Es regnet, es regnet …

 

… nein, zum Glück kein Blut, sondern nur normalen Regen, aber davon reichlich. Na ja, schlechtes Wetter ist man auf der Anreise zu In Extremo-Konzerten in Osnabrück mittlerweile gewöhnt, der Regen war gegenüber Schnee und Schneeregen der Jahre 2000 und 2001 schon mal eine Verbesserung, und wer weiß, vielleicht erlebt man eine zukünftige Anfahrt ja auch mal mit nur bewölktem Himmel oder gar ein wenig Sonnenschein.

Es war ein Event der Premieren – zum ersten Mal kurzentschlossener Aufbruch, ohne vorab Karten gekauft zu haben, und eine Halle, in der man fror, und man sich nicht sonderlich wunderte, Sänger Micha vor und nach dem Konzert in Schal, dicke Jacke und Mütze gehüllt zu sehen (einzig Dr. Pymonte erwies sich als kälteresistent und entledigte sich im Laufe des Konzerts seines langen Ledermantels). Eine Premiere auch zu sehen, wie einige Leute, wie von der Tarantel gestochen, in die erste Reihe rasten, kaum daß die Türen zur Halle geöffnet waren – dabei gab es Platz, und das ebenso reichlich wie draußen Regen. Andere nahmen es gelassener und steuerten gleich die Sitzreihen zu beiden Seiten der Halle an, so auch wir, und es war keinerlei Problem, sich nach der Vorgruppe Exilia noch einen Platz ganz vorn mit bester Sicht auf die Bühne und das zu erwartende Spektakel zu sichern.

Nach Köln und Saarburg war das nun mein drittes Konzert auf der aktuellen In Extremo-Tour, und ich muß sagen, mit jedem Mal gefällt mir das neue Intro besser – ob es das wohl mal irgendwann zum Download oder auf einer CD gibt?

Und noch eine Premiere: In Köln und Saarburg war die Band bereits vor den ersten Klängen frenetisch bejubelt worden, doch hier war alles um einiges verhaltener – ein Eindruck, der sich das gesamte Konzert über nicht verflüchtigen mochte. Waren es die nicht unbedingt einheizenden Außentemperaturen, oder haben die Menschen im Südwesten und Rheinland einfach ein anderes Naturell, oder lag es an meinem Standort, von dem aus ich die Halle nicht sonderlich gut überblicken konnte? An der Band jedenfalls kann es eigentlich nicht gelegen haben, denn In Extremo präsentierten sich auch in Osnabrück von Beginn an mit der gleichen Professionalität und Spielfreude wie immer, zumindest machten die Bandmitglieder den Eindruck, sich bestens zu unterhalten, wie die heiteren Mienen von Flex und Co. verhießen, und Micha verzichtete auch nicht auf den einen oder anderen markigen Spruch (eine Aufforderung ans Publikum, etwas mehr Rücksicht auf die Leute in den vorderen Reihen zu nehmen und das Pogen zu mäßigen, war hier allerdings nicht nötig …).

Immerhin – bei „Spielmannsfluch“ und Boris’ Jonglier-Einlagen mit dem Feuerstab und dem anschließend brennenden Galgen kam dann doch mal richtig Stimmung auf, und vielleicht lag es auch an den vorhandenen Sitzmöglichkeiten, daß das Publikum weniger euphorisch wirkte als andernorts, denn gelegentliche Blicke über die Ränge bewiesen, daß viele einfach beharrlich sitzen blieben, ein durchaus unvertrauter Anblick auf einem In Extremo-Konzert.

Natürlich gab es wieder viele Stücke des aktuellen Albums zu hören, und „Ave Maria“ und „Melancholie“ zählen nach der dritten Live-Darbietung mittlerweile zu meinen Favoriten (und nebenbei mal wieder die zaghafte Anfrage, ob es nicht möglich ist, doch mal den „Davert-Tanz“ live zu präsentieren …). Richtig gut auch mal wieder „Sefardim“, „Erdbeermund“, „Küß mich“ oder „Sagrada Trobar“, und zwischendrin dann immer wieder Altbekanntes und Bewährtes, von „Herr Mannelig“ über „Vollmond“, „Der Wind“ und „Omnia Sol Temperat“ bis hin zu „Ai vis lo lop“ und „Hiemali Tempore“, dazu die inzwischen vertraute Pyro-Show – diesmal allerdings ohne Michas Feuerspuck-Einlage. Schade eigentlich, das ist doch immer wieder ein ganz besonderer Augenschmaus!

Stimmlich zog Micha mal wieder alle Register, und er hat es einfach raus, mit seiner unverwechselbaren Stimme jedem Lied eine ganz besondere Note zu verleihen, egal, ob beim wunderschönen ruhigen „Die Gier“ und eben „Melancholie“ oder den härteren Stücken à la „Hiemali Tempore“ oder „Sefardim“. Auch der Sound war einmal mehr so gut, daß man trotz absolut notwendiger Ohrstöpsel die einzelnen Instrumente wunderbar heraushören konnte.

Und noch eine Premiere, zumindest für mich auf dieser Tour: Micha fühlte sich

veranlaßt, einige Worte zu dem vielkritisierten „Alptraum“ zu sagen. Wir wissen nun also: Wer den schwarzen Humor des Texts nicht versteht, ist reif fürs Altersheim. Und ich kann mir erleichtert den Angstschweiß von der Stirn wischen, daß mir Schnabeltasse, Heizdecke und Fencheltee wohl doch noch ein Weilchen erspart bleiben, denn den schwarzen Humor habe ich als alter Monty-Python- und Gary-Larson-Fan durchaus begriffen, und so eine läppische Tantenschlachtung kann mich nach jahrzehntelanger Lektüre von Stephen King, Dean Koontz und Co. auch nicht wirklich schockieren. Ja, eigentlich ist der Text wirklich ganz lustig, allerdings habe ich neuerdings dabei immer skurrilerweise Szenen aus dem Film „Arsen und Spitzenhäubchen“ vor Augen – nur sind es da die liebreizenden Tanten, die ihre Opfer im Keller verscharren … Ich frage mich aber doch ein wenig beklommen, ob ich womöglich ins Altersheim gehöre, weil mir die Musik des Liedes nicht gefällt.  Na, mal schauen, wen ich da so alles treffe …

Das Konzert endete schließlich mit drei statt vier Zugaben – ein Indiz dafür, daß die Stimmung doch nicht an andere Auftrittsorte herankam? Wie dem auch sei, die Band hat jedenfalls mal wieder eine überzeugende Show abgeliefert und bewiesen, daß sie ein genialer Live-Act ist, und wer es diesmal nicht zu schätzen wußte, ist selber schuld, und damit muß dieser Bericht jetzt auch enden, denn mit einer Katze auf den Schultern schreibt es sich nicht mehr so gut!

by Ancalagon