Manchmal muß man ein bißchen nachhelfen, um seine Ziele zu erreichen – und genau das taten die Musikanten der Bonner Formation Die Irrlichter. Sie wußten, daß sie Roland Kempen von den Streunern als Produzenten für ihre CD haben wollten; sie wußten ebenso, daß dieser Herr auf Burg Satzvey weilen würde. Und so nutzten sie die Gelegenheit, gingen, mit ihren Instrumenten bewaffnet, auf den Markt, und als es für den Auserwählten kein Entkommen gab, da er im Badezuber saß, spielten sie vor ihm auf. Überzeugend genug, denn die jungen Damen und ein Herr erreichten ihr Ziel und gewannen Roland Kempen als Produzenten.

  Die Wurzeln der Irrlichter liegen in der LARP-Szene, denn alle Bandmitglieder sind überzeugte LARPer und dieser Szene noch immer treu.

Brigitta Karin erzählt dazu: „Wir machen alle selber gern Rollenspiele. Wir wollen nicht auf ein LARP fahren, um da ein Konzert zu geben. Wenn, dann gehen wir als Spielleute hin und spielen auf. Und im LARP fehlen richtige Bands. Dort gibt es viele Einzelbarden von ganz toll bis ganz schlecht, aber es gibt kaum bekanntere Bands, die auf LARPs kommen, weil man dort fast kein Geld verdienen kann.“

Auch auf Märkten und Veranstaltungen wie Banketten sind die Irrlichter präsent, doch ihr Publikum sieht Brigitta eindeutig im LARP-Bereich, denn: „Das sind die Leute, die uns eigentlich hören wollen, nicht unbedingt der Touri Vulgaris, der einmal im Jahr auf einen Mittelaltermarkt geht.“

  Die Musikanten sind noch jung, doch sie wissen bereits genau, was sie wollen und wo sie sich positionieren.

„Ich würde unsere Musik als selbstgemachten Folk auf Fantasy-Basis mit mittelalterlichen Elementen bezeichnen“, sagt Brigitta. „Die Mittelalterszene ist im Prinzip eine Fantasy-Szene. Einige von uns studieren Fächer, die viel mit dem Mittelalter zu tun haben, und je mehr man darüber weiß, desto mehr muß man sich von der Vorstellung distanzieren, daß auf einem Mittelaltermarkt tatsächlich das Mittelalter dargestellt wird. Die Musik, von der man glaubt, daß sie authentisch ist, ist inzwischen so bekannt, daß sie jeder immer spielt. Für uns war das der Grund zu sagen: Wir machen unsere eigenen Sachen, wir spielen unsere eigenen Lieder, dann müssen wir mit niemandem eine Diskussion darüber anfangen, ob es authentisch ist oder nicht. Wir können unser eigenes Ding machen, es gefällt den Leuten, und wir müssen nicht den dreiundzwanzigsten Abklatsch von ‚Tourdion’ spielen.“

  Ihr Instrumentarium setzt sich zusammen aus Flöten, Geigen, Lauten und Gitarren. Keine Dudelsäcke?

Brigitta verneint: „Wir kommen musikalisch aus einer anderen Richtung, eben mehr aus dem Folk-Bereich; wir haben auch schon irische Straßenmusik gemacht. Dudelsäcke sind sehr schön und sehr rockig, aber auch sehr penetrant. Wir sind nun einmal keine großen starken Kerle, die Spielleute des Todes sein wollen;  und wir haben keinen lateinischen Namen, in denen mindestens ein X vorkommt. Das gibt es schon so oft, man muß man wirklich sehr gut sein, um tatsächlich etwas Neues zu bringen. Außerdem sind wir außer Christoph allesamt keine Sackspieler. In dieser Nische zwischen dem klassischen Minnesang und dem krachenden Dudelsack-Spiel fehlte einfach noch was Lebendiges.“

  Die Inspirationen zu Musik und Texten stammen aus den unterschiedlichsten Quellen. So befindet sich mit „Der Fischer“ die Vertonung eines Goethe-Gedichts auf dem aktuellen Album „Elfenhain“. Hierzu Brigitta: „Ich finde, dieses Gedicht ist eine sehr schöne Umsetzung der Nymphenmythologie, deshalb habe ich mich für diesen Text entschieden. Die Melodie zu diesem Lied habe ich selbst geschrieben.“

Auf LARPs besonders gern gehört und gesungen ist das Stück „Roter Mond“, dessen sich die Irrlichter gleichfalls angenommen haben. „Das ist ein Lied, das fast jeder kennt, ein Lied, das abends am Lagerfeuer gern gesungen wird, von dem es aber nicht allzu viele Aufnahmen gibt. Wir hatten noch nie eine Version, die wirklich schön war und die man sich  gut anhören konnte. Gerade wenn man von einer Con nach Hause fährt, möchte man irgend etwas von der Atmosphäre behalten und mitnehmen. Und ‚Roter Mond’ ist eins von den Liedern, das sehr nah an den Leuten dran ist, weil es eben fast jeder kennt. Uns ist schon oft gesagt worden: Nehmt doch das Lied mal auf.“

  Auch vor Trinkliedern und Zoten scheuen die Irrlichter nicht zurück – und so gibt es mit „Schenkt voll ein“ und „Der rechte Mann“ zwei Stücke, die sich auch solcher Themen annehmen.

„Es fehlten einfach Frauen-Zoten“, meint Brigitta, und ihre Kollegin Ulrike ergänzt: „Die Entstehung von ‚Der rechte Mann’ ist so eine LARP-Geschichte. Es gibt ein bekanntes Lied mit dem Titel ‚Adele’, das wird standardmäßig immer von einem Kerl gesungen. Es heißt darin ‚Ich liebte einst ein schönes Mägdelein’, und das wollten immer alle von uns hören, was uns nun doch ein bißchen befremdet hat. Und so haben wir unsere eigene Zote geschrieben.“

Brigitta fügt hinzu: „Das ist jetzt kein feministischer Kram oder so, halt ein bißchen Augenzwinkern, Spaß haben – Spielfrauen sind ja auch immer ein wenig verrucht.“

Und wie nimmt das Publikum ein solches Lied auf?

Brigitta: „Es kommt drauf an. Wenn es richtig laut ist, ist es schon passiert, daß die Leute den Text gar nicht richtig verstanden haben, was wir sehr bedenklich fanden. Aber es kommt eigentlich sehr gut an. Die Frauen denken sich ‚Juchhei, endlich mal Frauen, die so etwas singen.’ Die Männer denken wohl eher: ‚Huch? Frauen, die über Sex singen? Das ist ja spannend!’“

Können sich die Irrlichter denn vorstellen, daß die Damenwelt des Mittelalters keineswegs so brav und züchtig war, wie es manche Darstellung glauben machen will?

„Die kulturelle Situation war sicher eine andere“, sagt Brigitta. „Und die Kirche hat in den Menschen andere Vorstellungen geweckt, und andere Dinge werden wichtig gewesen sein. Aber letztendlich waren es auch Menschen, und da kann man Sex nie rausrechnen, und auch nicht bei den Frauen. Daß es da wirklich Wesen gab, die den ganzen Tag über in ihrem Turm gesessen und nur gestickt haben, halte ich nicht für sehr wahrscheinlich.“

In eine ähnliche Richtung wie „Der rechte Mann“ geht auch das traditionelle Stück „Les Filles Des Forges“.

„Wir fanden die Geschichte sehr lustig. Diese Töchter der Schmiede (Les Filles Des Forges, Anm. d. Verf.) gehen beichten, und der Priester fragt: Na, Mädels, was habt ihr denn zu beichten? Und die Mädels antworten: Na ja … wir waren auf den Bällen, und da waren schöne junge Männer … Wir spielen das Lied unheimlich gern; ich mag vor allem dieses Zwiegespräch zwischen dem Priester und den Mädchen, bei dem sich herausstellt, daß der Priester noch viel unsittlicher ist als die Mädels, weil er sagt: Ich gebe euch die Absolution, ihr müßt euch nur ein bißchen auf meinen Schoß setzen. Die Mädels wehren ab, weil sie ja hübsche junge Männer wollen, und dann kommt der Priester aus dem Beichtstuhl und sagt: Na ja, ich bin nicht nur ein Priester, ich bin auch ein hübscher junger Mann. Dieses Hin und Her fanden wir einfach sehr nett. Es ist auch irgendwie wieder ein Folk-Lied, aber aus einer ganz anderen Richtung.“

Das Trinklied „Schenkt voll ein“ wiederum klingt so, als sei bei den Aufnahmen tatsächlich voll eingeschenkt worden.

Brigitta bestätigt: „Wir haben das Lied sozusagen live geschrieben. Wir brauchten ein Trinklied, haben uns getroffen und uns total die Kante gegeben – einer mußte allerdings nüchtern bleiben und aufschreiben, was wir da alles so gesagt haben, und daraus haben wir hinterher die schönsten Sachen zusammengestellt. Die Melodie hatte ich vorher schon irgendwann einmal geschrieben, die Grundidee zu dem Lied stand also, und so ist das dann entstanden. Im Studio haben wir dann natürlich auch sehr viel Spaß gehabt.“ Die Musikerin betont, daß man zwar ein Trinklied habe, dessen Text aber auf der Bühne keinesfalls ausleben wolle. „Wir achten schon darauf, daß wir vor und während eines Auftritts nichts trinken. Hinterher, am Lagerfeuer, sehr gern, aber nicht während eines Auftritts. Alles andere finde ich auch nicht korrekt. Egal, wie viel Spaß man hat, egal, wie sehr man Künstler ist, es ist irgendwo auch ein Job, und ich finde, da muß man seine Sinne beieinander haben.“

  Die Verbundenheit der Band zur LARP-Szene drückt sich auch darin aus, daß die Irrlichter immer mal wieder Stücke speziell für Rollenspiele schreiben.

„In unserem Lied ‚Cantum Corvi’ gibt es den Satz ‚Corvus sum bellorum’, der immer wiederholt wird. Er bezieht sich auf eine Gruppe von Re-Enactors, die Kriegsraben, mit denen wir viel herumziehen. Wir kennen diese Gruppe schon sehr lange, noch aus der Zeit, als wir völlig unbekannt waren, und irgendwann dachten wir uns, wir müßten einmal ein Lied auf die schreiben. Einer aus der Gruppe hatte diesen Text, wir fanden ihn total toll und haben ihn sofort vertont.“

Die Resonanz ihres LARP-Publikums ist den Irrlichtern sehr wichtig, und wenn Rollenspieler Ideen zu Musikstücken an sie herantragen, sind sie gewillt, sich dieser Ideen anzunehmen.

„Die Spielleute früherer Zeiten waren auch Auftragsarbeiter. Wir könnten natürlich einfach die Lieder suchen und spielen, die es schon gibt. Wir glauben aber, daß die Leute auch früher bestimmte Anforderungen an Spielleute hatten, daß sie bestimmte Sachen hören wollten, und so machen wir das auch. Wenn jemand eine gute Geschichte, eine gute Idee hat und wir ein bißchen Zeit haben und uns was dazu einfällt, dann schreiben wir auch gern Lieder für LARPs. Die Leute freuen sich riesig, daß sie auf irgendeiner CD mit angesprochen werden, sie freuen sich, daß man sie einbezieht, denn gerade auf einer Con hat man einen sehr persönlichen Kontakt zu den Leuten. Wer ein Lied über seinen Charakter bekommt, ist einfach glücklich.

Insbesondere Rollenspieler sind sehr, sehr kreative Leute. Viele haben ein so ungeheures Potential und Ideen, da kommt man gar nicht drauf. Und das aufzunehmen und daraus Lieder zu machen, ist ja auch so ein bißchen moderne Volksmusik. Es ist nicht so, daß wir die abgehobenen Künstler in unserem Stübchen sind, unsere Lieder schreiben und die dann zu den Leuten bringen. Die Leute kommen zu uns, und da passiert was. Da hat man mehr Kommunikation, und wir als Band haben dann auch mehr davon, als wenn man auf der Bühne steht, mit zwei Metern Abstand vom Publikum und am besten noch zwei Bodyguards.“

  Mit den unterschiedlichen Sprachen ihrer Lieder haben die Irrlichter wenig Probleme, sondern decken bandintern ein breites Spektrum ab und holen sich, wenn nötig, Unterstützung von außen: „Nicht alle beherrschen alle Sprachen. Anna ist ganz gut in Latein, Steffi war auf einem französischen Gymnasium, Ulrike und ich können beide Schwedisch, und in Skandinavistik mache ich noch Isländisch und Alt-Nordisch“, erzählt Brigitta. „Anna beherrscht auch Spanisch, Christoph ist sehr gut in Englisch – obwohl wir das eigentlich alle gut können. Wir haben uns für ‚Sigurd Store’ zwei gebürtige Schweden ins Studio eingeladen, die mitgehört und dann gesagt haben: Ja, das kann man sich auch in Schweden anhören. Es gibt da schon auf dem Markt so einige Faux Pas. Wenn man die Sprache beherrscht, bekommt man schon mal übel Gänsehaut, wenn man das dann hört. Wir haben uns bemüht, das nicht ganz so zu machen. Natürlich hört man den deutschen Akzent, aber es soll schon so sein, daß es die echte Sprache sein soll und nicht nach dem Motto: Wir singen mal was Exotisches. Man soll es auch verstehen können. Das gilt natürlich auch für die deutschen Lieder, deren Texte sollen auch verständlich sein. Wir haben auch ein rumänisches Lied, das wir sehr oft live spielen, da haben wir uns nicht getraut, das auf die CD zu bringen. Wir dachten uns, nee, so gut sitzt das nicht. Auch wenn schon nach einem Auftritt Rumänen gekommen sind, die gesagt haben: He, das war gut, du hast zwar Zeile zwei und drei vertauscht, aber macht ja nichts.“

  Auf hinlänglich bekanntes Liedgut zurückzugreifen, ist den Irrlichtern zu wenig, auch wenn neben den Eigenkompositionen auch traditionelle Lieder im Programm sind. „Man gräbt ein bißchen, man guckt nach Noten. Wir sind alle sehr reiselustig und öfter im Ausland und schauen da, was es für Einflüsse gibt. Dieses ‚Sigurd Store’ ist von einem schwedischen Freund, der auch Mittelaltermusik schreibt und uns dieses Lied vermacht hat, weil wir es so toll fanden. Aber generell wollen wir schon etwas Eigenes machen und nicht etwas, was die Leute schon zehnmal haben. Wie bei ‚Roter Mond’ zum Beispiel: Das wollen so viele Leute, da gibt es dieses Bedürfnis, daß man irgendwann dieses Lied aufnimmt. Aber bei uns soll es schon eine Mischung aus eigenen und alten Liedern geben. Es gibt schöne alte Lieder, die auch nicht jeder spielt, und die muß man eben finden.“

  Dem LARP sind die Irrlichter verbunden, wissen aber sehr wohl zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden: „LARPs sind eine Phantasie-Welt. Was wir darstellen, gab es ja niemals in dieser Form. Deshalb könnte man auch nur schwer sagen, daß man in einer solchen Welt würde leben wollen. Und heute hat man sehr viele andere Möglichkeiten als früher. Ich denke, wir mögen den romantischen Aspekt an der Sache sehr gern, dazu hat jeder einen Hang, aber trotzdem stehen wir im Hier und Jetzt. Ich glaube, es ist wichtig, daß man sich nicht in der Szene verliert. Daß man immer noch sieht, das ist eine Szene, ich liebe diese Szene, aber es ist nicht mein ganzes Leben, neben dem es nichts anderes mehr gibt.“

  Hat eine junge Band, die am Anfang ihrer Karriere steht, auch Vorbilder?

„Das ist schwierig zu sagen für die ganze Band“, meint Brigitta. „Eigentlich wollten wir aber immer unser eigenes Ding machen. Wir hören alle viel Musik, wir hören unterschiedliche Musik, wir machen auch alle noch woanders Musik.“

  Die Bandmitglieder studieren allesamt noch, doch bislang lassen sich Band und Studium noch vereinbaren, und manchmal bleibt dann auch noch ein wenig Zeit für andere musikalische Aktivitäten.

„Zeitprobleme gibt es schon“, gibt Brigitta zu und fährt fort: „Aber Irrlichter haben Priorität. Was dazu paßt, ist gut, was nicht paßt, fliegt halt raus. Das ist dann zwar schade, aber es geht schon. Mit dem Studium muß man halt gucken. Während so einer CD-Produktion ist es schon hart, das alles gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen, aber es klappt. Und für die Zukunft will ich mich nicht festlegen. Es ist schwer zu sagen, wie sich der Markt, wie sich die Szene entwickelt. Wir haben alle unser Herz in der Musik; wir haben aber auch so viel Erfolg im Studium, daß es dumm wäre zu sagen, daß wir jetzt mal einen akademischen Titel nur so zum Spaß machen.“

  Gibt es denn Pläne, sich irgendwann personell zu verstärken?

„Wir suchen noch einen jungen, gut aussehenden, sehr talentierten Geigenspieler“, sagt Brigitta augenzwinkernd. „Uns fehlt im Moment die zweite Geige, aber ansonsten sind wir komplett und wollen auch so bleiben. Wir sind ein gutes, eingespieltes Team, wir sind nicht nur zusammen Musiker, sondern auch privat gut befreundet. Gerade, wenn man viele starke Persönlichkeiten mindestens einmal pro Woche in einen Raum setzt und die auch noch kreative Sachen tun müssen, dann ist schon ein Konfliktpotential da, so daß man wirklich die richtigen Leute haben muß, damit das nicht sofort auseinander geht.“

  Auf die Frage nach dem beeindruckendsten Konzerterlebnis gibt Brigitta eine überraschende Antwort: „Das war unser schlechtester Auftritt. Es war furchtbar. Anna, unsere Hauptsängerin, war krank, konnte nicht singen, hatte Sprechverbot. Ich hatte eine Hand gebrochen und konnte nicht Gitarre spielen. Ich habe eine Woche vorher notdürftig versucht, Anna die Lieder auf Gitarre beizubringen. Wir waren alle ganz schlecht gelaunt, es war einfach grottig. Wir waren nie so schlecht wie da, und die Leute haben uns geliebt und abgefeiert, es war einfach spaßig, das werde ich nie vergessen.“

  www.die-irrlichter.de

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