Schelmish - Wir werden sehen - VÖ 19.10.2007

 

Mit ihrem achten Longplayer gehen Schelmish den Pfad, den sie mit ihren Vorgängeralben „Igni Gena“ und „Mente Capti“ eingeschlagen haben, konsequent weiter in Richtung Rockmusik.

 

Dieser Umstand wird sicher wieder einige eingefleischte Carmina-Burana-Liebhaber und Fans „authentischer“ Mittelalterklänge vor die Wahl stellen: Will ich die neunundneunzigste Coverversion eines traditionellen Tanzstücks hören oder meine Glieder bei zeitgemäßer, tanzbarer Rockmusik verbiegen? Kein Zweifel, das Lateinwörterbuch kann man bei der „Wir werden sehen“ getrost im Schrank liegen lassen. Auf dieser CD finden sich, abgesehen von „Blessed be“, dessen Text keltischen Ursprungs ist, nur deutsche und englische Texte, die zum Einstimmen animieren und vor allem bei den Refrains Ohrwurmqualitäten haben.

 

Auf jeden Fall muss man auch bei diesem Silberling nicht auf Sackpfeifenklänge und den Einsatz anderer Mittelalterinstrumente verzichten, obwohl die „Wir werden sehen“ eindeutig gitarrenlastiger daherkommt und auch mehr Elektronik zur Klangerzeugung verwendet wurde. Diese CD beweist, dass Schelmish mehr sind als eine Marktband, die mit lustigen Gewandungen sonntags nachmittags dem geneigten Besucher zwischen Turnier und Tavernenspektakel die Zeit versüßt. Die Rheinländer sind Musiker durch und durch und was zeichnet einen ambitionierten Musiker mehr aus, wenn nicht die Offenheit und der Mut, Pfade zu beschreiten, sich in seiner Musik zu verwirklichen, gleich in welche Richtung dies führen mag. So viel als Einleitung.

 

Doch nun zur CD

 

Schon das Cover unterscheidet sich deutlich von den Vorgängeralben. Kein mystisch mittelalterliches Fantasy-Motiv. Ein Auge signalisiert, diese CD ist anders, Augen auf und vor allem Ohren auf.

 

13 Songs sowie ein Bonustrack, Intro und Outro sorgen für abwechslungsreiche 60 Minuten Musik, die sowohl punkige und poppige als auch Metal- bzw. Hardrock- Stücke enthält. Auch auf gefühlvolle Balladen muss der Hörer nicht verzichten.

 

Das Intro beinhaltet einen Text, mit dem sicher nur absolut eingefleischte Fans etwas anfangen können. Wer etwas über Finger, Hole und Punch wissen möchte, der wird die Schelme oder eben die Fans, die es wissen, fragen müssen. Ich denke, diese werden bereitwillig Auskunft erteilen. Im Outro wird das Ganze dann noch rückwärts zelebriert und vielleicht kommt der eine oder andere Unwissende ja dort dahinter, worum es geht.

Auch wenn dieser Text, „The Holeyologists Prayer“ den Anschein erwecken könnte, die Schelme wollten die Sekte der Holeyologisten gründen, so glaube ich, dass dem nicht so ist. Oder vielleicht doch?

 

Doch bevor ich zu sehr abschweife, gleich zum ersten Song „Gefangener der Zeit“, der von einer wirklich schönen Dudelsackmelodie eingeleitet wird und bei dem erste harte Gitarrenriffs bereits darauf hinweisen, was auf dieser CD noch kommen wird. Es gilt, kein Gefangener der Zeit zu sein und auch zu erkennen, dass es eben auch anderes gibt. Auch anderes als reine Mittelaltermusik. So heißt es:

 

Wo mein Wille ist, ist auch mein Weg,
auf dem ich suchend geh’,
zwischen Himmel und Erde liegt noch viel mehr
ich werd’ es finden und kann fliegen, wenn ich wiederkehr’.“

 

Punkig geht’s mit „Ehrlich“ weiter und auch hier werden die Fans ein Stück Schelmengeschichte wiedererkennen, auch wenn der Text sicher einigen aus vielerlei Gründen aus der Seele sprechen dürfte. Ein tiefgründiger Text verpackt in ein fetziges Gute-Laune-Stück.

 

Blitze und Metall, eigentlich eine unter Umständen tödlich wirkende Kombination. Musikalisch jedoch durchaus passend. Metalriffs und Drumgewitter, hart, aber herzlich. Bei mir kommt bei diesem Song die Erinnerung an das MRdB-Festival in diesem Jahr auf und ich frage mich ob, der Text erst nach diesem Event zustande kam.

 

„So allein“ ist eine überaus gefühlvolle Ballade, die Freunden von „Weiße Fesseln“ der „Mente Capti“ sofort gefallen dürfte. Vielleicht ist dieses Lied sogar daran angelehnt? Auf jeden Fall ein melancholisches Werk, welches die Liebhaber ruhiger akustischer Klänge besonders mögen werden.

 

Mit „Der Narr“ wird’s wieder rockig, Sackpfeifen und Gitarren begleiten den Narr auf seinem Pfad und so soll und wird es bleiben und deswegen rockt „Hunter“ nicht minder. Mit Freunden aus England intoniert geht’s mit treibendem Rhythmus auf die Jagd und beim darauf folgenden „Stern“ bleibt es genau so schwierig, die Glieder ruhig zu halten.

 

Bei „Kreuzzug gegen die Verlogenheit“ kommen Metalfans wieder voll auf ihre Kosten. Vater S. und Mutter K. bekommen hier ihr Fett weg. Wer sich nun vom Moshen entspannen will, kann dies bei „Blessed be“ aufs Vortrefflichste tun. Am besten ganz relaxt in den Sessel fläzen und den Stimmen, den Trommeln und Bouzukiklängen lauschen. Leider sind die 5 Minuten fast zu kurz dazu.

 

Der Übergang zum nächsten Stück, „Das Moor“, ist allerdings perfekt gelöst, denn die Schelme haben der Albumversion ein ruhiges Intro, welches auf der Single nicht vorhanden ist, spendiert. Der poppige Song mit tragischem Text zieht nicht ins Moor, eher auf die Tanzfläche.

 

Weiter geht’s mit „Andersland“, das ebenso wie „Der Narr“ eine gelungene Kombination von Dudelsack und Gitarrenrock mit anspruchsvollem Text darstellt, bevor „Herr Niemand“ frech und fetzig dem Besungenen ehrlich und offen bekundet, was Schelmish von ihm und seinesgleichen halten. Bei diesem und beim nächsten Song kommt auch der Chor zum Einsatz, der aus Fans besteht, die Schelmish während der Produktionsphase zu einem quasi Tag der offenen Tür in ihren Proberaum eingeladen hatte.

 

„Wir werden sehen“, der Titelsong, ist dann wieder ein Vertreter der Gattung Metal und spielt auf Veränderungen und Konsequenzen im Leben, allgemein und sicher auch im Besonderen dem der Schelme, an. Klare Ansage:

 

„Niemand weiß, was jetzt geschieht, es liegt in unserer Hand,
gesegnet mit Unwissenheit ziehen wir durchs ganze Land,
nie stirbt unser Tatendrang, wir gehen durch jede Wand,
was am Ende steht und was uns bleibt, verrät die Zeit,
und was auch immer kommt, was immer auch passiert,
weiß niemand bis zum letzten Tage dann.“

 

Der Bonustrack „Rainbow“ ist ein poppig verspielter Song, bei dem die Schelme noch einmal einen Gast aus England zu Worte kommen lassen. Was erwartet einen am Ende des Regenbogens?

 

 

Mein Fazit: Eine CD, die den Schelmen am Herzen liegt und bei mehr als einem Song ihnen aus selbigem bzw. der Seele spricht. Sicher soll die eine oder andere Textzeile Augen öffnen oder zumindest zum Denken anregen, wobei aber eben so sicher die Botschaft „Habt Spaß an unserer Musik“ lautet und auch meines Erachtens weniger als Abrechnung mit Andersdenkenden gesehen werden sollte. Nun ja, mal abgesehen von „Herr Niemand“ vielleicht, aber ob dieser die Botschaft versteht, bleibt dahingestellt.

 

Sicher keine Mittelalter-CD, dafür vielschichtig, wie es nur Schelmish sind. Keine Marktmusik, eine Rock-CD von Schelmish. Vielleicht für jemand, der nur die Marktauftritte und älteren CDs kennt, ein Schlag ins Traditionals-verwöhnte Gesicht. Dennoch, während andere Mittelalterformationen sogenannte „Sideprojects“ gründen oder ihren Bandnamen ändern, um sich musikalisch zu verwirklichen, so stehen Schelmish mit ihrem Namen zu ihrer Musik und dürfen sich mit all ihren Scheiben rühmen, gut 10 Stunden Musik liefern zu können, die abwechslungsreicher kaum sein kann und in der auch das Genre Rockmusik nicht fehlt.

 

So ist auch „Wir werden sehen“ eine schelmische CD und besonders diejenigen, die „Mente Capti“ mochten, werden „Wir werden sehen“ lieben.

 

 

 

Tracklist:

 

Intro
Gefangener der Zeit
Ehrlich
Blitz
So allein
Der Narr
Hunter
Stern
Kreuzzug gegen die Verlogenheit
Blessed be
Das Moor
Andersland
Herr Niemand
Wir werden sehen
Bonus: Rainbow
Outro

 

 

<Ralph Halbleib>