Subway To Sally einmal ganz anders als gewohnt – nämlich mit einer Akustiktour auf der Bühne.

Simon Michael, Schlagzeuger der Band, erzählt zur Entstehungsgeschichte dieses Konzepts: „Wir wollten das einmal probieren, als Geschenk an die Fans, die die mittelalterlichen Einflüsse bei den letzten CDs ein bisschen vermisst haben. Es ging also back to the roots, und es hat sich ein bisschen verselbstständigt. Wir stellen fest, dass das Konzept sehr gut bei den Leuten ankommt. Es ist nicht wirklich mittelalterlich, es ist nicht wirklich akustisch, aber es ist auch keine richtige Rockshow, es ist etwas ganz Eigenes geworden.“

Etwas Eigenes, das auch etwas Einzigartiges bleiben soll, wie Simon betont: „Es wird eine DVD und eine Live-CD davon geben, weil wir diese Show gern festhalten möchten. Und vielleicht werden wir noch das eine oder andere Festival mit dieser Show spielen. Das wird sich zeigen, da machen wir uns im Moment Gedanken drüber. Aber Subway To Sally wird keine der Bands werden, die zweigleisig fährt. Wir werden nicht an einem Tag auf irgendwelchen Märkten auftreten, am nächsten Tag dann auf Rockfestivals spielen, so wie andere es machen. Dazu sind wir zu rockig. Der Anteil von mittelalterlichen und akustischen Instrumenten in dieser Band ist dazu auch zu gering.“

Für die Band war es ein ganz besonderer Reiz, sich dieser Herausforderung zu stellen: „Es ging für uns darum, die Hosen runterzulassen. Sich nicht hinter Lautstärke, nicht hinter Orchestereinspielungen, nicht hinter einer großen Pyro- und Lichtshow zu verstecken, sondern sich einfach mal gemütlich auf die Bühne zu setzen und mit den Leuten einen schönen Abend zu haben. Das war der eigentliche Reiz, aber wir hatten anfangs auch einige Bedenken. Wenn man über Jahre hinweg Rock’n’Roll macht und man dann im Proberaum steht und alles erst einmal ein bisschen dünn und ungewohnt klingt, haben wir uns schon gefragt: Na, ob das funktionieren wird? Aber es wird sehr gut angenommen, und es macht auch wahnsinnig viel Spaß. Wir haben sehr viele alte Nummern im Programm.“

Im Gegensatz zur ausverkauften Tournee im Dezember, mit der die Band in Hallen gespielt hat, die bis zu 2.000 Zuschauer fassen, hat man bei der Akustiktour bewusst auf etwas kleinere und intimere Veranstaltungsorte gesetzt.

„Wir sind auch total überrascht, denn es ist uns nur von einem Termin bislang bekannt, der nicht ausverkauft ist. Wir haben uns auch die Day-offs zusammengestrichen und weitere Termine ins Programm aufgenommen. Es läuft sehr schön für uns im Moment. Die Resonanz der Leute ist bombastisch. Was wir hören von den Fans und was wir im Internet lesen, ist großartig. Wir versuchen noch mal einen draufzusetzen, was den Kontakt zu den Leuten anbelangt. Wir versuchen das in einem sehr intimen Rahmen zu halten und von der Bühne mehr zu kommunizieren und nach der Show unter die Leute zu gehen.“

Im Gegensatz zu einem normalen Konzert fällt die Kommunikation mit den Fans in einem solchen Rahmen noch leichter, denn: „Das hängt unter anderem damit zusammen, weil du nach einem normalen Konzert nicht einfach unter die Leute gehen kannst. Da ist man völlig ausgepowert, man braucht ein paar Minuten, man muss duschen. Hier haben wir relativ einfache Klamotten, wir gehen in den Backstage, können den Mantel abstreifen, zurück in die Halle und unter die Leute.“

Aus Sicht der Band unterscheidet sich die Atmosphäre bei diesen Konzerten deutlich von ihrem sonstigen Programm, wie Simon erzählt: „Wir sitzen auf der Bühne, es kommt optisch weniger Energie, es klingt natürlich auch anders. Für die Zuschauer selbst ist es  vielleicht nicht so viel anders, weil sie ja wie bei normalen Konzerten stehen. Die Leute sind erst mal überrascht und schauen, sind unsicher, ob sie mitklatschen oder mitsingen und tanzen sollen, aber wenn man den Titel fertig spielt, dann hört man trotzdem die Resonanz. Es dauert ein paar Nummern, bis die Leute warm werden, dann funktioniert es.“

Grundlage für das Set bildete eine Umfrage, die die Band auf ihrer Internetseite unter ihren Fans gestartet hatte, die sich für die Akustiktour bestimmte Titel wünschen konnten.

„Es war, wie gesagt, im Grunde als Geschenk geplant, diese Tour zu machen, ein paar alte Sachen auszukramen, Sachen, die die Fans hören möchten, und zu erfahren, was die Leute eigentlich hören wollen. Man kann selbst schlecht abschätzen, was gut oder schlecht ist. Da kam die Idee, die Fans bestimmen zu lassen. Wir konnten das nicht 100%ig umsetzen, weil die ganzen Klassiker wie ‚Veitstanz’ oder neue Sachen gewählt wurden, weil sie aktuell sind, die aber nicht umsetzbar sind im Akustikset. Wir haben schon auf der letzten Tour geplant, uns zusammengesetzt, beratschlagt, welche Stücke wir spielen wollten, wir hatten das Umfrageergebnis ausgedruckt und schon versucht, das weitestgehend zu erfüllen, was sich die Fans gewünscht haben.“

 Auch nach vielen erfolgreichen Jahren im Musikgeschäft ist Subway To Sally der Kontakt zu den Fans außerordentlich wichtig, wie Simon betont:  „Es gibt viele Kollegen, die irgendwann den Film kriegen, wenn sie anfangen, mehr als 500 Leute vor der Bühne zu haben, und sich wie die großen Rockstars fühlen. Aber man darf nie vergessen, wer einen ernährt, wer einen finanziert. Und der Kontakt ist uns ganz, ganz wichtig. Es haben sich viele Fans im Forum geäußert, als die ‚Nordnordost’ so hoch in die Charts eingestiegen ist, und haben Bedenken geäußert, dass sich dadurch etwas ändern würde. Für uns ändert sich nichts, wir versuchen trotzdem, nach jedem Gig unter die Leute zu gehen, egal, ob es 100, 1.000 oder 10.000 Leute sind. Und wer uns erreichen will, kann das tun. Wir sind im Forum zu erreichen, wenn einer Fragen stellen möchte; einigen von uns kann man auch E-Mails schicken, und wer es will, der wartet nach einem Konzert und kann uns dann ansprechen. Das gibt es nicht bei jeder Band in dieser Größenordnung.“

Die Akustiktour als Geschenk an die Fans, nicht aber als Versöhnungsangebot, die sich mit der härteren musikalischen Gangart, die Subway To Sally mit „Engelskrieger“ eingeschlagen haben, nicht anfreunden konnten, betont Simon entschieden: „Diese Tour ist auf keinen Fall ein Versöhnungsangebot. Über so etwas machen wir uns wenig Gedanken. Wir wissen sehr wohl, wo unsere Wurzeln liegen, aber wir nehmen auch als Künstler das Recht  für uns in Anspruch, uns weiterzuentwickeln und das zu machen, was wir gut finden. Zu ‚Engelskrieger’ gab es viele negative, aber auch sehr positive Stimmen, und bei der ‚Nordnordost’ war es ähnlich. Man kann nicht jeden zufrieden stellen. Es gab auch schon ein oder zwei enttäuschte Stimmen zu der Akustiktour, die meinten, das sei ja gar nicht richtig akustisch, die wohl erwartet hatten, dass das wie auf einem Mittelaltermarkt ist, wo sieben Leute mit Dudelsäcken und Schalmei rumtanzen. Ein Versöhnungsangebot ist es auf keinen Fall, und wir hätten es nicht gemacht, wenn wir nicht wirklich Lust dazu gehabt hätten.“

Gerade deutschsprachige Texte bieten Anlass zu einem Feedback an eine Band, zu Missverständnissen und zu Diskussionen – diese Erfahrung haben auch Subway To Sally gemacht.

„Texte sind immer Interpretationssache“, stellt Simon fest. „Bei ‚Engelskrieger’ kam die Kritik im Hinblick auf die Texte weniger von den Fans; wir haben zum Beispiel viel Post von besorgten Eltern bekommen, deren Kinder pubertätsbedingt irgendwelche Depri-Phasen hatten, und dann wird ein Schuldiger gesucht, dann wird in den CD-Schrank geschaut, und dann sieht man Titel wie ‚Wenn Engel hassen’ oder ‚Falscher Heiland’, und dann wird so etwas fehlinterpretiert. In jedem zweiten Interview wird man mit der Aussage konfrontiert, man sei eine sehr religionskritische Band, und ich kann da nur antworten: Wie kommst du darauf? ‚Falscher Heiland’ wird da zum Beispiel fehlinterpretiert. Jeder, der glaubt, dass wir uns abends in den Sarg legen und unzufriedene oder deprimierte Menschen sind, nur weil wir nachdenkliche Texte schreiben oder weil wir mit der ‚Engelskrieger’ zum Nachdenken anregen wollten, ist auf dem Holzweg. Musik und Texte zu schreiben, ist eine Kunstform, über die man sich ausdrückt. Man drückt aus, was einen bewegt, man möchte andere Menschen bewegen, das ist keine Sache, mit der man die Welt verändert oder Politik macht. Das sollte man nicht unter-, aber auch nicht überbewerten.“

Subway To Sally haben es geschafft, über lange Jahre hinweg in einem zunehmend schnelllebigen Geschäft erfolgreich zu sein, eine Errungenschaft, für die Simon zwei Gründe sieht: „Auf der einen Seite sind wir erfolgreich, weil die Band sich nie wirklich angepasst, sondern ihr Ding durchgezogen hat. Auf der anderen Seite, weil wir die besten Fans der Welt haben und das auch zu schätzen wissen und weil wir nicht in Massenmedien vertreten sind. Das darf man auch nicht unterschätzen. Ich spiele lieber in einer Band, die über 10 Jahre Erfolg hat, und weiß, wo ich 10 Jahre meine Brötchen verdiene, statt in einer Band, die nur für einen oder 2 Monate in den Medien gehypt wird und dann vom großen Rockstar-Dasein wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen wird. Da fällt man sehr, sehr tief, wenn man schnell aufsteigt.“

Gern wird einer Band schon einmal ein Etikett verpasst, um ihre Musik greifbar zu machen, und auch Subway To Sally wurden schon mit dem Begriff „Mittelalterrock“ belegt, eine Beschreibung, die Simon durchaus kritisch betrachtet: „Mittelalterrock –ich persönlich kann mit dem Begriff wenig anfangen. Für mich sind die Begriffe Mittelalter und Rock schon ein Widerspruch in sich. Wir möchten uns nicht einengen lassen, wir möchten nicht in eine Schublade gesteckt werden. Wer die Band kennt, der weiß, wenn er eine CD von Subway  To Sally hört, dann klingt die wie Subway To Sally und nicht wie irgendetwas anderes. Ich möchte in keine Schublade gesteckt werden, wo Gothic Metal oder Hard Rock oder Mittelalterrock drauf steht. Ich möchte einfach, dass die Leute sagen: Ich höre das und das und Subway To Sally. Ich finde nicht, dass man uns in eine Schublade stecken könnte.“

Und diese Band, die sich nicht in eine Schublade stecken lässt, ist für Simon etwas ganz Besonderes: „Ich bin neu in eine eingeschworene Familie gestoßen. Ich habe bisher in vielen Bands gespielt, und ich habe selten oder nie eine solch familiäre Stimmung erlebt wie bei Subway To Sally. Wo alle hinter einem stehen, alle zusammenhalten, alle sich gegenseitig respektieren, sich nicht gegenseitig auf die Nerven gehen, wo man weiß, wie der andere drauf ist. Es gibt sicher nicht viele Bands, bei denen man sich so gut kennt, wo man so viel Rücksicht aufeinander nimmt. Das ist auch mit der Crew so, das sind immer die gleichen Leute. Das ist immer sehr schön und harmonisch. Und es wird über alles gesprochen, das ist sehr wichtig. Sobald einen eine Kleinigkeit stört, sollte man das sagen, und das gibt es nicht in vielen Bands. Wir halten es so, dass wir ehrlich zueinander sind, bevor etwas überhaupt hochkochen kann;  bevor es Stress gibt, reden wir darüber. Ich glaube, man merkt uns auch auf der Bühne an, dass wir uns wirklich verstehen und Spaß miteinander haben.“

Die Band als Lebensmittelpunkt, doch es gibt für die Musiker auch andere wichtige Fixpunkte in ihrem Leben: „Wenn man so viel beruflich unterwegs ist und zu ungewöhnlichen Arbeitszeiten an ungewöhnlichen Orten arbeitet, dann ist man froh, wenn man wieder nach Hause kommt, zu Hause ist, von seinen Verwandten, Partnern, Ehegatten wieder empfangen wird. Familie ist uns allen sehr, sehr wichtig.“

Ab und zu gibt es auch eine Kooperation mit anderen Musikerkollegen, so hat Eric Fish zum Beispiel auf der letzten Platte von Letzte Instanz einen Titel gesungen.

„Wir haben ein sehr kollegiales Verhältnis unter den ganzen Bands. Ich habe letztens mit dem Olli von Letzte Instanz bei einer Musicalproduktion bei den Hofer Sinfonikern zusammengespielt. Das ist nicht so, dass sich die Managements erst treffen; das läuft bei uns direkt und persönlich.“ Oftmals stellt sich eine engere Zusammenarbeit mit anderen Künstlern jedoch auch schwierig dar, wie Simon zugibt: „In einer Band unserer Größenordnung ist das schwierig. Man lernt natürlich sehr viele kennen, man unterhält sich, freundet sich vielleicht auch an, tauscht Telefonnummern oder E-Mail-Adressen aus. Aber dass man wirklich zusammenarbeitet – das eigentlich weniger, dazu ist man dann doch zu sehr mit der eigenen Band beschäftigt. Seit ich bei Subway To Sally spiele, habe ich habe wesentlich weniger Bezug zu dem, was in der Rock- und Metal-Szene passiert, als ich vorher hatte, weil ich viel mehr mit meiner eigenen Band beschäftigt bin, mit unseren eigenen Auftritten und Festivals, als dass ich mir die ganze Zeit die anderen Kapellen anhören würde.“

Und wen bewundert ein Musiker einer erfolgreichen Band? Simon hierzu: „Als Künstler bewundere ich eine ganze Anzahl von Komponisten, wie Edvard Grieg oder J. S. Bach, die etwas Unübertreffliches geleistet und geschrieben haben. Als Menschen bewundere ich den einen oder anderen Bandkollegen – jeder ist so unersetzbar im Bandgefüge. Meine Lieblingsband Lacuna Coil bewundere ich. Da werde ich total zum Fan, zum Kind, wenn ich die sehe.“

Sehr kritisch gehen Subway To Sally mit den Massenmedien ins Gericht, und auch die diesjährige Echo-Nominierung sieht Simon realistisch: „Diese Nominierung hat gar keine Bedeutung. Das ist ein Preis, bei dem es um Plattenverkäufe und um Massenmedien geht. Und wenn man nominiert ist und nicht mal Karten bekommt, sondern die Karten kaufen muss, dann weiß man, dass man unerwünscht ist auf dieser Veranstaltung. Man musste uns nominieren, weil wir im letzten Jahr sehr erfolgreich waren. Na klar, man freut sich schon, wenn man so eine Nominierung bekommt, sozusagen als Beweis, dass man nicht so ein krasses Schattendasein führt. Aber ob wir jetzt den Echo bekommen oder nominiert sind oder nicht, spielt keine Rolle und beeinflusst nicht unsere Arbeit. Es bedeutet nicht, dass unsere nächste Platte Popmusik sein wird, nur weil wir für den Echo nominiert waren.“

Sänger Eric Fish hat mit dem Song „Glotze“ auf seinem Soloalbum ein deutliches Statement zum Thema Casting-Shows gemacht, doch dass in absehbarer Zeit ein Umdenken und ein Hinwenden zu mehr Qualität in den Massenmedien einsetzen wird, bezweifelt er: „Ich muss leider sagen, dass ich nicht denke, dass das passieren wird. Deshalb gehe ich den einzigen Weg, den ich gehen kann, und versuche, gerade bei den sehr jungen Zuschauern, die vor der Bühne sitzen, an der Basis zu arbeiten und dort ein Umdenken einzuleiten. Aber es ist auch klar, dass die Leute, die zu unseren Konzerten oder auch meinen Solokonzerten kommen, per se schon mal anders drauf sind. Die, die man eigentlich erreichen müsste, um ein Umdenken zu erzielen, die erreicht man leider nicht. Das ist ein Teufelskreis, der ganz schwer zu durchbrechen ist. Daher bin ich ganz klar, da kann ich mich auch als traditioneller Ossi ruhig outen, für Administration. Ich will nicht sagen, Zensur, das ist ein böses Wort. Man müsste beim Schulfunk oder wo auch immer anfangen, Qualität zu bieten. Nicht diese immer wiederkehrende Gleichmacherei und die durch Präsenz im Fernsehen herbeigeführte Prominenz von irgendwelchen Affen nutzen, um Kohle zu machen. Das ist Betrug am Geschmack der Menschheit.“

Simon fügt hinzu: „Ich schaue gar kein Fernsehen, ich habe zwar einen Fernseher und zahle auch brav GEZ-Gebühren, kann aber gar nichts sehen, weil ich keine Antenne habe. Ich bekomme aber sehr wohl mit, was da jetzt passiert. Wenn ich eine Radiosender zum Beispiel beim Autofahren 2 oder 3 Stunden hören muss, einen stinknormalen Popmusiksender, dann bekomme ich so einen Hals davon, weil auf allen einfach die gleiche Grütze läuft. Was auf den Musiksendern läuft, ist fast so etwas wie die Gleichschaltung im Dritten Reich. Da wird von der so genannten Musikindustrie den Kids einfach ein fürchterlicher Massenmediengeschmack diktiert und es wird ihnen gesagt: Das ist in und das ist cool und das musst du gut finden. Und mit so was kann in der Band und auch in der Crew niemand etwas anfangen. Sonst würden wir wahrscheinlich auch andere Musik machen, uns anders anziehen. Gerade was im Moment mit Casting-Shows und Ähnlichem abgeht – diesen 3 Menschen, die absolut nicht singen können; das ist der Big-Brother-Effekt, und jeder denkt, er kann’s besser und er  kann singen und die sind ja so schlecht und trotzdem wird die CD gekauft. Und diese so genannten Musiksender: Vielleicht wäre es anders, wenn es für unsere Art der Musik, unsere Art der Kultur oder Jugendkultur ein Forum gäbe, aber das gibt es ja nicht, weil es im Grunde nicht als Kultur anerkannt wird. In den 90ern gab es noch eine Art von Forum, auch im Fernsehen, aber damals war die Rockmusik auch in, da war sie modern, da konnte man noch Geld damit machen. Seitdem MTV die beiden Viva-Sender gekauft hat, ist das ohnehin ein Monopol. Es ist auch klar, dass die von irgendetwas leben müssen, und es ist ebenso logisch, dass unsere Fans keine Klingeltöne runterladen, und deshalb spielen sie unsere Musik auch nicht. Da können wir noch so tolle Videoclips wie ‚Sieben’ produzieren.“

Kaum Präsenz in den Massenmedien, und doch haben Bands wie Subway To Sally vollkommen abseits des Mainstreams großen Erfolg. Simon hat dafür eine simple Erklärung: „Weil es Leute gibt, die da keinen Bock drauf haben und die Recht mit dieser Einstellung haben. So einfach ist das. Und es ist sehr, sehr schön zu sehen, dass es, auch wenn uns die Medien und die Musikindustrie was vorgaukeln, mit dieser Casting-Kacke und Popmusik-Scheiße nicht mehr funktioniert. Das ist ein Grund, warum gerade die Popmusikindustrie so krasse Verluste durch MP3 eingefahren hat, weil es einfach keine Wertverknüpfung mit Popmusik bei den Leuten mehr gibt. Denen ist es scheißegal, ob die aktuelle Platte von Robbie Williams im Original oder aus dem Internet in ihrem CD-Player rotiert. Es gibt halt vermehrt wieder Leute, die Wert auf andere Musik legen, und wir können uns glücklich schätzen, dass diese Menschen unserem Fankreis angehören. Leute, die sagen, ich möchte diese Musik haben, und ich kaufe sie mir. Wir haben unseren Erfolg, weil es noch ehrliche Menschen gibt, die noch Bock haben, auf Konzerte zu gehen.“

Es gäbe einiges zu ändern in der Medienlandschaft, doch Simon sieht seinen persönlichen Einfluss realistisch: „Ich habe eine Meinung zu diesem ganzen Thema, aber ändern kannst du nicht viel. Mit der Musik, die wir machen, erreichst du nicht die Menschen, mit denen die Popmusikindustrie das große Geld verdient. Ändern würde ich gar nichts dran, ich würde wohl einen Nervenkollaps kriegen, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, etwas zu ändern. Es ist auch ganz o. k. so, dass wir nicht in den Massenmedien sind.“

Und was würde Eric in diesem Land ändern, wenn er die Möglichkeit dazu hätte?

„Ursprünglichkeit, Sachen, die in der Familie beginnen, Hinwendung zu dem Notwendigen, nicht zum Überflüssigen. Einiges, was wir versuchen, mit unserer Musik in den Leuten wachzurütteln. Den Leuten zeigen, was Leben eigentlich ist. Leben ist nicht Autofahren. Der Staat muss ein natürliches Fundament von Sicherheit bieten, damit ein Mensch sich selbst verwirklichen kann. Ich würde dieses Land gern dahingehend ändern, dass dies möglich ist.“

 

Petra Lindner/Hermann Kurz