Sieben Tyrannen in einer Demokratie

 

„Uns gibt es seit 1999, und entstanden ist die Band anläßlich des Geburtstags von Des Demonias Mutter, als wir uns mit einigen Musikern zusammentaten. Wir haben uns einen Burgsaal gemietet, um zu diesem Geburtstag etwas Besonderes zu bieten. Wir haben einige mittelalterliche Stücke gespielt, vorwiegend Rauf- und Sauflieder, dazu ein bißchen Jonglage und Feuerspucken gemacht, und das hat uns so gut gefallen, daß wir uns auf Burg Satzvey in der Eifel beworben haben. Die haben uns dann gleich ins kalte Wasser geworfen und uns ein Bankett gegeben und gesagt, macht dies, macht das, und das kam gut an beim Publikum. Und so fing das an mit der Band“, erklärt Dextro. Gemeinsam mit Des Demonia, Rimsbold von Tiefentann, Fragor das Schlagfertige, Sakepharus der Schmierenkomödiant, Amsel von Nydeggen und Luzi das L bildet er die Formatio Schelmish, die sich seit ihrer Gründung einen Namen weit über die rheinische Heimat hinaus gemacht hat. Schelmish stehen für deftige Unterhaltung in bester Spielmannstradition und bringen mit ihrem musikalischen Feuerwerk aus fünf Dudelsäcken und zwei Schlagwerkern regelmäßig das Volk zum Tanzen.

Die musikalischen Wurzeln von Schelmish entstammen der Irish Folk-Szene. „Ich habe selber lange in Irland gelebt und dort Musik gemacht. Ich habe viel mit Iren zusammen musiziert, bin vier oder fünf Jahre mit Iren durch die Welt gezogen. Ich wollte aus den althergebrachten Bahnen hier in Deutschland ausbrechen und einfach etwas Neues machen, mit Musik um die Welt ziehen, andere Menschen kennenlernen“, fährt Dextro fort, und DesDemonia ergänzt: „Irgendwann haben wir unseren ersten Mittelaltermarkt besucht, das war für uns etwas ganz Neues. Wir fanden das faszinierend, und das war für uns der Grund, mit dieser Art von Musik zu beginnen.“

Wie viele andere Musiker der Mittelalterszene sind auch Schelmish im Hinblick auf ihre Instrumente Autodidakten. „Wenn man Spaß an der Musik hat, dann übt man, übt man, übt man, und irgendwann klappt es dann auch“, sagt Dextro und fügt hinzu: „Im Moment lassen wir unsere Instrumente noch bauen, denn es fehlt uns an einer entsprechenden Werkstatt. Und wenn man seine Instrumente selbst bauen möchte, dann sollte man vernünftiges Werkzeug haben, und das ist sündhaft teuer, außerdem sollte man Ahnung von der Materie haben. In Zukunft wird das sicherlich kommen, daß wir Instrumente auch selber bauen, einige Veränderungen machen wir bereits selbst, auch Trumscheits bauen wir selbst, aber an die Pfeifen gehen wir bislang noch nicht heran.“

Und was macht die Faszination am Thema Mittelalter aus? Eine klare Antwort: „Die Weiber und der Suff!“ Und da wir heute leben und nicht im Mittelalter, gilt gleichberechtigt für die Damen in der Runde: „Die Kerle und der Suff!“

Neben Eigenkompositionen, die sich insbesondere auf der aktuellen CD „Tempus Mutatur“ finden, greifen Schelmish wie andere Kollegen des Genres auch überliefertes Liedgut aus dem Mittelalter auf. So zählen Werke der Carmina Burana oder den Cantigas de Santa Maria zum Repertoire der Band. „Wir entscheiden nach Gefühl, welche Stücke wir vertonen wollen“, erläutert Dextro, „wir adaptieren zum Beispiel Lieder, deren Texte uns gefallen. Aber da wir eigentlich sehr wenige Lieder mit Gesang haben, sondern überwiegend Tanzstücke machen, ist oftmals die Melodie entscheidend. Das, was groovt und zieht und was wir auf unsere schelmische Art umsetzen können, das nehmen wir. Wenn wir Lieder mit Texten nehmen, dann übersetzen wir die Texte schon. Amsel ist insbesondere fürs Altprovenzalische und Lateinische prädestiniert – nur mit dem Deutschen klappt’s nicht so, das spricht sie nicht so gut“, fügt er mit einem Augenzwinkern in Richtung von Amsel von Nydeggen hinzu. Wer Schelmish bereits auf der Bühne erlebt hat, weiß, daß derlei Nettigkeiten der Bandmitglieder untereinander zur Tagesordnung gehören, und Schlagfertigkeit und eine gehörige Portion Humor sind in dieser Siebenerrunde oberstes Gebot.

Zu den überlieferten Liedern, die Schelmish bereits vertont haben, gehören unter anderem der Klassiker „Palästinalied“, „Ai Vis Lo Lop“ oder „Tempus Est Iucundum“, ebenso wie „Ich was ein Chint so wolgetan“. Letzteres hat auf der Tour durch die Clubs allerdings eine gehörige Modernisierung erfahren, denn Schelmish sind nicht davor zurückgeschreckt, daraus eine Rap-Version zu machen, ein Experiment, das anfangs für Verblüffung sorgte, aber beim Publikum sehr gut ankam.

„Ich persönlich hasse Hiphop“, gesteht Dextro und erntet einhelliges Nicken in der Runde, „aber nach den Konzerten sind Leute zu uns gekommen und haben uns gesagt, daß das eine richtig geile Nummer wäre, die ihnen diese Musik ein bißchen näher gebracht hätte. Vielleicht lag es auch ein wenig an der Geschichte, die wir darum gestrickt haben, daß das Lied so gut ankam.“ Ach ja, die Geschichte der angeblich im Kloster zu Benediktbeuren fastenden und betenden Schelme, die dort auf die Mönche vom Orden der MCs trafen und auf diese Weise mit der eigenwilligen Version des Liedes Bekanntschaft machten.

„Wir werden dieses Lied auch zum Spaß als Single auskoppeln.“ Und damit am Ende auch bei Viva landen und neben Mittelalterrock zukünftig auch Mittelalter-Rap gesellschaftsfähig machen?

„Das bleibt abzuwarten. Ich glaube nicht, daß wir fotogen genug sind, um auf Viva gespielt zu werden“, antwortet Dextro lachend, doch Fragor wendet ein, daß auch Ferris MC dort gespielt wird. „Und das ist doch wohl eine richtige Hackfresse, oder?“

Aber neben den positiven Äußerungen zu dem Rap-Experiment gab es sicherlich auch einige Puristen der Mittelalterszene, die Schelmish diesen Song übelgenommen haben.

„Ja, es gibt jede Menge Leute, die uns so etwas übelnehmen. Aber damit haben wir schon seit Jahren zu kämpfen, und da stehen wir drüber.“ Darin sind sich alle Bandmitglieder einig. „Wir haben immer gesagt, daß wir nicht authentisch sind. Das wissen wir selber, und ich glaube, die meisten Leute gehen auf Mittelaltermärkte, um es derbe zu bekommen, um Spaß zu haben, und ich finde, das sollte man den Leuten auch geben. Davon lebt der Markt, davon leben die Händler, davon leben die Künstler. Wenn man den Besuchern zu puristisch kommt, dann haben die Leute auch keinen Spaß daran. Außerdem weiß man ja nicht, wie es damals wirklich war, man vermutet nur sehr viel.“

Mit der Clubtour im Oktober und November 2003 haben sich Schelmish zum ersten Mal von den Marktbühnen in die Hallen gewagt, ein Experiment, das Dextro als gelungen betrachtet. „Die Tour ist so gut verlaufen, daß wir das auf jeden Fall im kommenden Jahr wiederholen werden. Man kann aber schlecht sagen, daß die Märkte oder die Hallenkonzerte besser sind – das sind einfach zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Mir gefallen jedoch Konzerte insofern besser, als daß man dort zweieinhalb Stunden am Stück spielen und alles rauslassen kann, während man auf Märkten immer nur eine halbe bis dreiviertel Stunde zur Verfügung hat. Bei einem Hallenkonzert baust du von Anfang an dich und das Publikum auf und genießt das zweieinhalb Stunden bis zum Schluß. Allerdings haben die Märkte den Vorteil, daß man dort meist etwas spontaner ist.“

Spontan ist auf der abgelaufenen Tour jedoch oft die Entscheidung über die Zugaben gewesen, und wer bereits einige Schelmish-Konzerte erlebt hat, wundert sich nicht, wenn ihm auf einmal auch eine krachende Mittelalterversion des Johnny-Cash-Klassikers „Ring of Fire“ um die Ohren bläst.

„Solche Entscheidungen hängen natürlich auch vom Publikum ab“, wirft Fragor ein, „wenn du überwiegend Gothics vor der Bühne hast, sollte man vielleicht nicht unbedingt ‚Ich was ein Chint so wolgetan’ in unserer Rap-Version spielen, sondern eher das ‚Palästinalied’.“

Wie sieht es mit den Reaktionen des Publikums auf Schelmish aus? Gerade auf Märkten finden sich die unterschiedlichsten Charaktere, vom Mittelalterfan, über Gothics bis hin zu Familien mit kleinen Kindern ein.

„Wenn die Leute erst einmal anfangen, mitzuwippen und zu tanzen, dann sind sie in ihrer Begeisterung alle gleich, dann gibt es keine Unterschiede mehr, denn dann haben sie allesamt Spaß“, sagt Dextro.

Auf dem aktuellen Album „Tempus Mutatur“ haben sich Schelmish bei den Liedern „Veris Dulcis“ und „Le pôvre Villon“ prominente Verstärkung in Gestalt von Michael Rhein, Sänger von In Extremo, geholt. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

„Im letzten Jahr haben wir im Vorprogramm von In Extremo in Duisburg gespielt, und im September 2002 haben wir auf Satzvey beim Ritterturnier mit ihnen zusammengespielt, und daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt. In Extremo produzierten gerade ‚7’, während wir an ‚Tempus Mutatur’ arbeiteten, und auf diesem Album wollten wir den Song ‚Pussy  Twister’ unterbringen. Aber die elektronische Schiene ist wirklich nicht so unser Ding, und deshalb habe ich Micha angerufen, um seine Meinung dazu zu hören. Er hat sich die CD angehört und fand das Stück ‚Melancholia’, das wir geschrieben hatten, recht gut, und er fragte, warum wir darauf nicht gesungen haben. Ich hatte das Stück eigentlich für eine Bouzouki als Instrumentalstück geschrieben. Er meinte daraufhin, er hätte etwas, das er darauf singen könnte, was er auch getan hat. Wir haben das Stück dann umbenannt in ‚Le pôvre Villon’. Mit ‚Veris Dulcis’ waren wir noch nicht ganz zufrieden, und Micha hat bei dem Stück ebenfalls gesungen und mit arrangiert, so daß es etwas kompakter wurde.“

Stichwort: der Auftritt in Duisburg im Vorprogramm von In Extremo. „Das war das erste Konzert in einer solchen großen Halle als Vorband, und uns ging der A ... mit Grundeis“, erinnert sich Dextro und erntet Zustimmung von seinen Bandkollegen. „Man guckte uns von allen Seiten merkwürdig an, der Soundcheck war gerade mal drei Minuten lang, der Veranstalter kam aufgescheucht an – ‚Zugabe ist verboten!’ –, und dann kamen wir auf die Bühne. Alles dunkel, alles voller Leute, alles Metaller, etwas ganz anderes als das, was wir gewohnt waren – und die Leute sind auf unsere Musik abgegangen.“

Insbesondere auf dem letzten Album gab es viele Eigenkompositionen. Wie geht eine Band, bei der sieben Individuen unter einen Hut gebracht werden müssen, an die musikalische Zusammenarbeit heran?

„Es ist oft so, daß einer von uns ein bestimmtes Stück bereits im Kopf hat“, erklärt Des Demonia, „und präsentiert es den anderen dann, wenn wir hier proben. Oder wir machen gemeinsam eine Session, bei der wir gemeinsam etwas entwickeln.“

„Wir sind sieben Tyrannen, die in einer Demokratie leben“, fügt Dextro grinsend hinzu, und die tyrannische Demokratie scheint bestens zu funktionieren.

Die weiteren Pläne für die Zukunft?

„Wir hätten alle gern einen Porsche, ein Einfamilienhaus, einen Swimming-Pool. … oder ein Siebenfamilienhaus ganz für mich allein …“, zählt Dextro auf.

Und ernsthaft?

„Weitermachen wie bisher, Spaß haben, den Leuten viel Spaß bringen. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß wir, wenn wir da oben auf der Bühne stehen, nur so gut sind wie das Publikum. Das Publikum gibt dir die Energie zurück, das beflügelt dich, wieder mehr Energie rauszuholen, das ist ein ganz einfaches physikalisches Prinzip, und danach handeln wir,“ sagt Dextro.

Schelmish können auf eine stetig wachsende Fangemeinde blicken, und mittlerweile gibt es Fans, die der Band durch die halbe Republik nachreisen. Ob 2004 das Jahr des großen Durchbruchs wird? Die Zeichen stehen jedenfalls gut, und die Truppe macht den Eindruck, als habe sie ihr musikalisches Pulver noch sehr lange nicht verschossen.

 

Ancalagon

 

Bandbesetzung:

Sakepharus:

Davul, Percussion, Schlagwerk

Fragor:

Schlagwerk, Percussion, Trummscheit

Dextro:

Sackpfeifen, Bouzouki, Flöten, Drehleier, Bombarde, Schalmei, Gesang

Luzi:

Sackpfeifen, Schalmei, Trummscheit

Rimsbold:

Sackpfeifen, Flöten, Bombarde, Rauschpfeife, Schalmei, Hümmelchen, Gesang

Des Demonia:

Bouzouki, Sackpfeife, Schalmei, Percussion, Gesang

Amsel von Nydeggen:

Sackpfeifen, Schalmeien, Bombarde, Flöten, Drehleier, Cornamuse, Harfe, Gesang

 

Discographie:

Von Räubern, Lumpen und anderen Schelmen (2000)

Aequinoctium (2001)

Codex Lascivus (2002)

Tempus Mutatur (2003)

www.schelmish.de

www.schelmenwahn.de