Zehn Jahre – in der heutigen Zeit, in der sich die Halbwertzeit von Musik nach der wankelmütigen Gunst der sprunghaften Hörerschaft bemisst, beinahe schon eine Ewigkeit. Zehn Jahre, in denen Bands, Stars und Sternchen auf der Welle des Erfolgs emporgespült wurden und ebenso schnell wieder in der Versenkung verschwanden.

Doch es gibt auch andere, die beharrlich ihren Weg gehen, sich weder von wachsender Bekanntheit noch Kritik aus der Bahn werfen lassen und denen der Erfolg letztendlich immer wieder recht gibt.

In Extremo sind eine solche Band. Mitte der 90er Jahre begann ihre Karriere mit Straßenmusik und Mittelaltermärkten, heute spielen sie vor Tausenden von Zuschauern und auf den ganz großen Festivals – ohne jedoch den Bezug zu ihren Wurzeln und zu ihren Fans verloren zu haben.

Zehn Jahre – Anlass genug, ein Best-of-Album zu veröffentlichen und die bisherige Karriere der Band noch einmal Revue passieren zu lassen.

„Kein Blick zurück“ lautet der Titel dieses Albums, das neben der regulären CD in der Special Edition auch noch eine Bonus-CD enthalten wird, für die namhafte Künstler, darunter Götz Alsmann, Grave Digger oder Ougenweide, In-Extremo-Stücke ihren eigenen Stempel aufgedrückt haben.

„Kein Blick zurück“ – das klingt ein wenig widersprüchlich, tut das Album doch genau den Blick in die Vergangenheit der Band.

Sänger Michael Rhein jedoch widerspricht: „Ich finde das überhaupt nicht widersprüchlich, die Übersetzung dieses Titels lautet: Wir haben nichts von dem bereut, was wir in diesen zehn Jahren gemacht haben.“

Nichts bereut bis auf eins, wie er hinzufügt: „Wir würden alles wieder so machen wie in diesen vergangenen zehn Jahren, das Einzige, was wir bereuen, ist die Bindung, die wir mit unserer ersten Plattenfirma eingegangen sind. Dazu stehen wir, das ist das Einzige, was wir tatsächlich bereuen.“

In Extremo sind immer fannah gewesen, und so war es selbstverständlich, die Fans auch an der Auswahl der Titel zu beteiligen, die Eingang finden sollten auf die Best-of-CD.

„Wir haben auf unserer Internetseite eine Abstimmung gemacht“, erzählt Micha, „und zu 95 Prozent haben wir uns auch an die Wünsche der Fans gehalten.“

Und obwohl gerade in den letzten Jahren die Fangemeinde sprunghaft angestiegen ist, wurden viele ältere Stücke wie „Spielmannsfluch“, „Hiemali Tempore“ oder „Villeman og Magnhild“ gewählt.

„Zeitgleich mit der Veröffentlichung des Albums werden ‚Villeman’ und ‚Vänner och Frände’ auf unserer Internetseite zum Download freigegeben“, fährt Micha fort, „alles hat halt nicht auf die CD gepasst bei insgesamt 15 Stücken. Jedem kann man es ohnehin nicht recht machen, sicher wird es wieder Leute geben, die jammern, warum dies oder jenes nicht dabei ist.“

Einen Teil der Lieder haben In Extremo für die CD noch einmal neu eingespielt, denn: „Die beiden ersten Alben waren vom Sound her schlecht, vergleicht man sie mit heutigen Standards. Es liegen ja auch immerhin schon ein paar Jahre dazwischen – was aber nichts daran ändert, dass es trotzdem Kultalben sind. Wir wollten alle Stücke auf die CD so pressen, dass die Qualität die gleiche ist. Deshalb haben wir keine Kosten und Mühen gescheut, um das alles einfach komplett neu einzuspielen.“

Micha bekräftigt, dass die Band Freude hatte, sich des alten Materials noch einmal neu anzunehmen: „Das hat einfach Spaß gemacht. Den ‚Spielmannsfluch’ haben wir so eingespielt, wie wir ihn auch live spielen. Und ‚Rotes Haar’, das haben wir ewig nicht gespielt, das hat einfach riesigen Spaß gemacht.“

Und natürlich wird es auf der anstehenden, fast schon traditionellen Wintertournee auch das eine oder andere lang nicht gespielte alte Stück zu hören geben.

„Das wird sicherlich einige Leute freuen“, lacht Micha.

Zusätzlich zu den 13 von den Fans ausgesuchten Liedern bisheriger Veröffentlichungen haben In Extremo zwei neue Lieder für das Album eingespielt: „Typisch In Extremo und doch anders“, wie Micha erklärt. „Das eine, ‚Alte Liebe’ ist, wie der Name ja schon fast sagt, eine Liebesballade, und das andere, ‚Kein Sturm hält uns zurück’, ist unser persönlicher Rückblick auf zehn Jahre In Extremo.“

Diese beiden Stücke werden möglicherweise auch auf dem nächsten regulären Studioalbum von In Extremo erscheinen, doch wann das das Licht der Welt erblicken wird, kann Micha noch nicht sagen: „Das steht alles noch in den Sternen, das ist ein ungelegtes Ei.“

Sehnsucht oder Wehmut nach den alten Zeiten mit Straßenmusik und Mittelaltermärkten verspüren die Musiker nicht, auch wenn sie sich jetzt wieder verstärkt mit dem alten Material beschäftigt haben: „Das ist einfach die Geschichte und die Entwicklung der Band, die man sowieso im Hinterkopf hat. Das ist eine Zeit, die sehr schön war, aber auf alle Fälle abgeschlossen ist. Natürlich – Straßenmusik wird immer mal wieder passieren zwischendurch.“

Auf der Bonus-CD haben sich sieben sehr unterschiedliche Künstler beziehungsweise Bands der Musik von In Extremo angenommen und ihre eigene Interpretation unter anderem von „Die Gier“, „Nur ihr allein“, „Ave Maria“ oder „Merseburger Zaubersprüche“ umgesetzt.

„Es war ein Freundschaftsdienst, um den wir gebeten haben“, sagt Micha, „und der sich einfach im Laufe der Jahre so herauskristallisiert hat. Das lief nicht nach dem Motto: So, jetzt machst du mal das oder das, damit wir weiterkommen – das war definitiv nicht der Fall. Ich hätte auch ein Duett mitsingen können, zum Beispiel bei Silbermond, das wäre jederzeit möglich gewesen. Aber das war ihr Part und fertig.“

Vorgaben oder bestimmte Kriterien, wie mit den Stücken verfahren werden sollte, gab es von In Extremo nicht: „Jeder konnte sich ein Stück von uns aussuchen, damit arbeiten und tun und lassen, was sie wollten“, beschreibt Micha die Herangehensweise der Musikerkollegen an die Coverversionen.

Und er ist zufrieden mit dem Ergebnis: „Das ist so quer durchs Gemüsebeet. Götz Alsmann zum Beispiel hat einen kubanischen Cha-Cha-Cha abgeliefert, da möchte man am liebsten an der Bar einen Drink mixen. Das ist schon klasse geworden. Wir selbst haben auch ein Stück gecovert, ich habe den ‚Spielmann’ mit Vince gemacht, nur Stimme und Klavier, das ist etwas, das ich schon immer einmal machen wollte. Und das ist einfach geil geworden.“

Auch die Urgesteine mittelalterlicher Musik in Deutschland, Ougenweide, konnten In Extremo für eine Coverversion der „Merseburger Zaubersprüche“ gewinnen – ein Stück, von dem wohl nur die wenigsten wissen dürften, dass die Melodie dazu nicht aus dem Mittelalter stammt, sondern Ougenweide in den 70er Jahren die Merseburger Zaubersprüche zum ersten Mal vertont haben.

„Viele Mittelalterbands denken, dass es sich um eine Melodie aus dem Mittelalter handelt“, sagt Micha, „und wissen eben nicht, dass Ougenweide diejenigen waren, die die Texte vertont haben. Es ist eine Art Geschichtsverfälschung durch mittelalterliche Bands, die sich nicht richtig mit der Thematik befassen. Wir wussten, dass die Melodie auf Ougenweide zurückgeht und haben damals aus diesem Grund unsere eigene Melodie zu den Zaubersprüchen geschrieben – und das ist natürlich die, die Ougenweide jetzt gecovert haben.“

Entschieden fügt er hinzu: „Um das mal klarzustellen – es hat keiner die mittelalterliche Musik erfunden. Viele behaupten, sie hätten dies und das erfunden, hätten selbst den Dudelsackbau erfunden. Das ist alles Quatsch, es ist alles schon mal da gewesen, das beweisen ja zum Beispiel eben Ougenweide, die schon in den 70ern aktiv waren. Und das war der Ursprung, als in Deutschland mit mittelalterlicher Musik ein Versuch gestartet wurde.“

Inspirationen haben In Extremo aus der Musik von Ougenweide nicht unbedingt gezogen, vielmehr, wie Micha sagt, bringen sie der Formation Respekt entgegen, und er freut sich, dass sie es geschafft haben, die Originalbesetzung bis auf eine Person für die Coverversion der „Merseburger Zaubersprüche“ ins Studio zu bringen.

Drei bis vier Wochen hat die Arbeit an dem Best-of-Album gedauert: „Da waren zum einen unsere eigenen Neueinspielungen, aber die anderen Bands, bis auf Ougenweide, haben auch bei uns im Studio in der Nähe von Münster aufgenommen – dort, wo wir unsere letzten Alben produziert haben. Das kostet natürlich Zeit, jede Band muss sich neu einrichten.“

Die Zusammenarbeit mit all den verschiedenen Künstlern hat Spaß gemacht, wie Micha bestätigt: „Jede Band hat einen eigenen Charakter, besteht aus verschiedenen Personen, es war klasse, es hat sich zum Schluss so richtig gut zusammengefügt.“

Mit „Kein Blick zurück“ geben In Extremo einen umfassenden Überblick über ihre Bandgeschichte, doch es war, wie Micha betont, der Band auch ein besonderes Anliegen, die beiden ersten längst vergriffenen akustischen Alben, „Hameln“ und die „Goldene“, noch einmal zu veröffentlichen und den Fans zugänglich zu machen.

„Letztendlich waren es CDs, die wir unserer damaligen Plattenfirma dummerweise geschenkt hatten, und wir haben unsere eigenen Rechte, unsere eigene Musik zurückgekauft. Wir haben das gemacht, damit die Musik nicht untergeht. Für die Wiederveröffentlichung haben wir noch ein paar spezielle Sachen mit draufgepackt. Nach acht Jahren gehören die Stücke jetzt wieder uns, die Neuauflage ist unsere eigene Sache, und wir sind auch sehr froh darüber.“ Und der In-Extremo-Sänger bestätigt, dass auch diese Alben nach wie vor gut bei den Fans ankommen: „Die Resonanz ist noch immer sehr positiv. Zwischen uns und unseren Fans besteht immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“

Der Terminkalender der Band ist bereits wieder gut gefüllt, nach der Wintertour geht es im kommenden Jahr ins Ausland: „Im Januar und Februar sind wir in Mexiko, Chile, Brasilien und Argentinien“, verrät Micha, „dann geht es zwei Wochen nach Spanien und Frankreich, danach nach Russland. Und dann wird man weitersehen. Sicherlich werden wir auch wieder Festivals spielen und vielleicht anfangen, an dem neuen Album zu arbeiten. Aber wann das rauskommen wird, steht, wie gesagt, noch in den Sternen.“

Beim Konzert in Köln auf der kommenden Tour wird es womöglich noch einen ganz speziellen Rückblick in die Bandgeschichte geben, wie Micha erzählt: „Wahrscheinlich wird Conny, die rote Füchsin, die damals Gründungsmitglied bei In Extremo war, für einige Stücke mit von der Partie sein. Nach zehn Jahren muss man so etwas einfach mal machen. Conny ist noch immer eine sehr gute Freundin, und ich denke, dass sie auch kommen wird.“

Und Michas persönliches Fazit zu zehn Jahren mit In Extremo: „Ich bin froh, dass es noch immer so ist!“

Also auf in die nächsten zehn Jahre? „Wer weiß? Das ist natürlich eine lange Zeit, aber man soll niemals nie sagen – mal sehen, was noch so passiert. Wir sind da für alles offen.“

 

Petra Lindner