Oni Wytars

Seit über 20 Jahren befassen sich Oni Wytars mit alter Musik bzw. europäischen und orientalischen Musiktraditionen. Dennoch sieht sich Marco Ambrosini nicht als Vorreiter in dieser Hinsicht: „Wir waren sicherlich nicht die ersten. Es stimmt allerdings, dass es zu der Zeit, als wir angefangen haben, uns mit dieser Musik zu beschäftigen, sehr viel weniger Leute gab, die in dieser Hinsicht aktiv waren. Der Personenkreis beschränkte sich hauptsächlich auf Menschen, die zu dieser Zeit in Basel studierten bzw. studiert hatten. Natürlich gab es auch einige andere, die mit einem ganz anderen Hintergrund diesen Weg eingeschlagen haben – auf jeden Fall aber waren es sehr viel weniger, und vor allem war es noch etwas anders als heutzutage und hat anders geklungen.“

Eine Vorreiterrolle räumt Marco im Hinblick auf die Interpretation der Musik ein, schränkt aber ein: „Aber es gab noch viele andere Leute, die ebenfalls diese Musik gemacht haben. Wir haben daraus ein bisschen Punk gemacht! Wir sind nicht so streng wissenschaftlich oder philologisch herangegangen, sondern haben versucht, primär unseren Spaß daraus zu ziehen. Schließlich hat man schon genug Ärger im Leben oder mit 08/15-Langweilern, einen unspannenden Job zu machen; deswegen haben wir versucht, die Musik so hinzubiegen, dass sie uns richtig Spaß macht. Und dabei haben wir manche Entscheidungen getroffen oder sind Kompromisse eingegangen, die für die damalige Zeit eher ein bisschen undenkbar waren. Oder sogar ein bisschen Häresie und schon drüber hinaus. Grundsätzlich ist Musik eine Geschmackssache, und uns gefällt unsere Musik so, wie wir sie machen, ohne dass wir behaupten, dass unsere Herangehensweise die einzig richtige wäre.“

Marcos Kollege Peter Rabanser erläutert die Herangehensweise des Ensembles näher: „Wir machen die Musik nicht aus einer Laune heraus. Wir denken uns schon etwas dabei; das hat schon einen bestimmten Grund, dass wir die Musik auf diese Weise interpretieren oder dass wir mittelalterliche Musik so spielen. Oder dass wir Renaissancemusik oder Musik aus dem 16. Jahrhundert nicht so spielen wie andere, die normalerweise Renaissance- oder Frühbarockmusik spielen. Wir respektieren schon das, was in den Noten steht, und berücksichtigen Forschungsergebnisse, die es eventuell zu der Musik gibt, und natürlich spielen wir auch die Instrumente, die dorthin gehören. Aber wir lassen und einfach ziemlich viel Raum dafür, wie man auf dieser Basis diese Musik spielen kann. Man kann das alles enger oder einfach ein wenig freier sehen – die Musik soll ja auch ein wenig Spaß machen.“ 

Katharina Dustmann, bei Oni Wytars zuständig für die Percussion, meint: „Ich glaube, es ist nicht so, dass man sehr stark darüber nachdenkt, dass man ein Stück anders spielen will als andere. Das entsteht einfach während der Proben, so wie es uns gerade geht, spielen wir einfach. Allerdings vor dem Hintergrund, dass wir ein Stück schon so spielen, wie es eigentlich gespielt werden sollte.“

Marco wirft ein: „Also nicht einfach so blind rein. Aber es ist tatsächlich so, dass viele der Arrangements nicht erdacht, sondern einfach entstanden sind, indem man die Noten rausgekramt hat und damit rumgespielt hat, bis etwas daraus entstanden ist. Im Nachhinein wird das Ergebnis kontrolliert – kann man das so spielen, muss man etwas ändern, sind manche Elemente zu viel oder aber zu wenig, macht es Spaß genug, könnte es mehr Spaß machen oder auch zu viel. Bei uns ist der Spaßfaktorwirklich sehr groß!“

Dies kann Katharina nur bestätigen: „Wir haben auch schon Stücke mit Losen arrangiert – da wurden dann die einzelnen Passagen auf Zettelchen geschrieben, diese in einen Hut geworfen und jeder von uns musste eins ziehen und entsprechend umsetzen. Das Werk ist superschön geworden!“

Bekannt sind Oni Wytars vor allem für ihre Interpretation orientalischer Musik, die auf die Musiker eine besondere Faszination ausübt, wie Peter erklärt: „Das Reizvolle an dieser Musik ist, dass man sie nicht so erforschen kann so wie zum Beispiel die alte Musik Europas. Man kennt die Instrumente kaum, weiß nicht genau, welcher Rhythmus dazugehört, ob die Musik überhaupt so gespielt wurde, wie man sie jetzt in Notenschriften findet; manchmal gibt es nur ganz vage Anhaltspunkte. In dieser Art von Musik gibt es einen riesigen Spielraum, wie man sie spielen kann, und der Reiz daran ist, dass so viele verschiedene Möglichkeiten und auch Meinungen existieren, wie man die Musik interpretieren kann. Die Improvisation ist ein wichtiger Bestandteil der orientalischen Musik; die muss da sein, sonst ist das Stück nur halb fertig – und wir improvisieren auch sehr gern!“ 

Katharina ergänzt: „Ich glaube, es ist noch nie unser Ding gewesen, uns auf irgendetwas festzulegen. Wir haben einmal eine Info-CD zusammengestellt, auf die wir von jeder unserer CDs etwas draufgepackt haben. Und als ich mir diese CD später einmal angehört habe, dachte ich, dass es sehr gut ist, wenn man das alles irgendwie spielen kann und sich nicht auf einen bestimmten Stil festgelegt hat. Wir spielen orientalische Musik nicht genauso, wie sie gerade gespielt wird, sondern schaffen unsere eigene Interpretation, wie bei den anderen Musikrichtungen, mit denen wir uns beschäftigen, und es ist schön, nicht nur in eine Richtung zu arbeiten und auf einem bestimmten Stand stehen zubleiben. Aber es macht auch Spaß, mit den alten mittelalterlichen Instrumenten neue Musik zu spielen oder umgekehrt. Ich finde das alles spannend, und es ist ein riesiges Feld, das ich auskosten möchte. Ich will nicht sagen, dass ich jetzt stur nur mittelalterliche Musik machen würde, da würde ich eingehen.“

Die Inspirationen, die Oni Wytars ihrer Arbeit zugrunde legen, sind kulturkreisübergreifend, beispielhaft dafür das Werk „From Byzantinum to Andalusia – der fremde Blick“. Hintergrund des Konzepts war die Idee, ein Programm mit den drei großen Religionen rund ums Mittelmeer – Christentum, Islam, Judentum –zusammenzustellen. Bereits im Jahr 2001 erfolgten die Aufnahmen in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk, die Veröffentlichung der CD folgte 2006, doch Katharina bemerkt, dass eine gewisse Scheu bestand, sich dem Thema zu nähern: „Das Programm ist vor zwei Jahren nicht gekauft worden, weil man zu viel Angst hatte, das anzubieten – jüdische, christliche, islamische Lieder, das ist heikel. Aber im vergangenen Jahr spürte man eine gewisse Öffnung für das Thema, man merkt also, dass es schon Aufmerksamkeit erregt. Ob positiv oder negativ, ob wir viele oder gar keine Konzerte damit spielen, sei erst einmal dahingestellt.“

Marco führt das Thema noch etwas weiter aus: „Das Programm ist wirklich sehr singulär, weil wir die religiöse Musik der Kulturen spielen – die christliche im Sinne der christlichen Texte, islamische und hebräische Texte in den Originalsprachen; es ist nicht nur die Musik bestimmter Länder, sondern tatsächlich religiöse Musik und damit gerade heutzutage schon ein heißes Thema. Insbesondere, wenn man alles in einem Programm zusammenführt. Wir haben dieses Programm so durchstrukturiert, dass es die drei Solisten Peter Rabanser, Belinda Sykes und Jeremy Avis gibt, die jeder für eine der drei Religionen stehen und teilweise auch kooperieren. Aber wir wollen jetzt keine Politik machen.“

„Musikalisch gesehen bewegst du bei jedem Stück etwas in den Menschen“, setzt Katharina hinzu, „und meiner Ansicht nach darf und sollte jeder seine Religion leben. Das ist auch ein bisschen die Botschaft des Programms, jedes Stück, egal, welcher Religion es entstammt, spielen wir mit gleicher Inbrunst, und ich denke, jeder sollte sich auswählen, was er leben möchte.“

Musik als übergreifendes und verbindendes Element der Kulturen und Religionen – eine Erfahrung, die Peter nach Konzerten mit dem Programm „Der fremde Blick“ gemacht hat: „Da kommen nach dem Konzert Leute zu dir und erzählen dir, dass sie ganz überrascht sind, welche Musik mit welcher Religion verbunden ist. Auch ich selbst habe irgendwann gar nicht mehr darauf geachtet, welche Sprache das ist, sondern nur noch auf die Musik gehört, und eigentlich passt alles wunderschön zusammen. Da hat man Musik aus drei verschiedenen Kulturkreisen, die untereinander Krieg geführt haben, und zum Schluss kommt in der Musik doch eigentlich alles auf dasselbe heraus.“

Katharina weist noch einmal ausdrücklich daraufhin, dass hinter der Entwicklung des Programms keinerlei politische Intention stand: „Es war keineswegs unsere Absicht, zu provozieren oder irgendwie Stellung zu nehmen zu religiösen Themen oder Konflikten. Für uns stand einfach die schöne Musik im Vordergrund, die man unserer Ansicht nach in einem ebenso schönen Programm zusammenführen konnte. Erst als wir 2005 merkten, dass die Konzerte ausblieben mit diesem Programm, haben wir uns nach den Gründen gefragt – so weit weg waren wir also von irgendwelchen religiös-politisch motivierten Gedanken. Aber letztendlich finde ich das Programm so, wie es ist, sehr schön.“

„Und das genau jetzt in dieser Zeit – vielleicht fangen die Leute ja mal an zu denken“, wirft Marco ein und fügt lachend hinzu: „Aber man weiß ja nie, denken kann ja auch ungesund sein …“

Eines der Ziele des Ensembles ist der Brückenschlag zwischen Orient und Okzident, zwischen den Traditionen der Vergangenheit und der Gegenwart, dessen Umsetzung Peter erklärt: „Wir trennen viele Dinge nicht so stark wie andere. Wir kreieren zum Beispiel kein Programm eines einzelnen Komponisten, sondern wir machen themenbezogene Programme. Ein solches Programm sollte zwar eine bestimmte Epoche umfassen, aber es beschränkt sich keineswegs auf eine festgelegte Region. Für uns ist vielmehr interessant herauszufinden, was in den verschiedenen Kulturen zu diesem Thema vorhanden ist.“

„Außerdem“, ergänzt Marco, „liegt uns diese Herangehensweise, und wir mögen es, orientalische mit westlicher Musik zu verbinden und zuspielen.“

„Im Mittelalter haben die Europäer viele musikalische Elemente aus der arabischen Tradition übernommen“, erläutert Peter die historischen Hintergründe, „denn das war neu und interessant für die damaligen Europäer. Im 19. und 20. Jahrhundert war es dann genau umgekehrt, die orientalischen oder arabischen Musiker begannen, Elemente der europäischen Traditionen in ihre eigene Musik einzubinden. Seien es Instrumente, seien es die Harmonie –alles, was irgendwie interessant schien. Für uns bestehen viele Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Musikrichtungen, und das macht die Faszination für uns aus. Unsere Instrumente basieren auf denen des europäischen Mittelalters, der Renaissance und vielen aus dem traditionellen Bereich des früheren Osmanischen Reiches. Diese Instrumente gibt es in diesen Regionen immer noch und sie werden gespielt und gleichzeitig fließen europäische Elemente in die Musik ein. Das ist ein endloser Kreislauf.“

„Bei uns kann sich jeder musikalisch austoben“, wirft Katharina ein, „unsere Grundbesetzung besteht aus 6 bis 7 Leuten, von denen jeder natürlich seinen eigenen Geschmack hat und sich im Laufe der Jahre natürlich auf seine Art entwickelt. Aber jeder ist in seiner Entwicklung frei, man möchte ja gerade, dass jeder einen Input leistet und man selbst vielleicht noch etwas beisteuern kann. Daher kann sich jeder Musiker bei Oni Wytars frei entwickeln.“ 

Multikulturell oder doch zumindest multinational ist auch die Zusammensetzung des Ensembles Oni Wytars, das Zusammenfinden ist geprägt von Zufällen und Anekdoten.

„Wir haben uns alle irgendwo beim Spielen kennen gelernt, wir haben allemal verschiedene Sachen gemacht und unterschiedliche Musik gespielt“, beginnt Peter zu erzählen, doch Katharina unterbricht: „Erzähl das doch richtig, ich finde die Geschichte, wie ihr euch gefunden habt, so toll!“ Und erzählt schließlich selbst weiter:„Peter und Marco laufen auf einer Straße aneinander vorbei, Marco hat einen Geigen-, Peter einen Gitarrenkoffer, dann drehen sie sich um, sehen sich an, und, na ja, dann spielt man halt zusammen. Mit Ricardo war das ähnlich, oder? Wo war das?“

„Irgendwo in Stuttgart“, erinnert sich Marco, „ich hatte so eine Mittelalterkappe an der Geige, ging an Ricardo vorbei, der damals Theater studieren wollte, aber bereits Musik machte. Er sagte zu mir: Was machst du, Theater? Nein, Musik, antwortete ich. Er dann wieder: He, ich auch, was machst du heute Abend. Komm, kochen wir was zusammen! Das sind so die Zufälle, die uns zusammengeführt haben. So hat sich das alles ergeben, wir haben nie Inserate in der Zeitung aufgegeben.“

Es sind nicht nur die musikalischen Fähigkeiten, die darüber entscheiden, ob ein Musiker in das Ensemble integriert wird, wie Marco erklärt: „Es kommt auch darauf an, wie man sich versteht, wenn man über einen längeren Zeitraum zusammen ist, wie man es zusammen aushält, wenn man Konzerte gibt.“

Katharina wirft ein: „Man muss sagen, dass wir drei zusammen zehn Jahre in einem großen Haus gelebt und geprobt haben. Und das überträgt sich auch auf das Publikum; manchmal kommen Leute nach einem Konzert und äußern sich begeistert über die Verbundenheit zwischen uns, die sich auch von der Bühne überträgt.“

Sängerin Belinda Sykes hat in verschiedenen Ländern Gesangstechniken studiert, die hierzulande kaum bekannt sind.

„Belinda reist sehr viel herum“, weiß Peter über die Kollegin zu berichten, „sie war viel in Osteuropa unterwegs, kennt bulgarische Sängerinnen. Außerdem befasst sie sich intensiv mit dem arabischen Kulturkreis, hat arabische Musik studiert, spricht auch Arabisch und pflegt Kontakte zu arabischen Musikern.“

„Sie bleibt meist wirklich lange in Nordafrika, meist in Casablanca, um ihre arabischen Sprachkenntnisse zu verfeinern und zu singen“, setzt Marco hinzu, und Katharina zeigt sich begeistert von der britischen Sängerin: „Sie hat für die alte Musik unserer Regionen eine natürliche Stimme, die man einfach zur perfekten Umsetzung braucht. Ihre Stimme passt einfach und ist genial. Wir haben für sie die neue Musik eingesetzt, und sie hat wahnsinnige Sachen gesungen. Sie macht einfach alles!“

Neue Inspirationen und neue Quellen ergeben sich für Oni Wytars nahezu zwangsläufig auf ihren Reisen, wie Peter berichtet:„Natürlich lernt man, wenn man unterwegs ist, auch andere Musiker kennen, plötzlich spielt man vielleicht mit einem persischen Musiker zusammen, und dann macht es vielleicht ‚Klick’ im Gehirn und man begreift etwas, das man vorher ganz anders gehört hat. Man begreift andere Zusammenhänge und lernt dadurch viel im Hinblick auf die Musik.“

„Als es noch mehr Geld für Kultur gab, haben wir viele Kulturinstitutsreisen gemacht“, erinnert sich Marco, „zum Beispiel in den Nahen Osten, nach Nordamerika, durch ganz Europa oder nach Russland und Taiwan. Auf solchen Reisen sind natürlich sehr viele Sachen entstanden, wir haben viel für unsere Arbeit aufgesogen. Manchmal waren wir wochenlang irgendwo in Südostasien oder Nordamerika, man ist dort nicht als Tourist, sondern man arbeitet mit den dortigen Musikern. In Russland zum Beispiel haben wir mit den Musikern der Philharmonie gearbeitet, und natürlich lernt man die Leute auch privat kennen – und auch das, was sie zu Hause nach dem 17. Wodka sonst noch spielen. Sie bringen dir ihre Lieder bei oder erzählen dir von ihren sonstigen musikalischen Vorlieben. So entstehen wahnsinnig viele Sachen.“

Oni Wytars greifen in ihren Programmen auf verschiedene historische Quellen zurück, unter anderem die Carmina Burana, das Llibre Vermell oder die Cantigas de Santa Maria. Professionell studiert haben die Musiker die zugrunde liegenden alten Sprachen nicht, doch Marco bestätigt, dass die Sprachen kein großes Hindernis darstellen: „Dadurch, dass wir alle aus unterschiedlichen Ländern kommen, liegen uns unterschiedliche Sprachen. Der eine kann sich aufgrund seiner Herkunft vielleicht mit dem Okzitanischen befassen, der andere kennt sich eher im Mittelhochdeutschen aus, und man vertieft seine Kenntnisse privat, dafür muss man nicht an einer Universität studieren.“

Der Stellenwert von Sprache, des gesprochenen oder gesungenen Wortes, ist bei Oni Wytars nicht festgelegt, wie Peter erzählt: „Es gibt Stücke, bei denen der Text keine tiefere Bedeutung hat. Bei einem Programm wie dem schon erwähnten ‚Der fremde Blick’, bei dem es um dasselbe Thema, in dem Fall Religion, geht, hat der Text natürlich schon eine große Bedeutung. Sicherlich hat die Vokalmusik für den Zuhörer oft eine ganz besondere Bedeutung, da die Stimme das einzige Instrument ist, das jeder Mensch von Natur aus besitzt, egal, ob er ansonsten etwas mit Musik zu tun hat oder nicht. Gesungene Musik hat einfach eine ganz andere Wirkung als instrumentale. Mit gesungener Musik hat man oftmals einen ganz anderen Kontakt zum Zuhörer.“

Einweiteres Programm von Oni Wytars ist „Seherezade – Musik in Bildern aus 1001 Nacht“ betitelt.

Marco erklärt die Hintergründe: „Es gab eine Zeit, in der Arabesken in Europa populär wurden und zum Beispiel in Wien die orientalische Akademie gegründet wurde. Es ist einfach eine Faszination, die diese Welt aus 1001 Nacht auf die Europäerausgeübt hat, und mit diesem Programm haben wir versucht, diese Dinge aus unserer Sicht wiederzugeben, das heißt, wir haben versucht, die damaligen Vorstellungen in Musik umzusetzen. Wir haben für das Programm Musik mit sehr starken Charakteren ausgewählt, sodass sie stark impressionistisch wirkt.“

„Das beste Beispiel für eine bildhaft wirkende Musik ist Filmmusik“, wirft Peter ein, „denn die ist ja gerade darauf ausgelegt, Bilder zu erzeugen oder ein bestimmtes Bild zu verstärken oder zu bedienen. Sie soll eine bestimmte Atmosphäre hervorrufen. Bei diesem speziellen Programm haben wir eine gewisse Vorstellung davon, was passieren könnte, wenn man die Musik hört, weil wir wissen, was bei uns passiert, wenn wir diese Musik spielen. Und unsere Vorstellung ist, dass das Publikum das miterlebt und eintaucht in die Musik.“

„Eine Aufforderung an das Publikum: Macht euch Bilder!“, fügt Katharina hinzu. 

Ein weiteres Programm ist dem Stauferkönig Friedrich II. gewidmet. Marco erinnert sich an die Zeit, als die CD erschien: „Sie war nach Erscheinen die CD des Monats beim WDR 3, und nachdem immer wieder einzelne Stücke unkommentiert gesendet worden waren, hat ein sehr guter Redakteur fast die ganze CD gesendet, fast eine Stunde daraus gemacht, und am Schluss der Sendung sagte er, dass fast 99 Prozent der gespielten Musik überhaupt nichts mit dem Stauferkönig Friedrich II. zu tun hätten, zumindest nicht historisch betrachtet, aber wir würden sie wie immer so schön spielen, dass das eigentlich völlig egal sei. Man weiß sehr wenig über die Musik dieser Zeit. Man kann eigentlich nur vermuten, was damals gespielt wurde. Aber das Projekt war ohnehin eher eine Hörspielproduktion in Zusammenarbeit mit dem wahnsinnigen Schauspieler Karsten Wolfewicz, der Briefe von Friedrich II. rezitiert.“

Peter fährt fort: „Dieser Kaiser war schon ein ganz extremer Mensch, und genauso ist Karsten, deshalb war er die ideale Person für die Umsetzung. Wir wollten auch gar nicht auf Biegen und Brechen aufs Jahrhundert genau eine Musik machen, über die das Wissen ohnehin vage ist. Für uns war es wichtiger, eine Musik zu schaffen, die einer größeren Zeitspanne und dem Zeitgeist der Epoche entspricht und vor allem auch die vorgetragenen Texte unterstützt. Es ging also gar nicht darum, vollkommen authentisch in Klänge dieser Zeit einzutauchen, sondern wir wollten einfach ein bisschengroßzügiger sein mit diesen Dingen, es sollte alles zusammenpassen, so wie wir es uns vorstellten.“

„Hör dir einfach mal die Texte an“, fordert Marco zur Auseinandersetzung mit dem Stauferkaiser auf, „meiner Meinung nach war der Typ einfach komplett verrückt. Einerseits völlig genial, andererseits total freigeistig. Heutzutage würde man wohl sagen, total faschistoid, aber ich meine eher total narzistisch. Und natürlich wahnsinnig interessant und faszinierend. Ich finde, dieser Charakter kommt bei der Produktion auf jeden Fall rüber.“

Aus der Resonanz des Publikums heraus ist das Gesprächskonzert „Pretiosa Musicorum Exempla“ entstanden, wie Katharina erklärt:„Oft kamen in den Pausen Leute auf uns zu mit der Bitte, die Instrumente und ihre Herkunft zu erklären. Wir haben uns dann angewöhnt, in den Konzerten, wenn die Zeit da war, eine kleine Instrumentenkunde einzubauen. Und irgendwann kam die Anfrage, ob wir nicht mal ein Konzert machen könnten, in dem die Entwicklung der Instrumente dargestellt wird. Wir waren angetan von der Idee und haben mit 30 Instrumenten durch Erklären und Spielen die Entwicklung der Instrumente vom frühen Mittelalter bis zum Barock erklärt.“

„Venitea laudare“ ist den Laudesi-Bruderschaften gewidmet, einer Bewegung inspiriert durch den heiligen Franziskus. „Es handelte sich um Bruder- oder Schwesternschaften, die sich in Italien, insbesondere in Umbrien und der Toskana, aus Laien, ganz einfachen Leuten, formierten. Es handelte sich sozusagen um eine Volksbewegung von Leuten, die durchs Land zogen und die Laudae als Lobgesänge Gottes gesungen haben, also mehr oder weniger Pilgermusik. Für uns ist daran besonders interessant, dass sie wahrscheinlich auch die damalige Volksmusik in diese Gesänge implementiert haben, dass sie die damals bekannten volkstümlichen Melodien, die sie im Ohr hatten, mit religiösen Texten versehen haben, die später aufgeschrieben wurden.“, fasst Marco die historischen Hintergründe zusammen.

Oni Wytars gehören zu den Ensembles, die sich schon mit der Musik des Mittelalters und der Renaissance befasst haben, als von dem Mittelalter-Boom der letzten Jahre weit und breit noch nichts zuspüren war. Der Entwicklung steht Peter positiv gegenüber:„Jeder sollte meiner Meinung nach machen, wozu er Lust hat, da ist es egal, ob 10 Dudelsäcke oder 10 E-Gitarren die Musik spielen. Es hat zwar lange gedauert, aber für uns ist der erfreuliche Effekt, dass man wieder unterscheidet zwischen so genannter Mittelaltermusik und mittelalterlicher Musik. Kurzzeitig hat die Gefahr bestanden, dass diese Begriffe verschmelzen und dass dann auf unsere Konzerte Leute kommen, die eigentlich gern 7 bis 8 Dudelsäcke hören wollen. Aber das ist dann doch nicht passiert, weil sich die Unterschiede herauskristallisiert haben. Für mich ist eins besonders interessant: Man hört immer wieder, es sei in der Musik seit den 70ern nichts Neues mehr entstanden. Das stimmt nicht, diese Mittelaltermusik ist wirklich eine neue Musikrichtung, die es vor 15 Jahren gar nicht gegeben hat.“

Und natürlich kennen Oni Wytars die Bands der ersten Stunde dieses Genres, wie Katharina bestätigt: „Corvus Corax – die kamen auf die Mittelaltermärkte, und alle haben nur mit offenem Mund rumgestanden, als sie mit ihren Riesendudelsäcken auf die Bühne kamen und auch noch ordentlich auf die Trommel gehauen haben.“

Und auch jetzt besteht laut Peter Kontakt zu den Kollegen: „Wir sehen uns hin und wieder bei manchen Gelegenheiten, wir sind alte Freunde.“

Katharina ergänzt: „Die rufen öfters mal an, auch mit dem Micha von In Extremo haben wir öfters Kontakt, wenn er mal wieder einen Text braucht. Michael Posch ist ja am Konservatorium in Wien und kommt an alles ran, sodass er Micha öfters mal Texte raussuchen muss. Ich finde es soll, wie sich das alles weiterentwickelt.“

Etwas skeptischer sieht man hingegen die heutige Umsetzung des Themas Mittelalter auf Märkten.

„Für mich sind die Mittelaltermärkte heute wenig mehr als Disney World“, meint Katharina, doch Peter differenziert im Hinblick auf die Entwicklung: „Man muss das schon unterscheiden. Die Leute, die damals damit angefangen haben, brachten sehr viel Idealismus mit, um der breiten Masse zu zeigen, wie man vor 500 oder 600 Jahren gelebt haben könnte. Was jetzt daraus geworden ist, ist eine ganz andere Geschichte, das Thema ist völlig kommerzialisiert worden. Trotzdem ist es auf jeden Fall eine kulturelle Bereicherung.“

Katharina bestätigt: „Anfangs haben sich die Leute wirklich informiert über die historischen Hintergründe, und aus diesen Anfängen hat sich auch das Interesse an der Musik entwickelt. Aber inzwischen würde ich sagen, dass auch die Musik zum Beispiel nicht mehr viel mit dem Mittelalter zu tun hat. Aber ich kann auch verstehen, dass man mit der Zeit gehen muss. Die Leute werden den ganzen Tagberieselt und überflutet mit Reizen, wenn die dann auf einen Markt gehen und da sitzt jemand mit einer Fidel und rezitiert 360 Troubadour-Texte – das würde niemanden mehr interessieren. Das ist nun mal die Entwicklung der letzten 10 Jahre; die Leute brauchen einfach Power und Action, die wollen Spaß haben und dass was passiert, und so sind die heutigen Mittelaltermärkte entstanden.“ 

Zurück aber zu Oni Wytars und insbesondere dem umfangreichen und vermeintlich exotischen Instrumentarium, das die Formation verwendet.

„Der besondere Reiz an diesen Instrumenten für uns liegt darin, dass wir unsere Stücke lieber auf Originalinstrumenten spielen als zum Beispiel auf denen eines Sinfonieorchesters“, erklärt Peter und fügt hinzu: „Und so exotisch sind unsere Instrumente gar nicht. Im Prinzip sind das die Instrumente, aus denen die meisten unserer europäischen Instrumente einmal entstanden sind. Die sollten also eigentlich überhaupt nicht exotisch sein, sondern vielmehr müsste es vielleicht für einen arabischen Musiker exotisch erscheinen, was aus den Instrumenten seines Kulturkreises geworden ist. Natürlich klingen diese Instrumente sicherlich für europäische Hörgewohnheiten exotisch, weil sie aus einer anderen Musiktradition stammen. Uns reizen auch die Klangmöglichkeiten, die auf europäischen Instrumentenschwer möglich sind, weil diese einfach anders funktionieren, in der westlichen Tradition weiterentwickelt worden sind und gewisse Dinge dadurch einfach verloren gegangen sind.“

Mit über 20 Jahren Banderfahrung bleiben natürlich auch Highlights nicht aus, an die man sich gern erinnert, wie Katharina bestätigt: „Einmal kam nach einem Konzert eine 87-jährige Frau zu uns, die sagte, dass sie vor dem Konzert noch habe sterben wollen und jetzt überlege, ob sie noch einen Computerkurs anfangen solle! Toll war auch die Carmina Burana mit Orchester. Das Orchester hat die Fassung von Carl Orff gespielt, also großes Orchester, und wir standen davor mit 8 Leuten – das war wirklich irre!“

Peter ergänzt: „Die Leute haben gar nicht gewusst, was da passiert. Viele im Publikum haben gedacht, die Carmina Burana seien wirklich von Carl Orff. Und da haben die plötzlich etwas ganz anderes zuhören bekommen, das wir im Wechsel mit dem Orchester gespielt haben.“

Neben der Arbeit als Musiker geben die Mitglieder von Oni Wytars auch Musikkurse, unter anderem auf Burg Fürsteneck.

„Dort begann es so, dass man uns fragte, ob wir alle zusammen verschiedene Workshops machen wollten, die auf ein bestimmtes Thema abzielen, zum Beispiel Pilgermusik“, erzählt Peter, „und zu diesem gewählten Thema macht der eine einen Blockflötenworkshop, der nächste einen Ensemblekurs, der eine macht Streichinstrumente, Katharina die Percussion. Das ist eine schöne Sache, die seit 4 oder 5 Jahren so läuft. Und auf die Burg Fürsteneck kommen vor allem junge Leute, Studenten verschiedener Musikhochschulen, aber auch Musiklehrer und Musiktherapeuten, die entweder nur oberflächlich etwas wissen und ein bisschen Musik machen wollen oder aber sich perfektionieren wollen. Interessant ist für uns vor allem, dass wir so auch mit Leuten in Kontakt kommen, die wir sonst gar nicht erreichen würden.“

Und wer sich von Oni Wytars erreichen lassen und in ihre facettenreiche musikalische Welt eintauchen möchte, dem sei zum Abschluss ein Konzertbesuch empfohlen.

Petra Lindner / Hermann Kurz