Cultus Ferox

 

Satzvey, 18.03.06 / Duisburg, 19.03.06

 

 

Ein neues Album, eine DVD – und endlich auch wieder eine richtige Tour: Cultus Ferox ziehen durchs Land, dem piratesken Thema ihrer CD gemäß unter dem Motto „Rumtour“.

Und das heißt auch für mich: Segel setzen, Anker lichten, und auf geht’s gen Westen. Nicht dass Missverständnisse aufkommen – es waren dann doch die vier Räder meines fahrbaren Untersatzes, die mich vom Westerwald in die Eifel nach Satzvey führten. Obwohl es interessant wäre, festzustellen, ob es auch eine Schiffsverbindung gibt …

Ein fast menschenleerer Burghof, ein weißer Nightliner vor dem Bourbonensaal, und dazu Dudelsackklänge – aha, der Soundcheck ist in vollem Gange.

Steffano weist mir den Weg zum „Tourpapi“ Piano, der auf dieser Tour alles und auch die wilden Männer im Griff hat.

Ein Interviewtermin ist mit Piano schnell arrangiert, und während andere schon arbeiten, mache ich es mir im Restaurant bei einem Kaffee gemütlich. Das ist besser, als draußen in der Kälte zu warten – wann wird das Frühjahr wohl endlich Einzug halten?

Einige Zigaretten später gesellen sich Brandan, Steffano, Pan Peter und Romaneska zum Interview zu mir, bevor es im Anschluss in den mittlerweile gut gefüllten Bourbonensaal geht.

Welch reibungsloser Einlass – hier ist man locker und entspannt, ein Pressepass eher Formalie denn Notwendigkeit.

Voll ist es nicht nur im Saal, wenn auch der Weg zur Bühne noch halbwegs mühelos begehbar ist; auch letztere verspricht voll zu werden.

Sieben Bandmitglieder, dazu Bassist und Gitarrist und zwei Tänzerinnen – auch meinem dem ausgeprägten räumlichen Sehen nicht unbedingt aufgeschlossenen Blick ist klar, dass das knapp werden wird. Dieser Blick erhascht auch die zwei Lichtquellen – rote Strahler; fein, das macht das Fotografieren zur hellen Freude.

Ich gebe es zu, ich bin mächtig neugierig auf das neue Programm, und in Unkenntnis der aktuellen CD „Unbeugsam“ harre ich der Dinge, die da kommen mögen.

 Die Piraten kommen! Steffano hat die Wollmütze gegen einen ledernen Dreispitz getauscht, Bassist Rudolf trägt zu weißem Piratenhemd eine schwarze Lederweste, Donar von Avignon gibt überzeugend den Spanier – wie wäre es da mit einer Bewerbung für Rollen in einer Fortsetzung von „Fluch der Karibik“? Das stünde ihnen gut zu Gesicht, und für den Soundtrack wäre auch gesorgt.

 Neue Kleidung und altes Programm? Nein, das geht natürlich gar nicht!

Der Kurswechsel ist klar – Gitarre und Bass bringen den frischen Wind, der die Richtung vorgibt. Und damit keine Zweifel aufkommen: Es sind immer noch Cultus Ferox, die dort auf der Bühne stehen, die mit derselben Energie wie in den vergangenen zwei Jahren alte und neue Tänze zum Besten geben. Facettenreicher –  ja; vielschichtiger – auch das; abwechslungsreicher – absolut; druckvoller – auf jeden Fall.

Er macht Spaß, der neue Sound; Stillstehen ist das Tabu des Abends, und „Albanischer“, auf zahllosen Mittelaltermärkten mein Geheimfavorit, an diesem Abend mit rasanter Gitarrenunterstützung – na holla die Waldfee, das kracht!

Ja, es gibt sie, die Skeptiker und Kritiker, die jede Veränderung und jede Neuerung bemängeln und bemeckern; das scheint zur Mittelalterszene zu gehören wie der Dudelsack und die Davul. An diesem Abend aber sind sie klein und still – oder womöglich gar nicht vorhanden? Das Volk jedenfalls tanzt zu alten und neuen Melodien, genießt die neuen und die alten Balladen – auch das übrigens ein Novum: ruhigere Melodien und Texte, die von Lust und Leid, von Sehnsucht und Seefahrt künden, rücken stärker in den Vordergrund.

Und wer das dann missfällig als Schlager abtut, dem sei ein kurzer Blick in den Duden, Band 1, 23. Auflage, empfohlen, der da weiß: „Schlager: (Tanz)lied, das in Mode ist; etwas, das sich gut verkauft, großen Erfolg hat“. Na denn – damit können die wilden Berliner bestimmt gut leben!

 Ja, wie, was jetzt? Schon zu Ende? Tatsächlich, wieder einmal sind zwei Stunden rum wie nix, die Ohren schmerzen ein wenig ob der Lautstärke, auch wenn Kollege Bombadil gerade noch rechtzeitig mit Ohrstöpseln zur Rettung nahte.

Und so befreie ich Mitte März mein Gefährt von einer Eisschicht, und heimwärts geht’s zu den Klängen der neuen Cultus-Ferox-CD.

 Weiter geht’s am nächsten Tag, diesmal gen Norden nach Duisburg – und hier wäre eventuell sogar eine Schiffsverbindung den Rhein hinauf möglich. Ich verlasse mich allerdings einmal mehr auf Wagen und Navigationssystem, auch wenn letzteres beschließt, dass man unbedingt einmal den Sportpark Wedau und angrenzende, selbst im Sonnenschein desolat wirkende Gegenden gesehen haben muss, die man eigentlich nie sehen wollte, bevor ich einen der letzten Parkplätze direkt vor dem „Pulp“ ergattere.

Der Schlüssel zum Glück – oder zumindest zum ungehinderten Ein- und Ausgang – ist nicht allein die Pressekarte, sondern ein gelbes Bändchen. Nanu, das kennt man doch nur von großen Festivals? Ich frage mich langsam, ob die Firma, die diese Kunststoffdinger herstellt (die nach mehreren Tagen Festival immer so aussehen, als hätten sie sich mit fragwürdigen Spezies belebt), zu den erfolgreichsten Unternehmen Deutschlands gehört (aber wahrscheinlich werden die Dinger aus China importiert …).

Es geht auch ohne; Brandan eskortiert mich ins Innere des Clubs, und nach der herzlichen Begrüßung von Markus Van Langen, der im Vorprogramm spielen soll, kann ich dem Soundcheck beiwohnen und nach Monaten endlich einmal wieder ausgiebig mit Carissima und Aaron vom Cultus-Ferox-Fanclub schwatzen. Überhaupt soll es ein Abend der netten Gespräche werden, und doch herrscht hier eine unterschwellige Spannung, eine andere Atmosphäre als die entspannte Gelassenheit am Abend zuvor auf Satzey – mit Konzentration auf die Arbeit allein ist das nicht zu erklären.

Prüfender Blick zur Lichtleiste: einer, zwei … ja, hurra, sage und schreibe sechs (!) rote Spots! Aber immerhin, Blau, Gelb, Grün sind auch im Angebot, die Chancen stehen gut, nicht nur gnadenlos rot glühende Dämonen auf den Speicherstick zu bannen.

 Im Ruhrpott herrschen noch Zucht und Ordnung – hier werden Zeiten noch eingehalten; und wird es knapp, wird ein Soundcheck eben abgebrochen. In dem Fall der von Van Langen, die sich davon aber die Laune nicht vermiesen lassen.

Wirklich voll ist der Club an diesem Abend nicht – keine unbedingt dankbare Aufgabe für eine Vorgruppe, die im ganzen Saal verteilten Leute in die richtige Stimmung zu versetzen. Van Langen aber haben das Rockprogramm im Gepäck, und mit „Ai vis lo lop“, „Miri“ oder dem „Palästinalied“ kommt dann aber doch allmählich so etwas wie Konzertatmosphäre auf.

 Mutiger wird das Publikum, als Cultus Ferox gegen halb neun erscheinen, und rückt Richtung Bühne vor.

Na also, geht doch – das neue Programm bringt auch 100 Kilometer weiter nördlich das Volk zum Tanzen. Bewegungsfreiheit nicht nur fürs Publikum; die Band hat Platz satt und genug auf der Bühne, auch die Tänzerinnen Romaneska und Ivanutschka, auf Satzvey eher aus dem Publikum ihre Kollegen anfeuernd, dürfen hier zeigen, was sie können.

Zeit ist relativ – gute Konzerte sind der Beweis dafür. Och nöö, schon wieder zu Ende? Immerhin, es gibt zum Abschluss noch einige Zugaben, doch dann heißt es: Licht an, Equipment abbauen, und nach ungefähr einer Stunde Verabschiedung hier und letztem Schwätzchen da schaffe auch ich es, mich wieder in Richtung Heimat aufzumachen.

Übrigens, mein Navigationssystem hat mir noch ein paar andere interessante Gegenden gezeigt …

 

Petra Lindner