Hexentanz am Blauen See in Ratingen

 

Auf dem Fogelvrei-Markt in Gelsenkirchen hatten wir Petrus ja bereits kritisiert, und er hat uns diese Kritik offenbar sehr übel genommen. Denn auch am Blauen See in Ratingen zeigte er sich nicht geneigt, für gutes Wetter zu sorgen, wie es bei einer Veranstaltung unter freiem Himmel wünschenswert wäre. Doch zunächst blieb es erst einmal trocken, wenn auch die dunklen Wolken über dem Waldgebiet bereits Unangenehmes ahnen ließen.

Für uns begann der Abend mit zwei unterhaltsamen Interviews mit Dr. Pymonte von In Extremo und Conny, die Füchsin von Filia Irata, bevor wir uns einen Platz in unmittelbarer Nähe der kleinen Bühne suchten, die auf einem kleinen Hügel aufgebaut war. Von hier aus hatten wir einen guten Überblick über das sehr zahlreiche Publikum, das nach und nach den Platz vor der Bühne und die überdachte Tribüne füllte.

Und man ahnte schon, daß manch einer sich hierher verirrt hatte in der fälschlichen Annahme, man würde das „normale“ In Extremo-Rockshow-Programm geboten  bekommen, nur ohne elektrische Verstärkung. Ein Eindruck, der sich durch beharrliche Rufe nach dem „Spielmannsfluch“ verstärkte, die Micha Rhein jedoch lapidar mit der Bemerkung quittierte: „Das gehört zu einer anderen Veranstaltung!“

Gegen 20.00 Uhr betraten die Künstler von Teatro Aurora die Bühne und läuteten den Abend mit einer Akrobatik-Performance ein, bevor Filia Irata mit geballter Frauenpower, mittelalterlichen Melodien und Gesang loslegten.

Mit frechen Sprüchen und melodischen Klängen zogen sie das Publikum augenblicklich in ihren Bann, das den Auftritt der vier Frauen mit euphorischem Applaus begeistert honorierte.

Nach Filia Irata folgte dann das Highlight, auf das der Großteil des Publikums gewartet hatte: Die mittelalterliche Combo „Unbefleckt“, bestehend aus den vier In Extremo-Mitgliedern Das letzte Einhorn, Dr. Pymonte, Yellow Pfeiffer und Flex dem Biegsamen, diesmal in ungewohnt schlichten, grobleinenen Gewändern. Man merkte ihnen an, daß sie ihre helle Freude daran hatten, wieder auf rein akustischen Pfaden zu wandeln, und es war ein Hochgenuß,  Stücke wie „Stella Splendens“ oder den „Davert Tanz“ live und akustisch hören zu können. Verstärkt wurden die vier von dem Trommler BummBumm aus Berlin und von dem kleinen Philipp, dem Sohn der Füchsin Conny von Filia Irata, der ohne weiteres mit seinen Musikerkollegen mithalten konnte und seine Trommel ebenso enthusiastisch bearbeitete wie sein erwachsenes Pendant Das letzte Einhorn.

Selbst der eintretende Regen und der Stromausfall, der für kurze Zeit für völlige Dunkelheit auf dem gesamten Gelände sorgte, vermochte die Stimmung unter den begeisterten Fans und den Musikern selbst nicht zu trüben.

Kurz nach Mitternacht, nachdem das Maifeuer entzündet worden war, betraten die Künstler von Teatro Aurora noch einmal die Bühne und fesselten das Publikum mit einer beeindruckenden Feuershow. Dann folgte ein Solo-Beitrag der wilden Hummel von Filia Irata, die höchst eindrucksvoll und nur mit Untermalung ihrer Trommel das Lied von Theodora vortrug, die heimlich vom Töten träumt, bevor die vier Musikantinnen gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen die Bühne betraten und den Abend mit drei weiteren Stücken ausklingen ließen.

Fazit: Es war musikalisch ein sehr unterhaltsamer Abend, der nach einer Wiederholung schreit. Nicht unerwähnt bleiben sollen aber auch die erheblichen organisatorischen Mängel der Veranstaltung. Das Gelände am Blauen See, so schön und idyllisch es auch sein mag, war viel zu groß für eine Akustik-Show. Diejenigen, die einen Platz auf der überdachten Tribüne hatten, saßen vielleicht im Trockenen, dürften aber von dem Geschehen auf der Bühne auf Grund der großen Entfernung sowohl akustisch als auch visuell nicht allzu viel gehabt haben. Hinzu kam, daß man auf einen Ansturm von mehreren Tausend Leuten ganz offenkundig nicht eingerichtet war, das Personal der wenigen Getränkestände hoffnungslos überfordert war und im Laufe des Abends entnervt die Flucht ergriff. Im Vorfeld gekaufte Biermarken wurden nicht zurückerstattet, und es grenzt an ein Wunder, daß die einsetzende Anarchie friedlich vonstatten ging, als ein Teil des Publikums kurzentschlossen selbst die Getränkebuden enterte und sich bediente. Daß man den zehnminütigen Fußmarsch zurück zum Parkplatz auf einem gänzlich unbeleuchteten Waldweg zurücklegen mußte, überraschte dann auch nicht mehr – wohl dem, der nicht nachtblind ist oder auf jemanden traf, der eine Taschenlampe besaß.

Ein großes Lob aber an alle beteiligten Künstler, die sich von den Widrigkeiten nicht aus der Fassung bringen ließen und mit ihrer Spielfreude dafür sorgten, daß die Stimmung nicht umschlug und die Veranstaltung einen friedlichen Ausklang fand.

 

Elanor & Ancalagon