer SAUmäßig abgegangen. Er soundcheckte die Trommel und das Publikum vor der Bühne klatschte und hüpfte schon mit. Das Konzert würde gut werden.

Der Tontechniker Olli bekam von allen noch ein Geburtstagsständchen gesungen und das Heimspiel für Schelmish begann. Die Band verstand es hervorragend, das Publikum mitzureißen, ab dem ersten Lied brodelte es. Ich schaute mich vorsichtig um. Ich stand da, wo bei der vorherigen Band die Reihen luftig wurden, aber bei Schelmish hieß dieser Platz mittendrin. Ob rockig oder mittelalterlich, das Publikum war mit voller Kraft dabei und forderte nach jedem Lied: „Lauter, lauter!“ Besonders beeindruckt war ich, wie der Sänger Rimsbold loslegte. Er würde sich wahrscheinlich auch in einer Hardrock- oder Metal-Band wohl fühlen, eine derartige Vorstellung hatte ich wirklich nicht erwartet. Als er eines der rockigen Stücke ankündigte mit „Das ist der Teil, wo ihr anfangen müsst, rumzuschubsen – ich will eine Menge Scheiße von euch sehen hier vorne!“, ließ sich das Publikum das nicht zweimal sagen, so dass Haare und Gebeine flogen. Herausragend war auch Dextro, der mit seinen Ansagen zwischen den Liedern das Publikum immer wieder zum Lachen brachte. Die Vorstellung gipfelte dann in den erotischen (na ja …) Auftritt von Luzi, der zunächst in einem schmucken Mantel über die Bühne tanzte, dann in einem weißen Tüllkleidchen mit rosa Schleifen und schließlich nur noch in einem Hauch-von-nichts-Tanga. Der Strip wurde mit Johlen seitens des Publikums quittiert, Luzis Versuche, um die „Strip-Stange“ zu dancen, mit schallendem Gelächter. Den absoluten Höhepunkt erreichte die Show, als Dextro das Publikum aufforderte, „Ring of Fire“ von Johnny Cash zu singen. Johnny Cash! Mit der Aktion hat Schelmish zumindest bei mir lebenslang einen Stein im Brett. Dieses grandiose Konzert war leider viel zu schnell zu Ende und ein Großteil des Publikums strömte zur Blauen Bühne, wo gleich Schandmaul spielen sollte.

 

Vor der Blauen Bühne war es dann noch voller und es war für mich unmöglich, auch nur in die Nähe der Bühne zu kommen. Schandmaul brachte den Soundcheck hinter sich und legte los. Auch hier war das Publikum direkt mit vollem Einsatz dabei, obwohl der Sound während der ersten beiden Lieder einfach beschissen war. Offensichtlich waren für die Mittelalterbands eine Reihe von Fans angereist, mitten im Getümmel war sogar das erhobene Banner einer Ritterschaft zu sehen. Ich traf meinen Bruder, der mir berichtete, an ihm wäre gerade ein Trupp von 50 Gewandeten vorbeigegangen, in Rüstung, die alles plattgewalzt hätten, was ihnen in den Weg kam. Wie auf Kommando zogen 10 korpulente Herren im Schottenrock an uns vorbei. Schandmaul hatte das Publikum im Griff, auf Kommando waren alle Hände oben, das Publikum feierte und ließ es sich trotz Verbotsschildern nicht nehmen, ein wenig dem Crowdsurfing zu frönen, auch wenn die etwas humorlose Security die „Übeltäter“ dann direkt aus den Massen zog. Ich schaute mir das Spektakel etwas erhöht vom Hügelchen links der Blauen Bühne an und betrachtete besorgt die Regenwolken, die auf das Festival zurollten.

 

Zur Stärkung genehmigte ich mir eine Portion Fritten und Bier (da war mein Geld dann auch alle) und es fing an zu nieseln. Seinen Höhepunkt hatte das Festival für mich hinter sich gebracht. Ich warf noch einen kurzen Blick auf den Tanzberg, wo dieselben Leute zur selben elektronischen Musik wie vor zwei Stunden abhotteten.

An der Blauen Bühne spielte mittlerweile Tomte und da hatte ich dann wirklich keine Lust mehr. Das Publikum bestand zum größten Teil aus Anti-Mainstream-Mainstream und Philosophie- oder Hornbrillenstudenten und die Band spulte ihr Repertoire aus immer denselben Rhythmen, ihren vier Akkorden und ein bisschen „Ich sag jetzt aber mal meine Meinung!“ ab. Ich kann der Hamburger Schule nichts abgewinnen, vor allem, weil ich finde, man sollte seine Meinung mit Nachdruck vertreten und nicht mit Trallala.

 

Deswegen tat ich mir den Rest des Festivals auch nicht mehr an und verschwand, bevor sich der Headliner Sportfreunde Stiller blicken ließ. Auf dem Weg zu meinem Fahrrad schaute ich noch bei einem Straßenkünstler vorbei, der mit einer Marionette Smells like Teen Spirit von Nirvana nachspielte, was absolut köstlich war. Er konnte den Mund, die Beine und die Arme der Puppe in jeweils unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen, was eine für mich unvorstellbare motorische Meisterleistung ist, bravo!

 

So ging sie also zu Ende, die Rheinkultur 2008 – mit Nieselregen und Nirvana.

 

Antonia Hübner