Zweifellos war sie ein absoluter Höhepunkt, nicht nur im abgelaufenen Musikjahr 2005, sondern auch für die Musiker von Corvus Corax – die Live-Umsetzung von ‚Cantus Buranus’ auf der Berliner Museumsinsel am 20. und 21. August. Und wie es sich für ein solches Spektakel gehört, wurde es auf DVD gebannt, um es unvergänglich zu machen.

Castus Rabensang beschreibt die Gefühle der Band angesichts des fertigen Werkes: „Als wir auf der Corvus-Corax-Tour ganz entspannt dasaßen, als wir alles gesehen, den Sound gehört, die Bilder dazu gesehen hatten, hat zwar keiner von uns hat geweint, aber ergriffen waren wir schon.“

Corvus Corax legen stets Wert darauf, die vollständige Kontrolle über ihre Arbeit zu haben, und so war es auch mit dieser DVD, wie Castus erklärt: „Wir haben seit Jahren an diesem Werk gearbeitet, im Studio, an der Live-Aufführung, wir haben den Dolby-Surround-Mix gemacht. Und bei der DVD waren wir im Cutterstudio dabei und haben darauf geachtet, dass das Bild auch zur Musik passt. Die Musik ist ja das, was wichtig ist. Man kann sehr viel verfälschen durch den Bildschnitt, aber ich glaube, den Schnitt haben wir ganz gut hinbekommen. Das war natürlich eine Wahnsinnsarbeit, denn man sieht letztendlich immer nur noch Ausschnitte und Teile. Wir haben eine Abnahme gemacht, bei der wir alles am Stück gesehen haben. Aber man hat noch gar nicht begriffen, was das war, denn das war noch so ein heruntergerechneter, relativ schlechter Mix, ebenso waren die Bilder heruntergerechnet. Das sind extrem große Datenmengen, die man immer wieder komprimieren musste.“

Die letztendliche Entscheidung über das fertige Produkt lag einmal mehr bei den Musikern: „Es ist unser Werk. Theoretisch hätte die Plattenfirma sagen können, dass sie noch Änderungen wünscht, aber sie war so sehr zufrieden.“

Es ist nicht die erste DVD, die Corvus Corax produziert haben, doch ‚Cantus Buranus’ ist für die Musiker etwas ganz Besonderes.

„Man spürt natürlich schon, dass man gefilmt wird“, sagt Castus auf die Frage, ob die Anwesenheit der Kameras die Aktionen der Band auf der Bühne beeinflusst hat, „aber ganz bewusst haben wir versucht, den Schalter so umzulegen, dass es uns nicht beeinflusst. Es ging uns ja auch darum, dass dieses Werk gefilmt wird. Keiner von uns hat in die Kamera gewunken und die Mutter gegrüßt. Die war ja auch vor Ort“, fügt er lachend hinzu.

„Wir hatten alles mit den Leuten abgesprochen, so dass uns die Kameras auch nicht im Wege waren. Wir hatten uns Profis rangeholt, und wir haben ihnen erklärt, was wo möglich ist. Wochen vorher wurde alles vorbereitet, und es war klar, was technisch und musikalisch machbar und was nicht.“

Bereitwillig gibt Castus zu, dass die Aufführung von ‚Cantus Buranus’ und die Aufnahme der DVD etwas ganz Spezielles im Leben der Musiker waren, das sie stark beeinflusst hat: „Das kann man nicht richtig in Worte fassen. Ich habe nur gemerkt, dass ich zum Beispiel bei der Dokumentation sehr angespannt bin. Das hatte aber nichts mit der Kamera zu tun, sondern mit der Situation an sich. Es war vor der Aufführung, und ich hatte in der Nacht zuvor nicht geschlafen. Es war ein sehr wichtiger Tag in meinem Leben, und das merkt man mir auch an. Normalerweise bin ich ein alter Hase, der nicht mit einem großen Lampenfieber auf die Bühne geht. Aber an dem Abend waren wir alle so aufgeregt! Man genießt es im Nachhinein. An dem Freitag nach der ersten Aufführung –  wir hatten einen guten Ton gehabt, wir hatten gute Bilder im Kasten – da gab es dann eine kleine Aftershow-Party der Plattenfirma, und da waren wir alle weich. Alle Verhärtungen waren weg.“

Auch auf die optische Gestaltung der DVD hatten die Musiker Einfluss: „Die Firma, die die Gestaltung übernommen hat, hat uns Angebote gemacht, und wir haben erklärt, wie wir es wollen. Sie haben uns Sachen gezeigt, und es war eine wunderbare Arbeit. Wir hätten uns natürlich noch viel mehr einmischen können, aber man muss auch aufpassen, dass man nicht betriebsblind wird. Leuten von außen, die das ihr ganzes Leben machen, kann man vertrauen. Mit denen würden wir auch wieder zusammenarbeiten.“

 

Bei aller Zufriedenheit mit der fertigen DVD zeigt sich Castus dennoch selbstkritisch: „Als wir geschnitten haben, ist uns aufgefallen, dass es immer noch hätte besser werden können. Das müssen wir uns dann fürs nächste Mal merken. Viele meinen natürlich: Noch besser geht’s nicht. Aber wir sind natürlich nicht perfekt – leider! Obwohl das schon o.k. ist. Sobald wir perfekt wären, würden wir keine Musik mehr machen wollen, dann würden wir uns zurücklehnen und sterben.“

Auch über ein halbes Jahr nach der Aufführung ist Castus noch immer begeistert von der Museumsinsel: „Ich finde die Location genial. Für uns als Berliner war es traumhaft, dass wir die Aufführung dort machen konnten und wir auch die Unterstützung der Stadt und vom Preußischen Kulturbesitz und vom Regierenden Bürgermeister hatten. Es ist großartig, dass alles so funktioniert hat – das Licht, wie die Nationalgalerie, wie wir alle, die Großartigkeit der ganzen Veranstaltung rüberkamen. Da passte auch die Musik. Hätten wir das auf irgendeiner Wiese gemacht, in einem mittelalterlichen Dorf oder auch in einer Halle, wäre es sicher nicht so gut angekommen. Es ist einfach großes Theater gewesen. Das gefällt uns. Auch, wie wir mit der Solistin Ingeborg Schöpf aussehen – es ist einfach ein rundes Ding daraus geworden, und das auf der Museumsinsel.“

Im Sommer 2006 wird es eine weitere Aufführung von ‚Cantus Buranus’ in Berlin geben, diesmal auf der Zitadelle Spandau.

„Wie das aussehen wird, können wir jetzt noch nicht sagen“, erklärt Castus, „wir wissen zum Beispiel noch nicht, mit welchem Orchester wir da spielen werden. Es wird vorher kleinere Sachen geben; kleiner in dem Sinne, dass wir keinen großen technischen oder szenischen Aufwand betreiben können. Auf dem WGT spielen wir zum Beispiel am Abschlusstag in der Agra-Halle als Ausklang. Und da ist die Bühne zu klein, ebenso die technische Ausrüstung, da können wir nicht mit 170 Leuten auf der Bühne stehen. Das wird wie auf dem Wacken-Festival sein, eher eine technische Variante, bei der dann die Musiker direkt abgenommen werden, wahrscheinlich mit ca. 80 Leuten. Das ist ja immer noch für viele ein Rekord.“

Also wird man nicht immer in den Genuss kommen, die Dudelsackspieler auf der von imposanten Friesenhengsten gezogenen Quadriga einfahren zu sehen, wie Castus bestätigt: „Das wird so generell nicht möglich sein, allein aus Platzgründen. In Berlin hatten wir zwischen Bühne und erster Reihe sechs Meter Platz. Weil wir die Veranstalter waren, konnten wir das so entscheiden, auch wenn wir wussten, dass wir uns ein bisschen ins eigene Fleisch schneiden würden, wenn wir die ersten Reihen ein Stück nach hinten verlagern. Aber wir wollten die Einfahrt mit der Quadriga unbedingt machen. Und das ist gefährlich, wenn man nicht diese Sicherheitsabstände hat. Denn vier Pferde nebeneinander sind einfach mal breit. Gerade die Friesenpferde sind imposant, und das waren keine Wallache, sondern Hengste. Dem Nicki, der die Pferde geführt hat, haben wir vertraut, er hat uns erklärt, wo so etwas möglich ist und wo nicht.“

In der Vergangenheit wurden Pläne verlautbart, das Stück auch mit zwei Orchestern auf die Bühne zu bringen, doch Castus schränkt ein: „Das wird eher was für ‚Cantus Buranus 2’ sein. Aber wir haben jetzt am neuen Tanzwut-Album gearbeitet, dann wird im Sommer eine neue CD von Corvus Corax erscheinen, und wenn diese kreative Arbeit getan ist, dann können wir uns ‚Cantus Buranus 2’ zuwenden. Aber in diesem Jahr braucht man darüber gar nicht nachzudenken – ich finde, was in diesem Jahr auf dem Programm steht, ist schon genug.“

Bislang war ‚Cantus Buranus’ stark mit dem Cottbusser Orchester und dem Dirigenten Jörg Iwer verbunden, doch künftig werden Corvus Corax auch mit anderen Orchestern arbeiten.

„Ich finde es gut, wenn man nicht nur mit einem Orchester zusammenarbeitet“, meint Castus dazu. „Wenn eins zum Beispiel eine Aufführung hat und wir ein Angebot haben, da wäre es problematisch, das zu organisieren – und wir hassen es, abhängig zu sein. Mit Corvus Corax wollten wir immer unabhängig sein, darauf haben wir hingearbeitet. Da kommt es uns ganz gelegen, dass man entscheiden kann, mit welchem Orchester man wann zusammenarbeiten kann. Im September haben wir wahrscheinlich eine Aufführung weiter im Süden, wo wir mit dem Orchester vor Ort spielen werden. Für uns bedeutet das, dass wir ein paar Tage vorher hinfahren und mit dem Orchester proben müssen, aber das ist o.k. So etwas machen wir gern.“

Ein Traum der Band ist es, ‚Cantus Buranus’ einmal mit einem traditionellen chinesischen Orchester in China aufzuführen oder das Werk in den USA auf die Bühne zu bringen, doch dies ist leichter gesagt als getan: „Es gibt ausgereifte Pläne, aber noch niemanden, der sie finanziert. Wir würden mit einem Orchester vor Ort proben, aber wir würden schon mit einem Tross von ca. 25 Leuten in die USA kommen, was eine ganze Menge ist, wenn man das alles finanzieren will. Die ganze Logistik sprengt manchmal den Rahmen, und da wird es dann schwierig, das Ganze auch umzusetzen.“

Auf ein erfolgreiches Gastspiel in den USA mit dem regulären Programm im Herbst 2005 können Corvus Corax dennoch zurückblicken, denn sie traten im Rahmen der Philadelphia Renaissance Faire auf.

„Es war großartig“, erinnert sich Castus, „wir hatten erst ein bisschen Angst, wie die Amerikaner sind. Aber sie haben uns in den Himmel gelobt, es war das gleiche Feeling wie in Deutschland; in der ersten Reihe Frauen, die mit den Augen geklappert haben“, setzt er mit einem Lachen hinzu. „Wir waren sehr froh, dass wir uns Amerika erspielt haben. Wir haben jetzt eine große Fangemeinde dort und werden in absehbarer Zukunft auch dort wieder spielen. Wir sind auf alle Fälle absolute Exoten dort gewesen – gern gehörte!“

Zur im Sommer anstehenden Corvus-Corax-CD verrät Castus nur so viel: „Sie wird gut! Passion – Leidenschaft! Da geht es nicht um Gänsehaut wie bei ‚Cantus Buranus’, da geht es um rot geklatschte Hände und müde Beine nach einem Corvus-Corax-Konzert!“

 

Petra Lindner