Schelmish spielten im Bochumer Zwischenfall auf – na, das konnte ich mir doch einfach nicht entgehen lassen, nach fünf Jahren der Abstinenz einmal wieder an den früheren Ort meiner kreativen Wochenendfreizeitgestaltung zurückzukehren; will heißen, ich habe dort jahrelang die Freitag- und Samstagnächte verbracht und mich wie so viele andere dort im Erbsenpflückertanz – drei Schritte vor, die Knie einknicken, drei Schritte zurück – geübt und nebenbei natürlich versucht, unglaublich cool und gruftig zu wirken. Der Erbsenpflückertanz war an diesem Abend zum Glück nicht angesagt, dafür sollte es reichlich mittelalterliche Tanzmusik in bester Spielleute-Manier geben.

Nach einer Stunde Fahrtzeit und dem obligatorischen Dauerstau zwischen Heumar und Köln-Ost (was waren das noch Zeiten, als man noch im Pott wohnte und der „Fall“, wie er von Kennern liebevoll genannt wurde, nur eine Viertelstunde entfernt war) traf ich endlich in meiner früheren zweiten Heimat ein, die man unverschämterweise zwischenzeitlich umgebaut hatte – nicht unbedingt zum Vorteil, die unteren Räume wirken jetzt doch etwas beengt. Aber egal, das schummrige Licht oben in der Disco war noch das gleiche wie früher, und an dem Geruchs-Potpourri aus Patchouli und Bühnennebel hatte sich auch nicht wirklich etwas geändert. Home, sweet home …

Aber genug vom Zwischenfall, es soll ja hier um Schelmish gehen, die in Bochum mit ihrer Deutschlandtour starteten. Und bereits mit den ersten Klängen bewies die Truppe um Dextro, daß ein Hallenkonzert mit Schelmish ebenso unterhaltsam ist wie die Mittelaltermarktauftritte, von denen man in diesem Sommer bereits einige genießen durfte. Daß die eingesetzte Technik anfänglich noch für leichte Probleme sorgte oder mal ein Text nicht hundertprozentig saß, störte wohl niemanden, und der selbsternannte „Schrecken aller Spielleute“ brachte die Anwesenden bereits mit den ersten Liedern zum Tanzen und Mitwippen – bis auf jene sturen Gestalten, die in ihrem Eck sitzen blieben und das Treiben auf der Bühne aus sicherer Distanz beobachteten. Na ja, vielleicht beherrschen sie ja nur den Erbsenpflückertanz … oder sind für die ausgelassene Stimmung, die die Schelmen verbreiten, einfach zu cool … oder erwarteten gepflegten Minnesang …

Und wer letzteres sucht, ist bei Schelmish völlig falsch. Hier geht es deftig zu, mit derben Sprüchen rund um Wein, Weib und den Oralpraktikanten, der bei den Schelmen landete, weil die amerikanischen Präsidenten schon vergeben waren; es wird erzählt vom Spargel, der besonders im Frühjahr wächst (ein Schelm, wer Böses dabei denkt …), und die anwesende Damenwelt erfreut es natürlich besonders, wenn die Herren der Schöpfung dazu aufgefordert werden, beim Hausputz zu helfen und vielleicht auch noch die Füße massieren; es gibt krachende Rhythmen vom Schlagwerk und Dudelsackklänge, die das Trommelfell zum Vibrieren bringen; Musik fürs Volk eben, und das Volk bekam Musik, und das reichlich. Über zwei Stunden gab es einen Überblick über das Spektrum von mittlerweile immerhin vier CDs, und ob „Rotta“, „Sic mea fata“, „Veris dulcis“, „Tempus est iucundum“ oder „Heyduckentanz“, die Hardcore-Fans kennen, so scheint es, jeden Text und jeden Ton, und auch die, die mit der Schelmenmusik noch nicht recht vertraut waren, tanzten, zappelten, johlten und hüpften (bis auf jene besagten Herrschaften, die scheinbar eine innige Symbiose mit ihrem Sitzplatz eingegangen waren …).

Was sicherlich insbesondere die anwesenden Herren erfreut haben dürfte, war die Tatsache, daß Schelmish sich für diese Tour mit der bildhübschen jungen Tänzerin „Morgenröte“ verstärkt haben, die zweimal ihr Können zum Besten geben durfte und verdient begeisterten Applaus für ihre Darbietung erntete.

Schelmish spielten, und Schelmish feierten eine Party mit ihrem Publikum, und Schelmish wären nicht Schelmish, wenn sie ihr lautes und buntes Treiben nicht mit einem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Humor versehen würden.

Was da als Zugabe kam, dürfte dem engstirnigen Mittelalter-Puristen die Zornesfalten in die Stirn treiben – Mittelalter und Rap??? Ja, ganz genau, Mittelalter und Rap – R.A.P., Rap, die Musikrichtung, die mich normalerweise mit dieser Ich-kriege-gleich-die-Krätze-Gänsehaut von den vier Musiksendern wegzappen läßt (und seltsamerweise läuft diese Musik fast ständig auf einem davon). Eine unmögliche Kombination also? Mitnichten – wenn es schon Mittelalterrock gibt, warum also nicht auch Mittelalter-Rap? Und das, was Schelmish da aus „Ich Was Ein Chint So Wolgetan“ gemacht haben, ist ein absolut gelungener Beweis, daß historische Instrumente und moderne Musik kein Widerspruch sind, es kommt eben nur auf die Umsetzung an. Daß auch hier die ordentliche Portion Humor natürlich nicht fehlen durfte, bewiesen die neuen Rapper Rimsbold, Fragor und Luzi, die mal eben im Backstage verschwanden, sich mit Glitzerjacke, Rasta-Mütze (und angeklebten Rasta-Locken …), Sonnenbrille und Football-Shirt bewaffneten und eine ebenso komische wie gekonnte Performance hinlegten.

Wer weiß? Vielleicht war das ja die Geburtsstunde eines neuen Musikgenres? Yo Man, Shelmish rulez

 

by Ancalagon