Ritterspiele Burg Satzvey 10.– 25.05.2008

 

 

Wir machten uns mit dem Zug aus Köln auf dem Weg nach Satzvey, um uns die diesjährigen Ritterspiele des Frühjahrs anzuschauen. Neben den eigentlichen Ritterspielen sollte es einen Markt, ein Ritterlager und allerlei Gaukler und Musik geben.

Schon die Ankunft in Satzvey war ein Vergnügen, da der Bahnhof von erheiternder Größe ist und ein ganz besonderes Spezial bietet: Erst 5 Minuten vor Ankunft des Zuges wird von einem netten Tantchen ein Tor geöffnet, das die Reisenden oder Abholenden auf den Bahnsteig lässt. Das ist verständlich, da Satzvey eine der größten Städte Europas ist, dessen bekannter Fernbahnhof minütlich von Schnell- und Güterzügen passiert wird. Es wäre einfach unverantwortlich, die Menschenmassen, die diesen Bahnhof täglich frequentieren, einfach die Bahnsteige betreten zu lassen, wie es beispielsweise in Paris ist.

Wir machten uns auf den Weg zu der malerischen Burg, bei sonnenarmem, aber trotzdem warmen Wetter. Wir ließen unsere 10 Silberlinge pro Kopf an der Kasse, sparten uns das Geld für den Ritterkampf und betraten das Gelände. Da ausgesprochen viele Leute gewandet waren, war es wie eine Zeitreise. Viele Handwerker verkauften nicht nur ihre Waren, sondern zeigten auch, wie sie sponnen, webten oder schmiedeten, während die Ritter ihre Pferde trainierten.

Die Gauklerin Melania zeigte ihre Kunststücke von Balancieren auf dem Seil bis zu Jonglieren, und das Theater Aurora ging in traumhaften Kostümen über den Markt, um die Besucher zu verzaubern. Jemand raunte mir zu, dass sie dies den ganzen Tag auf Stelzen taten. Es war ein buntes Treiben, das musikalisch von den Irrlichtern, den letzten und schönsten fünf Jungfrauen des Rheinlandes, untermalt wurde, die von Taverne zu Taverne zogen. Nachdem ich mir ein Kirschbier genehmigt hatte, gingen wir weiter und schauten uns das Ritterlager an. Dort hatten neben den Kriegsraben die Limburger, Ana caran corvi, Leonis Pugnis, die Tomburgritter, die Skara Brae, die Milites Enomine Christi und die Veytaler Ritter ihre Zelte aufgeschlagen. Es gab im Lager einen Wappenkundigen, der in der Lage war, Familienwappen zu recherchieren. Außerdem konnte man sich Waffen erklären lassen, von denen die Veytaler ein ganzes Arsenal haben – da ist von Schwertern über Zweihänder, Reiterbögen und Langbögen bis hin zu Morgensternen und Streitkolben alles dabei. Auch die Rüstung konnte man in der Hand wiegen, wobei Helme und Schild zur einfachen Übung gehören. Bei Kettenhemden können die Männer  vor ihren Frauen dann angeben, indem sie lässig aussehen, während sie versuchen, das Kettenhemd festzuhalten.

Auch wenn das Lager sehr schön und amüsant war, wendeten wir uns wieder dem Markt zu. Dort gab es die üblichen Händler für Leder, Felle, Waffen, Rüstungen, Dekoration, Bäcker, Gewürze, Süßigkeiten, Gewandung, Räucherwerk. Ein Zelt aus dem Morgenland zum Kredenzen von Tee durfte genauso wenig fehlen wie ein Massagezelt und der Zuber. Dort hatten einige von uns einen Termin und versuchten uns zu überreden, mit in den Zuber zu kommen. Die Angelegenheit war mir ein wenig unheimlich. Dort saß meine Kindergartenfreundin, wohlerzogen, aus gutem, konservativem Hause, splitterfasernackt mit zwei Weibs- und fünf Mannsbildern im Zuber und ließ sich von den Kerlen (allen!) die Zehen (DIE ZEHEN!!!) lecken. Trotz aller Betteleien und Zerrereien lehnte ich ein Teilnehmen an dem Badespaß ab, schließlich bin ich selbstreinigend.

 

Wir vertrieben uns die Zwischenzeit mit Musik, denn es spielten die Irrlichter, Frendskopp, Rayneke, A La Via und Wargsang auf. Alle Gruppierungen schafften es blendend, für Stimmung zu sorgen, wobei Frendskopp mit ihren zwei Trommlern am rasantesten spielten und die Damen der Irrlichter am bezauberndsten. Die anderen beiden haben bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber das liegt möglicherweise auch an meiner Vorliebe für Trommler und bezaubernde Damen.

 

Wir kehrten zum Zuber zurück, um auf die Badenden zu warten, konnten aber nicht gleich in der Taverne Platz nehmen, weil dort gerade eine wilde Schlägerei stattfand, an der sich ein Weib rege beteiligte. Sie keifte Beschimpfungen auf einen am Boden Liegenden, während die umstehenden Kerle brüllten, man solle doch gefälligst das Weib zurückhalten. Das Weib bekam schließlich seinen Willen und der Schuldige wurde in einer Schandgeige weggezerrt.

 

Nachdem wir uns gesetzt hatten, hörten wir Pferdegetrappel. Um die Ecke bog ein ziemlich räudiger Gaul – kein echter – mit einem noch etwas räudigeren Reiter. Hinterdrein sein Knappe, der mit zwei Hölzchen für das Hufgetrappel sorgte. Bei dem Anblick musste ich so laut lachen, dass der Reiter mir seine volle Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. Er schäkerte mich so unverhohlen und laut an, dass es eine ganze Meute Besucher anzog. Ich versuchte natürlich, das Spiel, so gut ich konnte, mitzuspielen. Ich kraulte das Kostümpferd, das er sich übergestülpt hatte, an der Kehle, worauf es lüstern stöhnte und mich so stürmisch küssen wollte, dass ich beinah von der Bank fiel. Der Reiter wollte meinen Namen wissen und begann ihn so laut zu singen, dass es noch mehr Publikum anzog. Mir raunte jemand zu, dass dies der hübscheste Mann Frankreichs wäre. Ich war geschockt – denn entweder hatte dieser Mann keinen Spiegel, oder es sahen tatsächlich alle Franzosen noch viel schrecklicher aus als er, was meine Vorstellungskraft sprengte. Der „hübscheste Mann Frankreichs“ bezirzte mich noch ein wenig und ich ihn, bis er mir zum Dank für das Spielchen eine Lilie aus der Luft zauberte und von dannen zog.

 

Währenddessen hatten sich die Badenden angekleidet und gemeinsam zogen wir zu dem kleineren Burghof. Dort begannen die Irrlichter zu spielen und einige Veytaler Paare formierten sich zum Tänzchen. Sie tanzten eine Pavane de Honor, eine Gallopede, ein Chapelous, eine Tourdion und einen Traubentritt. Alle hatten dabei großen Spaß, auch die Besucher, die genötigt wurden mitzutanzen. Schließlich kam es zu einem Wettkampf zwischen Musikern und Tänzern, der Shirazula: Die Irrlichter spielten eine zunächst sehr langsame Melodei, zu der die Tänzer sehr langsam tanzten. Auch wenn beide anfangs Schwierigkeiten hatten, den Takt zu finden, stellten sie sich schnell aufeinander ein. Die Musiker wurden immer schneller und die Tänzer versuchten, es ihnen gleich zu tun. Die Irrlichter hatten auch während ihrer freien Zeit, wenn kein Markt war, die Aktiven musikalisch unterhalten. Sie verspielten sich oft und der Dudelsack schwächelte hörbar. Aber die Tänzer setzten bei steigendem Tempo dann doch öfter aus (älteres Gebälk …) und gaben schließlich auf, so dass die Irrlichter als Sieger aus dem Wettkampf hervorgingen.

 

Es war Zeit für ein vorzügliches Abendmahl und danach sollte das Ritterturnier beginnen. Wir waren frühzeitig am Zaun und konnten so fast alles sehen, ohne den zusätzlichen Eintritt zahlen zu müssen. Zuerst wurden die Darsteller zum Aufmarsch gerufen und vorgestellt. Gaukler liefen voran, besonders eindrucksvoll waren das in Goldgewänder gekleidete Theater Aurora und die rückwärts mit Feuer jonglierende Melania. Es folgten die Musiker und die Ritterschaften.

Dann begann die Inszenierung der Schlacht von Worringen. Eigentlich hatte die Handlung mit der historischen Begebenheit nicht mehr als den Namen gemeinsam. Es gab eine schwülstige Erzählerinnenstimme, die sich Mühe gab, ihre Stimme so tief klingen zu lassen wie Galadriel in „Herr der Ringe“. Es gab eine klare Unterteilung in Gut & Böse und am Ende gewannen natürlich die Guten. Das Publikum ging toll mit und es war daher trotz des historischen Nonsens ein schönes Erlebnis mit tollen Reiterkunststücken, Showkämpfen und viel Emotionen. Das Amüsanteste an der Show waren eigentlich die Gespräche der Aktiven danach, die sich gegenseitig erzählten, wann sie wo durch wen diesmal gestorben seien.

 

Im Dunkeln gingen wir in die Lager zurück, die durch Feuer erleuchtet waren. Die Veytaler, ein Inbegriff der Gastfreundschaft, luden uns auf Met ein und so ließen wir den Abend bei angenehmen Gesprächen und tollem, süffigem Met ausklingen.

 

Antonia Hübner