Was tun Mönche, wenn sie sich inspirieren lassen wollen für ihre neuesten Offenbarungen an das Volk? Richtig, wenn man die Bruderschaft Potentia Animi ist, zieht man sich ins Kloster St. Blasius zurück, geißelt sich, bis die Ideen nur so sprudeln (oder auch das Blut, je nachdem, was eher kommt) und kehrt dann schließlich mit einem Opus, „Psalm II“ betitelt, an die Öffentlichkeit zurück.

Überhaupt – das Geißeln: Es hat, wenn man Bruder Liebe glauben darf, eine besondere Bedeutung im brüderlichen Zusammenleben. So geißelt man sich, wenn man sich nicht einig ist, z. B. über das Songwriting („Es herrscht in einem solchen Männerverein niemals Einigkeit. Streit und Gezänk sind an der Tagesordnung.“), und auch der musikalische Stil soll sich, so lässt der ehrenwerte Bruder verlautbaren, durch Geißeln entwickelt haben. Nun denn …

Das Geißeln jedenfalls hat auf „Psalm II“ vielfältige Früchte getragen, so unter anderem eine gerappte Fassung des Mittelalterklassikers „Tempus est iucundum/Totus floreo“.

„Der Herr gibt uns diese Ideen ein, also wollte er dies wohl so hören“, befindet Bruder Liebe – Mittelalter-Rap vielleicht als Marktlücke?

„Nein!“, so die entschiedene Antwort.

Ebenso ein klares Nein zu weiteren Synthipop-Experimenten, wie die Bruderschaft sie mit dem tanzbaren „Viva la more“ hingelegt hat.

Zwei neue Instrumente gibt es auf „Psalm II“ zu hören, nämlich ein Harmonium und eine verstärkte Geige; ebenso sind zwei weitere Brüder zu Potentia Animi gestoßen, Bruder Schlaf und Bruder Schnabausus Rex, „um den Qualen der weltlichen Laster zu entkommen“, wie Bruder Liebe anmerkt. „Schnabausus ist Novize und wird dies wohl bis zu seinem Lebensende auch bleiben – bei seinem Alter.“

Auch eine Sängerin ist auf dem neuen Album mit von der Partie, zu der Bruder Liebe aber nur so viel verrät: „Es ist eine auf den Bühnen dieser Welt bekannte Musikerin, welche wir hier mal schlicht mit Schwester Anja betiteln wollen. Mehr darf ich nicht sagen – Schweigegelübde.“

Auf dem ersten Album gab es zu „Domina“ ein Video, doch eine visuelle Umsetzung des neuen Materials ist derzeit nicht geplant: „Das würde ja auch nur Sinn machen, wenn dies dann wieder auf der CD drauf wäre, welche aber schon fertig ist, ohne einen Videoclip. Denn sonst sieht es ja keiner, oder denkst du, wir werden bei MTV oder Viva gesendet? Das sind doch streng katholische Sender, die machen da nicht mit.“

Musik mit mittelalterlichen Einflüssen und doch von moderner Prägung – Bruder Liebe will sich jedoch nicht auf eine Definition festlegen: „Es fällt für uns unter die Musik Rubrik. Für Schubladen sind doch die Pressebrüder und -schwestern verantwortlich, nicht wir. Wir machen das Zeug doch schon, das reicht doch.“

Neben einer jüngst absolvierten Clubtour sind Potentia Animi auch auf Mittelaltermärkten unterwegs und hier spielt man, wie Bruder Liebe erzählt, eigene Kompositionen und Mittelalterklassiker „in wunderschöner Harmonie“.

Und was haben die Brüder auf den Pilgerfahrten durch die Republik an bedeutsamen Ereignissen erlebt?

„Nix gesehen außer Sünde, und da schauen wir ja drüber …“

Im vergangenen Jahr waren Potentia Animi bei den Aufführungen der „Cantus Buranus“ der Kollegen von Corvus Corax mit von der Partie – ist eine Fortsetzung geplant?

„Nein, da machen wir nicht mehr mit. Das hat bei Bruder Schlaf bleibende Schäden hinterlassen – siehe sein Foto in der CD. Er war zwei Stunden unter den Schwestern des Frauenchores untergetaucht.“

Und die Reaktionen des Publikums bei großen Festivals wie Wacken oder M’Era Luna?

„Sie haben es bereut!“

Wenig Probleme sieht Bruder Liebe für Potentia Animi und ihr Auftreten als Mönche im Hinblick auf die in jüngerer Vergangenheit diskutierte Verletzung religiöser Gefühle: „Wer soll denn was gegen eine kleine singende Bruderschaft haben? So schlecht kann die Welt doch gar nicht sein.“

Und doch würden die Musiker auch Grenzen ihrer persönlichen künstlerischen Freiheit ziehen: „Bei allem, was wir mit uns, unserem Gewissen und unserer persönlichen Einstellung den Dingen gegenüber nicht mehr vertreten können.“

Und abschließend noch ein persönliches Statement: „Geiz, Neid und Missgunst sind schlechte Freunde. Schlechte Freunde sind nicht geil.“

 

Petra Lindner