Wenn zweie eine Reise tun … oder: Ausflug nach Cottbus zur Cantus Buranus

 Es ist unfassbar, wie widerlich das Grün der digitalen Anzeige eines Radioweckers sein kann, wenn sie 3:45 Uhr anzeigt. 3:45 Uhr – das ist die Zeit, zu der ich des Öfteren meine nächtliche Ruhestätte aufsuche, wenn ich mich wieder einmal am Rechner verzettelt habe. An diesem 30. Januar war 3:45 Uhr allerdings die Uhrzeit, zu der ich mich aus dem Bett quälen musste und zu der ich herzhaft den Umstand verfluchte, dass wir nicht schon einen Tag eher den Weg gen Osten angetreten hatten. Es ist ja nicht so, dass eine Kleinstadt wie Berlin dem Besucher so gar nichts zu bieten hätte …

Wie dem auch sei: Wir hatten beschlossen, uns erst am Sonntagmorgen Richtung Berlin und später Cottbus aufzumachen, um der Generalprobe der Cantus Buranus von Corvus Corax beizuwohnen.

 Duschen, Anziehen, schnell das Frühstück hinunterschlingen, zwei verschlafene Katzentiere mit dem zu dieser Zeit höchst ungehörigen Angebot eines gefüllten Futternapfes überfallen, Tee kochen (man weiß ja schließlich nicht, ob man nicht doch in Schnee und Eis stecken bleiben würde, und ein Heißgetränk hatte noch niemandem geschadet). Dann das am Vorabend noch liebevoll gesäuberte Auto aus der Garage bewegt, mit einem erleichterten Blick festgestellt, dass man im Westerwald zum Glück auf winterliche Straßenverhältnisse eingestellt ist und das Streufahrzeug die Dorfstraße schon passiert hatte, und auf geht es zunächst gen Bonn zum Kollegen Bombadil.

 „Wo bist du?“ tönt es unverschämt munter um viertel vor sechs aus meinem Handy, als ich noch ungefähr eine halbe Minute von unserem Treffpunkt entfernt bin und schon sehen kann, wie Bombadil enthusiastisch die Scheiben seines Wagens wienert.

Kurze Diskussion: Fahren wir mit seinem Auto oder mit meinem? O.k., mit seinem, ist ein Diesel und die Fahrt würde etwas weniger Spritgeld verschlingen. Erste Zweifel an der Entscheidung für einen Wagen mit Sommerreifen kommen bereits kurz hinter Bonn auf, als uns ekliger Schneeregen einhüllt, der zum Glück wenig später wieder nachlässt. Freundlicherweise hatte man uns auch noch die A 1 gesperrt (wieso werden in letzter Zeit auf deutschen Autobahnen eigentlich ständig Brücken abgerissen?), also folgt ein kleiner Umweg über Wuppertal, bevor wir dann endlich die allseits beliebte Ost-West-Verbindung A 2 erreichen.

 Bis zum Teutoburger Wald ist noch alles in Ordnung, doch dann: Schnee, und das nicht zu knapp. Zum Glück werden uns die Sommerreifen nicht zum Verhängnis, das niedersächsische Flachland empfängt uns mit trostlosem Grau, was uns an diesem Morgen lieber ist als winterliches Weiß. Und wie so oft werde ich unendlich müde, als ich die unendlichen Weiten landwirtschaftlicher Nutzflächen sehe …

 Um zwölf Uhr mittags ist Treffen an dem Bus angesagt, der die Pressevertreter nach Cottbus befördern soll. Um halb zwölf erreichen wir das Etap-Hotel am Potsdamer Platz, wo wir uns eingebucht haben – um zu erfahren, dass das Einchecken erst ab zwölf möglich ist. Nun gut, wir sind flexibel, und so schmeißen wir uns kurz entschlossen auf den Hotel-Toiletten in unsere Ausgeh-Garderobe. „Um angemessene Kleidung wird gebeten“ – so oder so ähnlich hatte es in der Einladung gestanden, und wir kommen uns nur ein klein wenig over-dressed vor, als wir schließlich den Treffpunkt erreichen und feststellen müssen, dass es manch anderer mit dieser Aufforderung nicht allzu ernst genommen hatte.

„Ich bin der einzige hier, der eine Krawatte trägt“, moniert Bombadil und zupft an seinem Halsschmuck, und ich bin sicher, dass er sich in Grund und Boden schämt, weil ich auf dem Weg zum Bus Halt suchend an seinem Arm hänge, da das winterliche Berlin nicht unbedingt mit meinem Schuhwerk harmoniert.

 Erleichtert lassen wir uns in die Sitze des Reisebusses sinken – kein rutschiger Schnee mehr, der zum Auf-die-Nase-legen einlädt, und warm ist es auch noch! Ja, fast eine Wohnzimmer-Atmosphäre, und wir beäugen neugierig unsere Mitreisenden. Ach, so sehen also die Schreiber von verschiedenen bekannten Magazinen aus …

Die Fahrt nach Cottbus gestaltet sich kurzweilig; die freundlichen und gut gelaunten Mitarbeiterinnen von Pica Records und Absolut Promotion, Doro, Stephanie und Ina, verteilen Info-Material und Fotopässe, und wir können uns anhand der Lektüre schon ein wenig mit dem vertraut machen, was uns an diesem Nachmittag erwarten wird.

Die Autobahn ist frei, und viel zu früh erreichen wir das Staatstheater in Cottbus. Dank Doros Bemühungen müssen wir aber nicht allzu lange frieren; es reicht gerade für ein paar Außenaufnahmen des Jugenstil-Theaters, und dann werden wir schon in die heiligen Hallen eingelassen.

Die Mäntel wird man noch recht leicht an der Garderobe los; etwas schwieriger gestaltet sich das Auffinden der Toiletten – ein Kreis für die Mädels und ein Dreieck für die Jungen: ein Schelm, wer Böses bei dieser Symbolik denkt!

 Allmählich füllt sich der Vorraum des Theaters, und wir staunen, wie bunt gemischt das Publikum ist. Aufwändig gestylte Gothics in Samt und Seide, Theaterpublikum in Abendgarderobe, ein paar mittelalterlich Gewandete – alles ist an diesem Tag hier vertreten.

Der freundliche Pressesprecher des Hauses nimmt sich der Fotografen an und zeigt all die Stellen, von denen aus es sich besonders gut fotografieren lässt, und allmählich werden wir angesteckt von der gespannten Erwartung, die das Theater zunehmend erfüllt.

 Um Punkt 16 Uhr ist es dann soweit: Das Philharmonische Orchester des Staatstheaters nimmt Platz, die Chöre, in weiße Gewänder und Gugeln gekleidet, nehmen rechts und links der Bühne Aufstellung. Im Hintergrund der Bühne sind die vertrauten Instrumente von Corvus Corax zu sehen, doch noch faszinierender ist die überdimensionierte Drehleier, die vorn am Bühnenrand auf ihren Einsatz wartet.

Den imposanten Auftakt macht das bereits als „Hymnus Cantica“ bekannte Stück, und vom ersten Moment an kann man sich nicht mehr dem Zauber der alten Lieder entziehen, die Corvus Corax, das Orchester und Dirigent Jörg Iwer gemeinsam neu vertont haben. Klassisches Orchester und mittelalterliche Instrumente – was für eine wunderbare Symbiose!

Neben den Mannen von Corvus Corax sieht man weitere vertraute Gesichter: Die jungen Damen von Psalteria sowie Potentia Animi unterstützen die Berliner bei diesem Konzert.

Man spürt förmlich, wie das Publikum mit jedem neuen Stück mehr und mehr in die Musik hineingezogen wird; und bei den ersten furiosen Schlagwerkeinsätzen von Norri und Hatz gibt es die ersten Begeisterungsstürme.

Wie kurz doch 1 ½ Stunden sein können! Die Zeit verfliegt förmlich, immer wieder ist man hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, doch noch ein Foto zu machen und einfach einzutauchen in die Welt der mittelalterlichen Liedsammlung, die hier so virtuos dargeboten wird.

Reibungsloser hätte eine Generalprobe wohl nicht verlaufen können; perfekte Harmonie von Musikern und Dirigent, eine unter die Haut gehende Musik, die in dieser Version weitere Jahrhunderte überdauern wird, ein Wechselspiel zwischen stillen Tönen und mitreißender Lebenslust – und als Höhepunkt jene Drehleier, die schließlich gemeinsam von Wim und Teufel bedient wird.

Kaum jemanden hält es noch auf den Sitzen, als Corvus Corax, das Orchester und Jörg Iwer sich nach der überaus gelungenen Darbietung verabschieden; nicht enden wollender Applaus und Begeisterung, und in den Gesichtern aller Beteiligten liest man die grenzenlose Erleichterung und Euphorie über die perfekte Inszenierung.

Und ja, beim Verlassen des Theatersaals wird die eine oder andere Person gesichtet, die sich verstohlen ein paar Tränen der Ergriffenheit aus den Augenwinkeln wischt.

 Wir haben die Ehre, uns mit anderen Pressevertretern und Mitwirkenden noch zu einem Abendessen in der theatereigenen Kantine einzufinden, bevor es gegen 20 Uhr dann im Bus zurück gen Berlin geht, wo noch eine After-Show-Party auf uns wartet.

Der Wettergott ist nicht mehr  ganz so hold, Schneeregen verhindert ein schnelles Vorankommen, doch im Bus ist dank Alkoholausschank für beste, kurzweilige Stimmung gesorgt. Vor uns im Sitz schläft bereits jemand den Schlaf des Gerechten, hinter uns schwadroniert ein Kollege über den Journalismus im Allgemeinen und Besonderen; wir hingegen sind froh, dass sich eine mitleidige Seele findet, die sich imstande sieht, unsere Bierflaschen mit einem Feuerzeug zu öffnen (warum haben unsere Eltern uns eigentlich nicht solche überlebenswichtigen Kenntnisse mit auf den Weg gegeben?).

 In Berlin entschließen wir uns, zunächst unser Hotel aufzusuchen, um uns der feinen Garderobe zu entledigen – Krawatten und glatte Ledersohlen sind auf Dauer nicht wirklich komfortabel. In Docs und Sweatshirt-Jacken, unserer normalen Ausgeh-Kleidung, fühlen wir uns denn auch gleich viel wohler und bereit, die Party zu entern. Wohlweislich fahren wir direkt mit einem Taxi nach Kreuzberg – denn wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich für lau ordentlich einen hinter die Binde zu kippen?

 „Die Taxi-Kosten müssen wieder reinkommen“, bringt es Kollege Klaus auf den Punkt; also hoch die Tassen und noch ordentlich gefeiert. Was bei uns allerdings nur bis zum vierten Bier geht … offensichtlich haben wir doch ein bisschen zu schnell gesüppelt!

Egal; die Stimmung ist bestens, vor allem am Tisch der Corvus Corax-Fancrew, und noch einmal kann man den Musikern von Corvus Corax für diese gelungene Aufführung gratulieren.

 Nur mit den Toiletten scheine ich an diesem Tag auf Kriegsfuß zu stehen: Während sich in Cottbus das Mysterium der Symbole durch Nachfragen noch relativ schnell lösen ließ, werde ich wohl niemals erfahren, warum in Gottes Namen in diesem Café eine Gabel den Türriegel ersetzt. Na ja … egal, sie erfüllt ihren Zweck, auch wenn die zu diesem Zeitpunkt schon leicht unbeständige Feinmotorik dafür sorgt, dass das Ver- und Entriegeln ein wenig länger dauert.

Gegen zwei Uhr morgens erreichen wir schließlich wieder unser Hotel, schaffen es sogar noch, den Pin-Code für unser Zimmer einzutippen, ohne gleich einen Alarm auszulösen, und nach einem letzten verschwommenen Blick in Richtung Potsdamer Platz fallen wir in die Betten (ja, auch, um unseren Rausch auszuschlafen …).

 Ein erfreulich umfangreiches Frühstücksbüffet mit großzügigem Kaffeeausschank erwartet uns am nächsten Morgen; etwas weniger erfreut bin ich als ausgewiesener Karnevals-Hasser, dass mir aus irgendeinem Fernseher um die Ecke eine Büttenrede entgegenplärrt – täättäää … willkommen in der vermeintlich karnevalsfreien Zone Berlin!

Eine kleine letzte Hürde müssen wir noch überwinden, als wir die Tiefgarage verlassen wollen: Der Ticket-Automat will ums Verrecken nicht unseren zugegebenermaßen schon etwas verkrumpelten und angeschmuddelten Parkschein schlucken. Dank der freundlichen Dame an der Rezeption öffnet sich die Schranke aber doch noch, und Bombadils Pendant zu meiner Lore (will heißen: sein Navigationssystem) bringt uns reibungslos in heimische Gefilde … nun gut, nicht ganz so reibungslos, aber das ist nicht der Fehler des Navi-Systems. Wir wissen, dass wir fast zu Hause sind, als wir am Dreieck Heumar und später vor Bonn im üblichen Dauerstau stehen; und die an einer Raststätte verzehrte Frikadelle erweist sich auch als schwer verdaulich.

Mal wieder gilt ein großer Dank Stephanie von Pica Records und natürlich auch Doro und Ina für eine perfekte Organisation und gute Laune, und wir freuen uns schon jetzt auf die kommenden Aufführungen der Cantus Buranus im Sommer.

 

Ancalagon